Unterwegs im „begrenzten Raum“ – ein Kommentar

6 min read

Hallo Löwen,

seit dem Abstieg in die 3. Liga im Mai 2021 ist viel passiert. Heute liegt die Mannschaft von Michael Schiele fußballerisch im Soll. Vereinsintern wurden ein neues Präsidium und ein neuer Aufsichtsrat gewählt. Auf dem Papier führt die neue Besatzung (mit einer Ausnahme) des Teams „Roter Löwe“ das Vereinsschiff in frische Fahrwasser. Damit haben auch die Sponsoren nun einen gewissen Grad an Gewissheit, der in den letzten Monaten fehlte. Die erste Fußball-Herrenmannschaft wird nächste Saison mindestens in der 3. Liga spielen und Nicole Kumpis übernimmt im Verein für voraussichtlich mindestens knapp zwei Jahre das Ruder.

Bild: Robin Burek.

Doch man sollte das Ganze auch realistisch einordnen: Die Wunden nach dem Abstieg in der vergangenen Saison sitzen immer noch tief. Der Misserfolg unter Christoph Bratmann führte zu einer Bildung von zwei unterschiedlichen Teams, die gegeneinander in einer Wahl antraten. Das erste Mal in der Vereinsgeschichte. Letztendlich war es aber auch für das Gewinner-Team „Roter Löwe“ kein wirklich überzeugender Wahlsieg. Somit bleiben sie unter Zugzwang, ihre Kritiker bis zur nächsten Wahl zu überzeugen. Auf die GmbH hat das aber erstmal keinen direkten Einfluss. Hier zeichnet sich der neu aufgestellte Aufsichtsrat verantwortlich: Jens-Uwe Freitag als neuer Aufsichtsratsvorsitzender und Präsidentin Kumpis als Stellvertreterin.

Dabei sind einige Zeile bereits abgesteckt: Eintracht Braunschweig will in der kommenden Zeit nicht nur der größte Sportverein in Braunschweig bleiben, nein, auch über die Stadtgrenzen hinaus will man sich als Gesamtverein entwickeln und als guter Nachwuchsstandort für junge Talente etablieren. Neutral betrachtet, könnte man die letzten Jahre durchaus als eine sportliche und finanzielle Katastrophe einordnen. Aus einem etablierten wie ambitionierten Zweitligisten mit Nachwuchsmannschaften in der Regionalliga und in Junioren-Bundesligen wurde fast ein Herren-Regionalligist.

Wie fördert Eintracht den Nachwuchs?

Die Nachwuchsarbeit ist für heranwachsende Kicker mit einer Zwoten in der Landesliga und einer U19 -Mannschaft in der Regionalliga wohl keine besonders anziehende Konstellation. Da es derzeit danach aussieht, dass auch die B-Junioren den Gang in die Regionalliga antreten müssen, wäre es trotz eines möglichen Wiederaufstieges der 1. Herren in die 2. Liga eher eine sportliche Ruine als eine solide Burg, die von unserem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) bleibt. Sollte die Mannschaft nicht aufsteigen, spielt keine Eintracht-Mannschaft in der Bundesliga. Das gab es zuletzt 2018/19 und davor in der Saison 2010/11.

Im NLZ leistet man bestimmt eine gute Arbeit, die man aus der Ferne nicht wirklich gut beurteilen kann. Gleichzeitig wird man aber auch im Kubus ehrlich zugeben müssen, dass junge Talente aus dem eigenen Nachwuchs in den letzten Jahren bei uns kaum Chancen bekommen haben. Stattdessen hat man sich lieber Talente ausgeliehen und fördert diese dann für andere Vereine. Um Coronaregeln zu umgehen, meldete man einige Spieler auch noch in diesem Frühjahr vom aktiven Spielbetrieb ab. Nicht, dass man wegen Nachwuchsspielern noch seine Aufstiegschancen versemmelt!

Das Motto scheint zu lauten: Sportlicher Erfolg mit allen Mitteln auf der Autobahn, statt einen Umweg in Kauf zu nehmen und mal langsamer sowie gemütlicher anzukommen. Talente fördern: ja. Eigenen Talenten eine Chance geben: nein. Dieser nackten Wahrheit müssen wir uns wohl oder übel stellen, bei unserer ersten Herrenmannschaft in Braunschweig.

Aus sportlicher Sicht betrachtet müsste es doch eigentlich unser Ziel sein, junge Spieler regelmäßig nicht nur ins Training der 1. Mannschaft zu integrieren, sondern dem eigenen Nachwuchs dann auch Spielpraxis in der 1. Mannschaft zu geben. Sonst ist die Nachwuchsarbeit sportlich unsinnig und gescheitert.

Talente in der Region?

Wenn wir mal ein mögliches Datenscouting ausklammern, das für den C-Juniorenbereich sowieso nicht zugänglich ist (und aus Gründen des Jungendschutzes auch nicht sein sollte), ist man bei der Eintracht darauf angewiesen, seine Talente im nahen Umfeld zu suchen. Der neue Vizepräsident Benjamin Kessel sagte auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung, Eintracht wolle Talente aus der Region vor den anderen Vereinen aufspüren. Dafür sei man gezielt in kleinen Orten und Spielstätten unterwegs.

