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IN BEARBEITUNG!!

Die „Brille“ des Bryan Henning

7 min read

Moin Löwen!

Mezzala, Box-to-Box-Spieler oder Falsche Neun. Jeder „Football Manager“-Zocker kennt sie: Spielerrollen. Heute stelle ich euch einen sehr interessanten Spieler samt Rolle vor, dessen Spielweise viele Eintracht-Herzen höher schlagen lässt: Bryan Henning – unser Segundo Volante.

Ein Segundo Volante bei seiner Arbeit. Bild: BS1895.de

Um besser zu verstehen, was wir in diesem Fall mit einer Spielerrolle meinen, müssen wir ergründen, wie die Sportart Fußball funktioniert.

Wie jedes andere Fußballteam auch hat Eintracht Braunschweig im Kader verschiedene Spielertypen. Eine Mannschaft ist erstmal nur ein Haufen voller Individualisten. Da Fußball aber ein Kollektivsport ist, reichen einzelne gute Kicker natürlich nicht aus, um auch erfolgreich zu sein. Ein Spieler muss zum Beispiel bereit sein der Mannschaft zu dienen und definierte Rollen zu erfüllen: beispielsweise als direkte Anspielstation oder als Ballnaher Verteidiger.

Ein Spieler muss als Teil einer Gruppe agieren (zum Beispiel in einer Viererkette) und darüber hinaus zusammen mit den eigenen Teamkameraden als Mannschaft arbeiten. In einem Spiel, in dem immer nur ein Spieler von 22 den Ball haben kann, erledigen die restlichen 21 trotzdem immer eine bestimmte Aufgabe. Auch, wenn das für uns Zuschauer nicht immer offensichtlich ist. Daraus ergeben sich eine Vielzahl an Variablen oder Möglichkeiten auf dem Platz, was das Spiel kompliziert, aber eben auch so attraktiv macht.

Wir halten also fest: Es gibt taktische und technische Aufgaben, die ein Spieler als Teil der Gruppe meistern muss. Diese Aufgaben hängen sehr von der Position des Spielers ab, die sie oder er in der Mannschaftformation innehat. Man nennt sie auch die „Individuellen Grundlagen“ einer Position. Ein Stürmer sollte es z.B. vermeiden, ohne Ball von der eigenen Mannschaft isoliert irgendwo im letzten Drittel „rumzuparken“. Ein Innenverteidiger muss sich hingegen beim Dribbeln mit dem Ball so bewegen, dass er dabei Raum für neue Passwege öffnet. Es sind diese Grundlagen, die jeder Spieler positionspezifisch beherrschen muss.

Und da wären dann noch die taktischen Anweisungen, die der Trainer den Spielern mit auf den Platz gibt. Spielt eine Mannschaft im tiefen Block oder mit Gegenpressing, arbeitet der Spieler auf einer ähnlichen Position anders, als er es vielleicht in einer anderen Situation tun würde. Die Diskussion um Bryan Henning und Martin Kobylanski ist hierfür das beste Beispiel – aber dazu später mehr.

Ich möchte auch noch erwähnen, dass eine Spielposition natürlich kein strikt statischer Raum auf dem Feld ist. Es handelt sich hier mehr um eine dynamische Zone oder ein weiträumiges Gebiet, die ein Spieler hauptsächlich besetzen soll.

Publikumsliebling. Bild: BS1895.de

Was meine ich mit einer „Brille“?

Ich halte weiter fest: Das Spiel verlangt von einem Spieler auf seiner Position, dass er gewisse Aufgaben löst. Da auch Fußballer unterschiedliche Menschen sind, interpretieren sie ihre Position auf dem Feld individuell und lösen die gleiche Aufgabe eventuell mit anderen Mitteln. Zusätzlich spielen die physischen und psychologischen Eigenschaften eine Rolle.

Anhand der Daten von Global Soccer Network (GSN) kann man jedem Eintracht-Spieler seine „natürliche Position“ auf dem Feld zuweisen. So spielt beispielsweise Jasmin Fejzic selbstverständlich nicht als Stürmer, sondern als Torhüter. Neben der Position kann man nun auch eine Spielerrolle definieren. In diesem Fall kann man Jasi wohl als Konservativen Torhüter beschreiben. Dass er nicht der Beste mit dem Ball am Fuß ist, haben die meisten Eintracht-Fans vermutlich mitbekommen. Ein „Sweeper-Torhüter“ ist damit als Rolle für ihn eher ungeeignet.

Die Spielerrolle ist für mich damit so etwas wie eine „Brille„, durch die ein Spieler das Spiel interpretiert. Durch sie orientiert er sich und agiert entsprechend auf dem Feld. Rollen wie der Mezzala sind traditionell mit einer ganz bestimmten Position verknüpft. Bei Henning und Co. möchte ich nun daran anknüpfen und zeigen, dass die natürliche Rolle (von GSN definiert) eines Spielers sein denken und handeln auf dem Rasen beeinflusst.

Wenn wir nun die natürliche Spielerrolle eines Bryan Henning kennen, dann können wir auch einschätzen, wie er das Spiel sieht und wie er vermutlich agieren wird. Hierbei gilt es, immer auch die taktischen Vorgaben und Grundlagen zu beachten.


Segundo Volante

Henning spielt unter Michael Schiele auf der Zehnerposition im offensiven Mittelfeld. Von Hause aus ist er aber ein gelernter zentraler Mittelfeldspieler mit einem gehörigen Hang zur Defensive. Also eher ein Sechser. Da er seit einiger Zeit als Zehner aufgestellt wird, reicht seine gewohnte Spielinterpretation nicht aus. In seiner neuen Position kann er schlicht nicht mehr wie ein herkömmlicher Sechser spielen. Daher nimmt er die Rolle eines Segundo Volante ein.

