Härtels Personalentscheidungen bei Zielspielern fragwürdig
8 min readMoin Löwen!
Die vergangene Woche lässt sich gut mit dem Wort „bitter“ zusammenfassen: Erst der bittere Ausfall unserer „Lebensversicherung“, dann eine bittere Niederlage.
Der Ausfall eines so wichtigen Spielers wie Anthony Ujah in einer Fußballmannschaft zeigt, wie viele negative Auswirkungen eine Verletzung haben kann, wie sich jetzt auch in Rostock gezeigt hat. Eintracht Braunschweig konnte nicht mehr auf die volle Leistungsstärke im Sturm zurückgreifen, zudem beeinträchtigte der Ausfall von Ujah die Mannschaftsdynamik. Trainer Jens Härtel musste seine Spielstrategie überdenken, da er zuletzt ein 4-2-3-1 mit Ujah als Stürmer/Zielspieler gewählt hatte.

Härtel kommentierte die mögliche Umstellung auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Hansa Rostock wie folgt: „Eine Änderung der Spielanlage geht nicht von heute auf morgen. Es wird ein Prozess sein, zu schauen, wer auf welcher Position spielt und wie diese dann interpretiert wird. Das gibt aber auch die Chance auf neue Möglichkeiten, die man mit Tony vielleicht nicht hatte.“ Ich halte das Wort „Interpretation“ in dieser Aussage von Härtel für entscheidend. Ujah hat sowohl von seiner taktischen Ausrichtung als auch in seiner natürlichen Rolle als Zielspieler agiert und überzeugt.
Vor dem Rostock-Spiel hatte Härtel zwei Optionen: Entweder er ersetzt Ujah durch einen anderen Zielspieler oder er stellt seine Mannschaft taktisch anders auf, zum Beispiel mit einer Doppelspitze. Es störte mich persönlich enorm, dass Härtel im Spiel zuvor Florian Krüger und Ujah gleichzeitig auf den Rasen schickte. Beide, wie auch Luc Ihorst, gelten laut Global Soccer Network (später GSN) als natürliche Zielspieler (eng verwandt mit dem Wandspieler als oberer Begriff) Im Prinzip sollte eine Mannschaft, die mit Zielspielern spielt, sich ausschließlich auf einen solchen Spieler in dieser Rolle fokussieren. Daher hatte ich auch gegen die Kogge erwartet, dass Krüger die Rolle von Ujah übernehmen würde. Härtel überraschte mich sehr, als er ihn weiterhin als linken Außenstürmer einteilte und stattdessen Kaan Caliskaner als Sturmspitze brachte, der vom Typ her ein Stoßstürmer ist. Er spielte damit zwar auf der gleichen Position wie Ujah zuvor, aber seine Rolle und Aufgaben wird er tendenziell anders interpretieren.

