Vier Formate für Eintracht – eine Adresse für Fans.

Die Leiden des jungen Endos – Neue Vielseitigkeit mit Tauer?

9 min read

Moin Löwen!

„Leihe beendet – Keita Endo verlässt Eintracht Braunschweig„. So lautete die Überschrift der Braunschweiger Zeitung am 2.1.2024. Leihe beendet, oder doch das Leiden? Denn keiner der Beteiligten war nach Endos 1,5-jährigen Gastspiels im Löwen-Trikot wirklich glücklich. Nach einer starken Sommervorbereitung 2023 kam Endo nur auf sieben Teileinsätze. Immer wieder hörte man aus dem Umfeld, dass der 26-jährige Japaner Schwierigkeiten hatte, die aktuelle Situation zu verstehen. Erst mit Daniel Scherning kam ein Trainer ins Team, der auch Englisch spricht. Unter Jens Härtel gab es hier offenbar Schwierigkeiten in der Kommunikation.

Ich habe über Endo schon zweimal (1) (2) berichtet. Er ist und bleibt für mich eine tragische Figur, die sich in Braunschweig mit anderen gescheiterten Spielern einreiht. Mit Endo verliert man einen Spielertypen, den man eigentlich hätte gebrauchen können, aber so eigentlich nie wirklich richtig eingesetzt hat. Fast kam mir der Junge vor wie eine Popcornmaschine, die man im Edeka zum halben Preis gekauft hat und anschließend nur einmal benutzt hat und danach eher die Küche schmückt. Die Versuche, Endo, einen inverser Außenstürmer, im Mittelfeld oder sogar als Außenverteidiger einzusetzen, sind gescheitert. Eine Popcornmaschine ist halt kein Wasserkocher und Endo eher ein Spezialist auf dem linken offensiven Flügel als ein Generalist auf mehreren Positionen. Ich hoffe stark, er wird bei seinem nächsten Verein einen Trainer finden, der ihn auf seiner Paradeposition spielen lässt und ihn taktisch optimal einsetzt.

Die Braunschweiger mögen sich vielleicht sogar als Gewinner fühlen, weil der Kader endlich kleiner werden kann. In Wirklichkeit verliert man mit Endo einen Spieler, der den Kader bestärkt hat. Laut Global Soccer Network brachte Endo sogar Bundesligaeigenschaften mit sich. Er war stark im offensiven eins gegen eins, hatte eine saubere Ballverarbeitung und war trickreich, wendig, mit einem starken Antritt und ordentlichem Tempo ausgestattet (33,80 km/h). Taktisch war Keita auf einem hohen Level. Er hatte eine gute Übersicht in Drucksituationen, war kreativ, orientierte sich gut nach vorne und hatte eine gute Raumfindung.

Keita Endo beim Training (Bild: Kivi)

Doch nun ist er weg, also weiter geht’s und Mund abputzen? Niemand ist grösser als der Verein war auch schon immer mein Motto. Dennoch sollte man daraus seine Lehren ziehen. Ein paar Gedanken dazu.

Was kann man aus dem Fall Keita Endo lernen?

Ich denke, Eintracht Braunschweig hat schon daraus ihre Schlüssel gezogen. Allerdings teile ich nicht jede Einschätzung zu 100 %.

Erstens denke ich, dass man spezielle Spielertypen wie Keita Endo, Martin Kobylanski oder auch Yari Otto eher auf dem Transfermarkt vermeiden wird, wenn man sie nicht vollständig in das mannschafts-taktische Gefüge einbauen kann.

In Braunschweig wurden in der Vergangenheit immer wieder unter die Jahre gekommene Spieler verpflichtet, die man nicht richtig einsetzen konnte, wollte oder mochte. Man wollte sie mit Eintrachts Kernelemente wie Kampf und Arbeit vereinbaren. Doch am Ende musste man ernüchternd feststellen, dass die Spieler nicht zur Kern-Eintracht-DNA passten und man sie auch nicht taktisch integrieren konnte.

