Zahnlos, harmlos: Eintracht Braunschweig
8 min readBeinahe 100 Minuten hatten die Löwen beim zudem ersatzgeschwächten Schlusslicht Fürth in Überzahl gespielt und doch gelang der Braunschweiger Eintracht kein Tor gegen die schlechteste Abwehr der Liga. Keine Ideen, keine Mittel, keine Zielstrebigkeit: Das Team von Trainer Heiner Backhaus ließ erneut fast alles vermissen, was es in der 2. Bundesliga braucht. Und so sahen die 1.100 mitgereisten Eintracht-Fans die nächste Leistung, die durchaus an einen Absteiger erinnern konnte.

Vor dem Spiel gab es für mich „Zwei im Weggla“ für 4,50 Euro. Leckere Würstchen, gutes Brötchen. Eigentlich alles perfekt? Im Gegenteil. Das Grillgut wurde zwar kurz nach Stadionöffnung erworben, war aber fast so bitterkalt wie die Außentemperatur. Zudem gab es die Soßen mal wieder aus der Tüte. Viel Potential, aber am Ende nur 6/10 von mir.
Eintracht-Coach Heiner Backhaus entschied sich für folgende Aufstellung: Thorben Hoffmann (TW) – Kevin Ehlers (67. Faride Alidou), Patrick Nkoa, Lukas Frenkert – Johan Gómez (58. Anas Bakhat), Max Marie, Sven Köhler (C, 46. Fabio di Michele Sánchez), Mehmet Can Aydin, Leon Bell Bell (90.+3 Florian Flick) – Erencan Yardimci, Sidi Sané
Wenige Augenblicke waren gespielt, als ein langer Ball von Thorben Hoffmann im Mittelfeld hin und herprallte. Heim-Akteur Dietz kam im Zweikampf mit Erencan Yardimci zu spät und traf den Stürmer von hinten am Bein. Sah aus dem Gästeblock erstmal halb so wild aus, aber der Stürmer schien Schmerzen zu haben. Und das nicht ohne Grund. Denn als sich der VAR einschaltete, sahen zumindest die Fernsehzuschauer und Schiedsrichter Schwengers den Grund. Der Fürther hatte den Braunschweiger unabsichtlich böse mit offener Sohle an der Achillessehne getroffen. Bitte für die Gastgeber aber eine klare Sache: Rot und damit Platzverweis. Kurios, dass Schiedsrichter Schwengers zuvor nicht einmal Gelb gegeben hatte. Überzahl für die Löwen und da das Foul sich in der ersten Minute ereignete, war klar: inklusive Nachspielzeit bedeutete das mehr als 90 Minuten einen Spieler mehr!

Es sollte eins der einseitigeren Spiele werden, die man in den letzten Jahren gesehen hat. Zumindest wenn die überlegenere Mannschaft die Eintracht war. Andersherum haben wir es ja erst vergangene Woche erlebt. Es spielte nur noch die Eintracht, das Schlusslicht zog die schlechteste Abwehr der Liga eng zusammen und verteidigte mit allen zehn Spielern tief. Nach einer Ecke gab es die erste Chance für Blau-Gelb. Etwas glücklich prallte der Ball vor die Füße von Yardimci und Marie, die beide zum Schuss ansetzten, wobei tatsächlich nur einer den Ball traf, aber geblockt wurde. Wieder sprang der Ball hin und her und landete erneut bei Max Marie, der die Kugel aus sechs Metern Richtung Tor bugsierte. Wieder war ein Fürther dran und entschärfte das Spielgerät. Kleeblatt-Keeper Schlieck packte sicher zu.
Ein paar Minuten danach setzte Bell Bell vor dem Strafraum Kapitän Sven Köhler in Szene, der aus 20 Metern einfach mal den Abschluss suchte. Sein Flachschuss rollte klar links am Tor vorbei. Eine Zeigerumdrehung danach spielte Köhler eine Ecke von rechts kurz auf das rechte Strafraumeck. Dort hatte Johan Gómez viel Platz und löffelte den Ball auf den Elfmeterpunkt. Lukas Frenkert setzte sich im Luftduell durch, beförderte das Leder aus aussichtsreicher Position aber weit am Kasten vorbei. Da war definitiv mehr drin gewesen. Dann kamen auch mal die Gastgeber: Hrgota setzte sich auf dem Flügel durch, seine Hereingabe faustete Hoffmann eher schlecht als recht weg, sodass es brenzlig blieb. Am Ende gab es Ecke für das Schlusslicht, diese wurde aber nicht gefährlich. Zehn Minuten später vertändelte Kapitän Köhler leichtfertig den Ball und hatte Glück, dass er bei seinem Foul gegen Futkeu 35 Meter vor dem gegnerischen Tor statt vor dem eigenen Tor stand, so gab es Gelb statt Rot, denn Köhler war der letzte Braunschweiger gewesen.