Aber was zum Teufel macht nun ein Segundo Volante? Oder besser gefragt: Wie interpretiert ein Segundo Volante aka Bryan Henning das Spiel?

Wörtlich übersetzt (vom Spanischen ins Deutsche) bedeutet Segundo Volante so etwas wie „ein zweites Lenkrad“ oder „ein zweites Steuerrad“. GSN sieht in einem Segundo Volante eine Mischung aus einem Ballgewinnenden Mittelfeldspieler und einem Box-to-Box-Mittelfeldspieler.

Normalerweise agiert ein solcher Spieler als Teil einer „Doppelsechs“ im defensiven Mittelfeld. Hier kann der Sechser-Kollege das Spieltempo kontrollieren, während der Segundo Volante das Tempo gegenüber dem Gegner anzieht. Ein Spieler wie Henning braucht viel Platz vor sich, um mit seiner Geschwindigkeit vorstoßen zu können.

Henning ist schwer zu stoppen. Bild: BS1895.de

Kein typischer Zehner

Nun stellen wir aber fest, dass Henning unter Schiele nicht auf der Sechs und auch nicht auf der Achterposition spielt – sondern meist auf der Zehn. Laut GSN kann er dadurch sein Tempo nicht ganz optimal ausnutzen. Ihn auf der Sechserposition auflaufen zu lassen, wäre für die defensive Absicherung jedenfalls keine Schwäche. Zusätzlich wäre er hier näher an seinem natürlichen Jagdgebiet dran. Doch auch beim Einsatz in seinem offensiveren Part zeigen die Daten seine defensive Stärke: Auf der Zehnerposition hat Henning die fünftmeisten erfolgreichen Defensivaktionen in den drei deutschen Topligen.

SpielerVereinLigaErfolgreiche
defensive
Aktionen pro 90
Gespielte Minuten
M. MehlemPaderborn2BL11,681040
M. StenderaIngolstadt2BL10,53769
C. TheisenViktoria Berlin3L9,461123
H. MörschelDresden2BL9,201154
B. HenningBraunschweig3L8,342045
Daten: Wyscout.

Verlieren unsere Löwen das Spielgerät, jagt Bryan den Ball – will ihn schnell zurückgewinnen. Seine hohen Balleroberungen nah an der Verteidigungslinie des Gegners gehören zu den gefährlichsten in der 3. Liga. Mit 2,33 Balleroberungen im letzten Drittel hat er die viertbeste Quote. In der Kategorie „Balleroberungen nach Gegenpressing“ liegt er ligaweit ebenfalls auf Rang vier mit 4,05 Balleroberungen pro 90 Minuten.

Nach einem Ballgewinn schaltet er sich sofort in die Offensive ein und ist für die zweite Angriffswelle bereit. Seine Intensität und Tempo sind hoch, dabei verliert er die defensive Absicherung nur selten aus den Augen. Seine Dribbel-Statistik ist in Ordnung. Ein bisschen mehr Gefährlichkeit könnte er hier aber dennoch gerne ausstrahlen. Im Schnitt dribbelt er 1,63-mal erfolgreich pro Spiel und hat nach 58 von 85 erfolgreichen Dribbelaktionen 2 Tore erzielt (1,28 xG).

So kann man festhalten, dass Henning seine Rolle unter Schiele wirklich gut umsetzt. Seine Interpretation als Segundo Volante lässt ihn schnell umschalten, aber auch Bälle effektiv zurück erobern. Im Grunde ist er „überall“ auf dem Feld wiederzufinden – was auch an seinen Eigenschaften liegt, den Ball zu jagen und dann mit Tempo anzuziehen.

Doch gerade, wenn er mal den Ball am Fuß hat, zeigen sich auch seine deutlichsten Schwächen und damit der Unterschied zu einem offensivdenkenden und kreativen Zehner. Ich vermute, dass gerade seine Tendenz, mit dem Ball zu laufen oder den Ball kurz zu spielen, ihn dann vor Probleme stellt, wenn der Gegner die Räume eng macht. So enden über 50% seiner progressiven Läufe (mit Ball) im Verlust des Spielgeräts. Und auch seine Pässe gelten nicht als sonderlich kreativ.

Im Vergleich mit Kobylanski sieht man, dass Henning in der Offensive noch zulegen muss. Dass seine Rolle primär die eines Balljägers ist, der die unorganisierte Abwehr mit seinem Tempo überwinden will, zeigt auch der Statistikvergleich.

Vergleich Kobylanski vs. Henning, Februar 2022, Wyscout

Ein Problem in der Schiele-Taktik bleibt es, effektive Lösungen gegen tiefstehende Teams zu finden. Dass dies mit der derzeitigen Besetzung nicht optimal gelingt, konnten wir gegen den 1. FC Saarbrücken am Samstag gut beobachten. Gegen den defensiv orientierten Kontrahenten hatte Henning seine Probleme. Hätte er mehr freie Räume auf dem Platz bekommen, so hätte er seine oben beschriebene Spielweise wohl effektiver für das Braunschweiger Spiel einsetzen können.

Fazit

Insgesamt ist Bryan Henning aus dem Braunschweiger Spiel nicht mehr wegzudenken. Dennoch muss man festhalten, dass er auf der Zehnerposition nicht in seinen natürlichen Jagdgebieten unterwegs ist. Ein adäquater Ersatz sitzt bei uns derzeit nicht auf der Bank. Dennoch sollte Schiele aus meiner Sicht noch etwas nachjustieren und eine Formel finden, wie man Hennings Spiel besser unterstützen könnte. Gerade tiefstehende Mannschaften bremsen unser „zweites Lenkrad“ zu häufig aus.


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