Um Spielertypen wie Ujah, Ihorst oder Krüger genauer zu ergründen, müssen wir die taktischen Aufgaben und fußballerischen Eigenschaften eines Zielspielers näher betrachten. Auf diese Weise können wir ihre Spielweise besser verstehen und sie theoretisch in die Spielweise und Taktik der Eintracht einbinden. Beginnen wir jedoch zunächst mit der Definition, was wir überhaupt unter einer Spielerrolle verstehen.
Spielerrollen mit Taktik und Eigenschaften
Eine Spielerrolle basiert auf verschiedenen Grundlagen: Zum einen auf den spielerischen oder taktischen Aufgaben, die ein Spieler zu erfüllen hat. Dabei handelt es sich um mannschafts- oder gruppentaktische Aufgaben, die festlegen, wie ein Team zusammenspielen soll und welche Aufgaben ein Stürmer oder Zielspieler in dieser Taktik zu erfüllen hat (z.B. direktes Spiel von Härtel: Bälle festmachen, Kopfballduelle gewinnen, den Ball klatschen lassen usw.). Im Fußball finden sich zum anderen auch individualtaktische positionsbezogene Aufgaben, bei denen ein Spieler positionsspezifische (Position = dynamische Zone oder weiträumiger Bereich, den ein Spieler zu besetzen hat) Grundlagen beherrschen muss. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Ein Stürmer sollte nicht im Abseits stehen, damit er angespielt werden kann. Hinzu kommen situationsabhängige Aufgaben. So muss ein Spieler z.B. als direkte Anspielstation dienen oder als ballnaher Verteidiger auftreten.
GSN geht davon aus, dass Spieler aufgrund ihrer Eigenschaften bestimmte Spielertypen oder Spielerrollen verkörpern. In einem Interview in 2020 mit Transfermarkt.de sagte der Geschäftsführer Dustin Böttger dazu: „So haben wir 14 verschiedene Positionsprofile, alle haben noch mal diverse Spielerrollen. Jede Position und jede Spielerrolle stellt andere Anforderungen an einen Spieler, dementsprechend sind andere Werte und Daten relevant.“
Die oben genannten Anforderungen der Spielerrollen dienen als Grundlage für diese Analyse. Ein Spieler mit der natürlichen Spielerrolle Zielspieler interpretiert seine Aufgaben auf dem Platz anders als z.B. ein Stoßstürmertyp wie Caliskaner. Die natürliche Spielerrolle (oder der Spielertyp) ist für mich also so etwas wie eine “Brille“, mit der ein Spieler das Spiel interpretiert und darüber sein Denken und Handeln auf dem Spielfeld steuert. Durch diese „Brille“ orientiert er sich und verhält sich entsprechend auf dem Spielfeld.
In diesem Fall ist es sehr wichtig, diese Anforderungen zu kategorisieren, denn so können wir die Spieler individuell betrachten und anhand ihrer Eigenschaften vergleichen. Meiner Meinung nach sollte jeder Trainer die verschiedenen natürlichen Rollen eines Spielers berücksichtigen. Der finnische Ex-Nationalspieler Markus Halsti sagte nach dem Spiel Kasachstan – Finnland über den finnischen Cheftrainer Markku Kanerva, wie gut Kanerva die verschiedenen Rollen der Spieler versteht und sich nicht scheut, auch mal Topspieler auf die Bank zu setzen, wenn sie von ihrer Rolle her nicht in den Matchplan oder die Taktik passen.
Aus diesem Grund habe ich vor der Saison auch nicht damit gerechnet, dass Krüger gemeinsam mit Ujah auf dem Platz stehen würde. Es würde von der Rollenverteilung her mehr Sinn ergeben, verschiedene Spielertypen in der Startformation zu haben und einzusetzen. So hat man verschiedene Stärken auf dem Platz und kommt sich nicht gegenseitig ins Gehege. Außerdem ist man dadurch für den Gegner etwas unberechenbarer.

Die Definition eines Zielspielers
Nun wissen wir, dass die Eintracht drei natürliche Zielspieler im Kader hat und diese somit ein bestimmtes Profil aufweisen. Wie definiert die GSN einen Zielspieler? Wichtige Merkmale eines Zielspielers sind:
- Körperliche Präsenz
- Ball halten und auf Mitspieler warten
- Gutes Kopfballspiel
- kurze, präzise Pässe
- Torgefährlichkeit
- Räume schaffen
GSN unterstreicht, dass Zielspieler häufig dann eingesetzt werden, wenn eine Mannschaft einen direkteren Fußball spielen möchte oder einen kopfballstarken Spieler im gegnerischen Strafraum benötigt. Die Taktik und der Spielstil der Mannschaft richten sich dann oft danach, den Zielspieler effektiv einzusetzen, um Torchancen zu kreieren.