Doch ist dieser Plan wenigstens in der Theorie umsetzbar – oder überhaupt sinnvoll? Denn die Löwen haben in der Region ein großes, ungeliebtes Problem: Wolfsburg. Wenn wir regional unterwegs sein wollen, müssen wir zunächst so neidlos wie möglich anerkennen, dass es die Nachbarn 20 Kilometer weiter (zugegeben mit sehr viel mehr Geld) derzeit deutlich besser machen als wir. Im „Nachbardorf“ kann man Bundesliga in allen Altersklassen spielen. Junge Talente haben dort die Chance, Fußball auf dem höchstmöglichen Niveau zu spielen. Mit einer kleinen Einschränkung: Inzwischen haben die Wölfe ihre U23 aus der Regionalliga abgemeldet.

Wenn ich die Situation vor Ort als Verein also ehrlich betrachte, gibt es sehr gute Gründe, mich als junger Spieler NICHT für die Eintracht zu entscheiden. Hier brauchen wir also neue Ansätze. Dazu später mehr.

Tradition statt Modernität?

Auf dem Gebiet „neue Spieler datenbasiert scouten“ stellt sich die jetzige sportliche Führung, etwas platt ausgedrückt, dämlich an. So habe ich persönlich wenig Verständnis dafür, dass Peter Vollmann sich beim Scouting „im begrenzten Raum“ bewegen und sich damit ohne Not einschränken will, wie er in der Halbzeitpause beim NDR im Spiel gegen den VfL Osnabrück sagte. Auf die Vorteile des Datenscoutings angesprochen, gerät Vollmann fast schon in Erklärungsnot. Seine schließlich herausgestammelte Antwort (ab Minute 5:00) lässt eine gewisse Ahnungslosigkeit in diesem Themenkomplex mindestens erahnen. Seine Aussagen widersprechen zudem in gewisser Weise, was Sportkoordinator Dennis Kruppke Anfang März in der Braunschweiger Zeitung über Datenscouting sagte: „Das Thema steckt bei uns noch in den Kinderschuhen, wir eruieren die Situation, sind mit mehreren Anbietern in Kontakt und wollen das Thema weiter vorantreiben.“

Vorantreiben kann man die Sache aber nur, wenn man diese moderne Art des Scoutings als eine Chance begreift und sie nicht als gefühlte Bedrohung wahrnimmt – aus welchen Gründen auch immer. Vollmann äußert sich jedenfalls in zahlreichen Interviews immer wieder mit fragwürdigen „Fakten“. So zum Beispiel seine Annahme, dass Daten erstmal nur als Zusatzinformationen dienen (FC Midtjylland lässt grüßen). Letztendlich kann ich nur vermuten, wie die Sache im Kubus wirklich betrachtet und angegangen wird. Ich hoffe inständig, dass dies planvoller geschieht, als bei vielen anderen Schritten in den vergangenen Jahren.

Eintracht 2.1

Eintracht kann sich derzeit nur beschränkt im sportlichen Bereich auszeichnen. Deswegen muss man sich um Talente in anderer Weise bemühen, als es manch ein Verein in unserer Umgebung tun.

Wir betreiben schon eine Weile unsere Rubrik „Über den Tellerrand schauen“ aka Eintracht 2.1. Um euch hier nicht mit mieser Stimmung zurück zu lassen, möchte ich euch gerne konkrete Lösungsvorschläge mit auf den Weg geben. Diese stammen in diesem Fall aber nicht von mir, sondern von dem Eintracht 2.1-Mastermind Jens Remmert. Im Kern hält er fest, dass wir Talenten „in ganz besonderer Weise verdeutlichen und demonstrieren, dass der BTSV weitaus mehr als ein Fußball-Verein ist.“ Das könnte so aussehen:

  • Die Jugendarbeit stärker regionalisieren
  • Talente überall mit einer langfristige Strategie fördern
  • Mehr soziale und karitative Ansätze
  • Als Verein inklusive Spielern, Trainern und Funktionären einem sozialen Fussballprojekt beitreten oder ein eigenes Projekt kreieren und fördern
  • Eigene Werte (vor-) leben: lokale, regionale und möglicherweise auch global soziale und karitative oder ökologische Projekte unterstützen
  • Spieler ganzheitlich als Menschen voranbringen und sozial einsetzen

Ein paar Worte möchte ich an dieser Stelle auch noch zu unserer Frauenmannschaft sagen. Ich hoffe, sie steigen bald in eine höhere Spielklasse auf und der Verein überlegt sich im Zuge dessen, ob man nicht auch den Frauen einen Platz in der GmbH anbieten sollte. Auch auf diesem Gebiet könnte man sich als Verein ein wenig weiterentwickeln und auszeichnen.

Und datenbasiert scouten sollte man ja meines Erachtens ohnehin – das ist ein No-brainer!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: