Eintrachts schwache Offensive – Liegt es wirklich nur an Conteh?
5 min readMoin Löwen!
100 Minuten gegen zehn Mann – und am Ende steht ein 0:0 gegen das Tabellenschlusslicht. Eintrachts Offensive strahlte kaum Gefahr aus; die Backhaus-Elf scheiterte an sich selbst. Fast wäre man sogar in einen Konter gelaufen. Zwar konnte man gegen Greuther Fürth 1,8 xG und 19 Schüsse verzeichnen, doch über das gesamte Spiel hinweg schien es so, als könne man heute einfach kein Tor erzielen. Die Eintracht agierte zu statisch, zu langsam und schlichtweg ineffizient.
Ein Blick auf die Schusskarte zeigt das Problem: Die meisten Abschlüsse kamen aus der zweiten Reihe, und nur 2 von 19 Schüssen gingen überhaupt direkt auf das Tor. Es ist kaum verwunderlich, dass eine kompakte und tiefstehende Defensive – selbst in Unterzahl – der Eintracht den Zahn ziehen konnte.

Ja, das ist nicht Eintrachts Spielweise oder Stärke. Sie agieren lieber gegen Gegner, die das Spiel selbst machen, damit man gegen den Ball anlaufen, ihn erobern und mit Tempo in große Räume stoßen kann. Genau hier lagen die Stärken eines Christian Conteh, was ihn so gefährlich machte. Man setzt zudem gerne auf Einzelaktionen, lange Pässe und zweite Bälle.
Wenn sich der Gegner jedoch hinten reinstellt – was nach der Roten Karte verständlich war –, muss man entweder selbst Lösungen kreieren oder Tore über Standards erzielen. In beiden Bereichen blieb Braunschweig am Ende ideenlos.
Offensivspiel
Betrachten wir beispielhaft eine Szene aus der 19. Spielminute: Die Eintracht ist im Ballbesitz, Fürth steht tief und kompakt. Der Gegner setzt die Eintracht kaum unter Druck und lässt den Ball außerhalb der Staffelung laufen. Was auffällt: Die Eintracht spielt ständig um die Formation herum. Es gibt kaum Bewegung, einfachste Tiefenläufe fehlen, und es finden weder Über- noch Unterläufe statt.


Ein Beispiel aus der 20. Spielminute. Selbst wenn es der Eintracht gelang Lücken zu reisen oder Räume zu generieren, wurden einfache taktische Mittel wie in die freien Räume laufen oder Hinterlaufen nicht genutzt. Erstmal macht es Aydin richtig, er macht einen Lauf an die Seite und zieht den Innenverteidiger mit sich. Eine Lücke zwischen den Innenverteidigern entsteht. Bell Bell hat den Ball und jetzt hat Eintracht zwei Optionen. A, sie könnten in den freien Halbraum hineinlaufen und versuchen diesen Raum zu bespielen, theoretisch haben hier zum Bespiel Yardimci oder Marie die Möglichkeit dazu (auch wenn sie nicht optimal positioniert sind) oder B, Bell Bell könnte den Ball an Frenkert spielen, der auf dem Flügel attackieren könnte und somit Bell Bell Hinterlaufen. Doch beides passiert nicht, stattdessen bekommt Frenkert zwar den Ball, aber hinter Bell Bell, wird unter Druck gesetzt und spielt weniger Überraschend einen Rückpass.