FMScout definiert einen Zielspieler ähnlich, nämlich dass er die gegnerische Abwehr herausfordern und ärgern soll. Im Idealfall wird das Spielgeschehen an ihn herangetragen, um das Angriffsspiel zu gestalten. Im Football Manager hat ein Zielspieler zwei Rollen: „Unterstützung und Angriff“. In der eher unterstützenden Rolle achtet der Zielspieler mehr darauf, den Ball zu erobern und zu behaupten, um ihn dann an seine Mitspieler weiterzugeben. In der offensiveren Rolle versucht der Zielspieler mehr Räume und Chancen für sich und seine Teamkollegen zu schaffen, indem er Räume durch seine Physis schafft oder ausnutzt.
Das Anforderungsprofil des Zielspielers in Kurzform: Ein Zielspieler ist ein Stürmer, der durch seine körperlichen und fußballerischen Fähigkeiten Torchancen kreiert. Er ist in der Regel groß und kräftig, hat ein gutes Kopfballspiel und kann den Ball halten, um auf seine Mitspieler zu warten.
Muster-Beispiel: Giroud
Wir können uns dazu ein Beispiel anschauen. Der 36-jährige französische Stürmer Olivier Giroud gilt als klassischer Zielspieler. Das Video von @nouman5583 zeigt, dass Giroud selbst kein Torjäger ist, wohl aber seine Mitspieler ins Spiel bringen kann. Er ist in der Lage, den Ball zu kontrollieren und dann auf seinen Mitspieler zu passen (Typ Unterstützer). Mit seiner Größe von 1,92 cm und 93 kg (Wyscout) kann er seine Physis gut ins Spiel einbringen, um seinen Nebenleuten zu helfen und Räume zu schaffen.
Giroud beschäftigt und bindet die Abwehr, so dass seine Mitspieler in die freien Räume laufen oder den Ball hineinspielen können. Ganz wichtig ist dabei, dass der Zielspieler den Ball mit dem Rücken zum Tor annehmen kann. Ein Topspieler wie Giroud kann sich auch ohne Ball exzellent bewegen und positionieren (off-ball movement). Natürlich muss er auch gut in der Luft sein, um lange, hohe Bälle für sein Team zu sichern, die er eventuell auf schnelle Flügelspieler oder Mittelfeldspieler ablegen kann.
Die Zielspieler bei der Eintracht vor und nach Ujahs Verletzung
Zurück zur Eintracht. Wie bereits festgestellt, setzte Jens Härtel vor dem Verletzungspech mit Florian Krüger und Anthony Ujah gleich zwei Zielspieler in der Startelf ein. Aber nur Ujah fungierte als echter Zielspieler, der das gesamte Angriffsspiel der Braunschweiger vorantrieb. Das belegen auch die Zahlen von Wyscout. Ujah hatte vor seiner Verletzung die meisten Kopfballduelle im Team (9,75 / 90 min) und auch die meisten langen Bälle empfangen (2,65 / 90 min).
Florian Krüger agierte sowohl vor als auch nach der Verletzung von Ujah als linker Außenstürmer bzw. als Zehner. Damit kann er weder auf seiner gewohnten taktischen Position als Stürmer noch in seiner natürlichen Rolle als Zielspieler agieren (es sei denn, er spielt als Äußerer Zielspieler) und wird Mühe haben, dem Anforderungsprofil beider Positionen gerecht zu werden.
Im Spiel gegen Hansa Rostock war deutlich zu erkennen, dass Caliskaner die taktische Rolle von Ujah übernehmen sollte, was ihm aber nur bedingt gelang. Krüger agierte auf der Außenbahn in einem 4-2-3-1, was in doppelter Hinsicht eine ungünstige Aufstellung war, da beide nicht optimal eingesetzt wurden. Es war zu beobachten, wie Krüger das Spiel teilweise wie ein (Außen-)Zielspieler interpretierte. Er machte Bälle fest, stand oft mit dem Rücken zum Tor und ließ den Ball auf die nachrückenden Mittelfeld- und Abwehrspieler klatschen (unten in der Bildergalerie gut zu sehen, screenshot Wyscout). Das schien nicht so recht zur Taktik von Eintracht zu passen und unterscheidete sich sehr davon, wie zum Beispiel auf dem rechten Flügel ein gelernter offensiver Aussenstürmer, Fabio Kaufmann, das Spiel interpretierte (unten screenshot Wyscout, Aktionskarte vom Spiel gegen Rostock). GSN versicherte mir zudem, dass Krüger, wenn überhaupt, aufgrund seiner Eigenschaften nur auf dem rechten Flügel als Äußerer Zielspieler eingesetzt werden sollte.


Sehr gefreut habe ich mich über die Einwechslung von Luc Ihorst gegen Rostock, der als natürlicher Zielspieler einen Kurzeinsatz auf seiner angestammten Position hatte. Seine Rückkehr erweitert die Optionen der Eintracht in der Offensive. Dennoch bleibt festzuhalten, dass auffällig viele Spieler nicht auf ihren natürlichen Rollen und Positionen spielen durften. Dies sollte bei der Eintracht eingehender reflektiert werden. Die individuellen Stärken der Spieler wurden so von Härtel auf mehreren Positionen beschnitten und die Schwächen verstärkt. Die Zielspieler-Thematik ist hier leider nur die Spitze des Eisberges, wenn es um den optimalen Einsatz der Spieler geht.
Fazit
Härtel muss in den nächsten Wochen entscheiden, wie er die Offensive der Eintracht stabilisieren will. Wichtig wäre es aus meiner Sicht, Florian Krüger als Zielspieler zu etablieren und ihn nicht auf der Außenbahn oder als Zehner einzusetzen. Seine Eigenschaften passen einfach am besten auf die Position Stürmer in der Rolle Zielspieler. Härtel muss aber auch nicht unbedingt mit einem Zielspieler auflaufen lassen. In einem solchen Fall sollte er Krüger aber lieber auf die Bank setzen. Generell tut sich die Eintracht derzeit schwer, die Spielerrollen optimal zu besetzen, wofür das Trainerteam die Hauptverantwortung trägt. Deshalb habe ich leider meine Zweifel, dass es unter Härtel hier ein großes Umdenken geben wird.
Was mir Hoffnung gibt? Die Umstellung von Dreier/Fünfer- auf Viererkette hat es nun ja immerhin gegeben. Auch die Genesung von Luc Ihorst gibt mir Hoffnung.