Mitte der ersten Halbzeit war nicht nur Patrick Nkoa ratlos. Da der Innenverteidiger aber der ballführende Löwe war, zog er einfach mal aus etwa 30 Metern ab. Sein Fernschuss missriet zwar völlig, landete aber bei Leon Bell Bell, der die Kugel mit einer Ablage auf Sidi Sané erneut scharf machte. Der letzte Torschütze der Eintracht nahm sich halblinks im Strafraum den Abschluss, setzte seinen Versuch aber deutlich über den Kasten. Kurz darauf stellte sich Kevin Ehlers im gegnerischen Strafraum etwas ungeschickt an und trat seinem Gegenspieler heftig auf den Fuß. Seine zweite Gelbe Karte in der Saison, Gleichstand zu seinen zwei Platzverweisen.
Einige Minuten passierte nichts. Immer wieder waren es schwache Flanken und Standards der Löwen, die verpufften, bis Leon Bell Bell fünf Minuten vor der Pause vom linken Strafraumrand flanken konnte. Diese war lange in der Luft und fiel nahe am Tor runter, eigentlich ein klassischer Torwartball, doch der Kleeblatt-Keeper ging nicht hin und so kam Erencan Yardimci aus spitzem Winkel und drei Meter vor dem Tor mit dem Kopf an den Ball. Vom Schädel des Türken klatschte die Kugel an den rechten Innenpfosten und sprang zurück in die Gefahrenzone. Anschließend konnten die Gastgeber klären. Dickste Chance bislang, wieder kein Tor! Es lief bereits die Nachspielzeit, als Sven Köhler aus der zweiten Reihe versuchte, das Tor aber erneut klar verfehlte.

Nach einem Foul an Lukas Frenkert war Felix Higl, Torschütze aus dem Hinspiel, stark Gelb-Rot gefährdet. Daher wurde bereits vor dem Pausenpfiff ausgewechselt. Der für ihn eingewechselte Srbeny trat mit seiner ersten Aktion Lukas Frenkert links vor dem Strafraum um und sah sofort Gelb, verrückt! Den Freistoß aus halblinker Position zog Mehmet Can Aydin direkt aufs Tor, Schlieck war mit einer Hand da und lenkte die Kugel über den Querbalken, richtig gefährlich war das aber nicht. Deutlich näher am Torschrei brachte die Eintracht-Fans die nachfolgende Sequenz. Köhler spielte die Ecke von rechts flach auf den Strafraumrand, dort hatte Mehmet Can Aydin viel Platz, trat bei seiner Direktabnahme aber am Ball vorbei. So rutschte die Kugel zu Leon Bell Bell durch, der sogar noch besser positioniert war und aus 16 Metern zentral vor dem Tor zum Abschluss kam. Leicht abgefälscht zischte sein Schuss haarscharf über den Querbalken. Wieder gab es eine Ecke, aus der sich aber ein Konter der Gastgeber ergab, doch dieser verpuffte.
Dann war Halbzeit. Mehr als 75 % Ballbesitz für deutlich überlegene Löwen, denen zwar einige Abschlüsse gelungen waren, wirklich gefährlich wurde es aber viel zu selten. Vor allem, da man die gesamte Halbzeit in Überzahl gegen das Schlusslicht spielte, das auch noch ohne mehrere Stammspieler angetreten war und darüber hinaus bisher die meisten Gegentore kassiert hatte. Immerhin hatte man keinen einzigen Torschuss der Kleeblätter zugelassen, die es mit der Offensive aber auch kaum versuchten. Trainer Heiner Backhaus nahm den leicht Gelb-Rot gefährdeten Kapitän Köhler zum Seitenwechsel runter und brachte Fabio di Michele Sánchez in die Partie. Dafür rückte Leon Bell Bell auf die rechte Seite.