Das an einem einzigen Spieler wie Conteh festzumachen, wäre Blödsinn. Es sind grundlegende Dinge, die hier fehlen, und diese Fehler sind dem Trainerteam zuzuschreiben. Das hat nichts mit fehlender Energie zu tun, sondern mit taktischen Basics, die entweder fehlen oder nicht abgerufen werden können. Freie Räume werden nicht erkannt oder schlicht nicht bespielt.
Standards
Auch bei den Standards war die gleiche Ideenlosigkeit zu erkennen und vor allem wie man Stur bei seinem Matchplan bleibt, auch wenn man in Überzahl ist und mehr Mut beweisen könnte. Die Eintracht verbuchte in diesem Spiel zehn Ecken. Im Grunde spielte man drei Varianten. Von rechts war stets Sven Köhler der Schütze (6/10), von links übernahm Max Marie (4/10). Die Ecken von rechts wurden als „Outswinger“ (vom Tor wegführend) getreten oder flach in den Rückraum gespielt. Die von links wurden als „Inswinger“ (zum Tor hindrehend) ausgeführt. Da sowohl Köhler als auch Marie Rechtsfüßer sind, sind diese Varianten zwar logisch, aber weder vielseitig noch einfallsreich.



Fürth verteidigte basierend auf einer Raumdeckung, wobei sie besonders den Fünfmeterraum besetzten. Die Eintracht hätte hier einige freie Räume bespielen können, machte es dem Gegner jedoch meist sehr leicht, die Bälle zu klären. Man spekulierte eher auf zweite Bälle, die Fürth durch energisches Herausrücken gut verteidigte. Die ersten Bälle landeten entweder im Rückraum (außerhalb des Fünfmeterraums) oder direkt am ersten Pfosten oder zentral – also genau dort, wo der Druck am größten war und man die Bälle kaum verwerten oder verlängern konnte.


Auch die Freistöße blieben ungefährlich. Die Hereingaben segelten meist zentral in den Druck hinein, während man erneut auf zweite Bälle hoffte. Lediglich der Weitschuss von Aydin überraschte den Keeper fast – es war die beinahe beste Chance aus einer Standardsituation heraus. Hinzu kam die Ecke in den Rückraum, nach der Bell Bell etwas überraschend zum Abschluss kam, weil Aydin den Ball nicht getroffen hat und vorbei tritt. Letztlich waren beides jedoch nur Fernschüsse und damit Teil des Problems: Die Eintracht kommt nicht in die gefährlichen Räume.
Beiden den Einwürfen setzte die Eintracht immer wieder auf die lange Variante. Die Eintracht zieht hier sogar seine Innenverteidiger hoch und versucht beim ersten Pfosten mit Ehlers und Nkoa den Ball Richtung den Angreifer und zweiter Pfosten zu lenken. Ehlers macht es sogar sehr gut und startet seinen Lauf hinter dem Rücken des Verteidigers. Die Szene kann Fürth aber gut klären, denn der Gegner weiß diese Bälle zu verteidigen, denn Eintracht spielte diese immer wieder. Grundsätzlich nicht verkehrt, da man auch in der Hinrunde somit Erfolg hatte. Doch die Überraschung fehlt. Achtet mal bei diesem Einwurf vom Neuzugang Anas Bakhat. Vorhin habe ich es kritisiert, doch hier hätte man eventuell mal auch eine Überraschungsvariante wählen können und in den freien Raum hineinwerfen, denn dort stehen zwei Eintracht-Spieler Komplet frei mit viel Platz und Zeit. Es scheint als wähle man fast immer die falsche Variante.

Fazit
Eintrachts Spielweise basiert auf großen Räumen, die man mit Tempo attackieren kann, sowie auf zweiten Bällen und gewonnenen Zweikämpfen. Steht der Gegner tief und kompakt in der eigenen Hälfte, zeigt sich zum wiederholten Male, wie ideenlos die Offensive wirkt und man Stur bei seinem Matchplan bleibt. Dies ist nicht einzelnen Spielern wie dem nach Heidenheim verkauften Conteh anzulasten, sondern scheint primär ein taktisches Problem zu sein – und liegt somit in der Verantwortung des Cheftrainers. Die Leistung gegen Fürth wirft viele Fragen auf, wie konkurrenzfähig die Eintracht unter Heiner Backhaus kurz- und langfristig wirklich ist.
Daten von Wyscout und Bundesliga.de. Screenshots von Wyscout und Viaplay.