Zumindest in Ansätzen wirkte es nach Wiederanpfiff etwas zielstrebiger. Sidi Sané zog von links in den Strafraum, wurde aber aus 13 Metern geblockt. Eine Zeigerumdrehung später versuchte es Aydin aus 30 Metern, ballerte die Kugel aber eher Richtung Stadiondach als Richtung Tor. Kurz darauf verlängerte Kevin Ehlers eine Marie-Ecke am ersten Pfosten mit dem Kopf deutlich über den Kasten. Eine Stunde war gespielt, als Ziereis eine Flanke von Fabio di Michele Sánchez unterschätzte. So rutschte die Kugel zu Erencan Yardimci durch, der sieben Meter vor dem völlig frei war, aber zu überrascht war und den Ball nicht kontrollieren konnte. Zwei Minuten danach prallte der Ball nach einer Ecke zu Leon Bell Bell, der aus 19 Metern geblockt wurde. Im zweiten Anlauf versuchte es Fabio di Michele Sánchez aus etwa 30 Metern, zirkelte den Ball aber klar links neben das Tor.
In der Meisterminute schleuderte Anas Bakhat einen Einwurf von links weit in den Strafraum. Am Elfmeterpunkt legte Sidi Sané zu Fabio di Michele Sánchez ab, dessen Direktabnahme aus 18 Metern bestimmt fünf Meter über den Kasten flog. Es lief bereits die Schlussviertelstunde, als sich Fabio di Michele Sánchez und Leon Bell Bell auf dem linken Flügel sehenswert durchsetzen konnten. Die Flanke von Bell Bell passte zwar genau in Richtung Yardimci, geriet aber ein Stück zu hoch. So konnte der Stürmer den Ball nicht nach unten drücken und bugsierte die Kugel aus fünf Metern über den Querbalken.

Im Gegenzug hätten die Gastgeber beinahe alles auf den Kopf gestellt. Bei einem Steckpass von Hrgota konnte sich Patrick Nkoa nicht so recht zwischen Laufduell und Ballabfangen entscheiden und machte dann beides nicht. So war Srbeny plötzlich frei durch, doch ihm misslang glücklicherweise die Ballmitnahme etwas. Dadurch kam Mehmet Can Aydin als letzter Mann mit einer starken Grätsche noch dazwischen und blockte den Abschluss aus elf Metern. Nur eine Zeigerumdrehung später ließen die Löwen am rechten Strafraumeck Hrgota zu viel Platz, der einfach mal draufhielt. Sein Schuss wurde abgefälscht und dadurch zur perfekten Vorlage für Bjarnason, der acht Meter vor dem Tor völlig alleine war. Zum Glück für die Blau-Gelben zog der Fürther völlig überhastet per Direktabnahme ab und knallte die Kugel meterweit daneben. Da hätte man sich allerdings nicht über ein Gegentor beschweren können.
Auf der anderen Seite ereignete sich dann die Szene, die symptomatisch für die Eintracht an diesem Tag stand. Ebenjener Bjarnason köpfte aus irgendeinem Grund im Mittelfeld ohne Grund und viel zu kurz Richtung eigenes Tor. Keeper Schlieck kam deutlich zu langsam aus seinem Kasten und so kam Yardimci vor ihm an den Ball. Doch der Stürmer bekam erst seine Füße nicht sortiert und verzichtete dann aus einem mir wirklich unerfindlichen Grund darauf, den Ball Richtung leeres Tor zu chippen. Stattdessen spielte er zurück auf Sidi Sané, der trotz mehrerer Verteidiger im Weg ebenfalls ein noch leeres Tor vor sich hatte. Aber auch er verzettelte sich und schaffte es tatsächlich, den Ball so zu verstolpern, dass er ins Seitenaus sprang. Unfassbar. Mit Nachspielzeit waren die Löwen etwa 99 Minuten Spielzeit in Überzahl. Umso erschreckender, dass ab der 85. Minute kein einziger wenigstens halbwegs gefährlicher Abschluss verzeichnet wurde. Ein Verzweiflungsschuss von Max Marie aus 22 Metern flog meterweit über den Kasten.

Direkt danach war Schluss und sofort wurde es still im Gästeblock, ehe sich bitter enttäuschtes Gemurmel breit machte. Ein Spiel, welches man schon im Vorhinein gewinnen sollte und nach der Roten Karte gewinnen musste. So bleiben die erschreckend harmlosen Löwen auch im zweiten Spiel der Rückrunde ohne Tor und offenbarten Probleme in der Offensive, die ernsthafte Sorgen bei allen Eintracht-Fans verursachen dürften. Zwar wäre ein Sieg nicht unverdient gewesen, mit den Gegebenheiten war das aber viel zu wenig. So kann es nicht weitergehen, so wird es schwierig mit dem Klassenerhalt. Viel Arbeit noch für Benjamin Kessel und Heiner Backhaus.
Bis dahin
Euer Kivi