Genau hier war die Leihe von Endo am Ende ein Fehler. Seine Schwächen hatte der Japaner im Pressing, bei Flanken und im Abschluss. Drei Kernelemente oder Grundeigenschaften, die ein Flügelstürmer gerade in Braunschweig wohl braucht. Deswegen sehe ich es aktuell schon kommen: Ein ähnliches Schicksal droht auch Youssef Amyn, ein seltener Typ Straßenfußballer, der wohl am Ende zu speziell für die Eintracht sein wird, wie ich es befürchte. Man hört immer wieder, dass „er noch Zeit braucht“, was für mich eher ein Indiz dafür ist, dass man hier eine weitere Popcornmaschine in der Küche stehen hat.

Auch diese Statistik belegt, dass Eintracht nicht immer weiß, wie man Spieler optimal einsetzt. Laut GSN (auf NDR) haben mit Griesbeck, Wiebe, Endo, Gómez, Sané, Krüger und Multhaupt gleich sieben Akteure unter 25 Prozent bis maximal 50 Prozent ihrer Einsatzzeit auf den für sie besten Positionen in dieser Saison gespielt. Dieser Trend muss im neuen Jahr 2024 unbedingt abgestellt werden.

Es gibt aber auch Gegenargumente. Ein Spieler sollte mittlerweile nicht nur eine Position, sondern auch mehrere Systeme beherrschen, was natürlich stimmt. Außerdem ist ein Fußballspiel so fließend, dass man Positions- und Rollen unabhängig voneinander Aufgaben und verschiedene Spielsituationen lösen muss.

Ich bin allerdings davon überzeugt, dass verschiedene Positionen und sogar Spielerrollen ein unterschiedliches Anforderungsprofil haben. Man sollte sich auch nicht unnötig schwächen, gerade wenn man sowieso nicht den stärksten und vielseitigsten Kader in der Liga hat. Wenn z. B. Griesbeck seine Stärken eher im defensiven Mittelfeld hat, sollte man ihn auch dort möglichst viel einsetzen, statt ihn in der Innenverteidigung spielen zu lassen. Allein die physischen Ansprüche sind auf den beiden Positionen anders.

Allrounder als Antwort?

Doch die Eintracht will jetzt einen anderen Weg gehen und auf vielseitige Spieler setzen. Man will, so scheint es, möglichst viele „polyvalente“ Spieler verpflichten. Im Scouting wird man wohl gezielter darauf achten, dass die Spieler auch die gewünschten Systeme 3-1-4-2 (aktuell) und 4-3-3 (zukunft) spielen können und dabei mehrere Positionen beherrschen und vielseitig einsetzbar sind.

Das belegt auch der erste Wintertransfer von Niklas Tauer. Der 22-jährige Schalker kann laut Eintracht sowohl in der Abwehr als auch im Mittelfeld eingesetzt werden. Auch die BZ analysiert den Neuzugang ähnlich: „Nach dem Abgang von Keita Endo füllt Eintracht Braunschweig die Lücke im immer noch großen Kader wieder mit einem Mittelfeld-Allrounder auf.“ Global Soccer Network sieht den Spieler ebenfalls als vielseitig einsetzbar an: „Tauer hat seine Idealposition im defensiven Mittelfeld, kann aber auch als Innenverteidiger, Rechtsverteidiger und im zentralen Mittelfeld agieren.“

Doch einen Moment, bitte. Polyvalent oder ein „Allrounder“ im Mittelfeld zu sein kann doch nicht nur bedeuten, dass man auf mehreren Positionen spielen kann? In der Tat sollte man hier zwischen zwei unterschiedlichen Definitionen unterscheiden. Laut Spielverlagerung. de heißt Polyvalenz im Fußball: „Als polyvalent wird ein Spieler bezeichnet, wenn er entweder viele verschiedene Positionen gleichermaßen stark bekleiden kann oder bzw. und eine hohe Anzahl an guten Fähigkeiten bei wenig Schwächen besitzt.“

Genau hier ist auch im Fall Tauer der Knackpunkt. Tauer kann mehrere Positionen besetzen ohne dabei seine Leistung erheblich zu schwächen, doch er hat als Spieler deutliche Stärken und Schwächen, weswegen er von seinen Fähigkeiten her kein Allrounder ist. GSN sieht einen Spielertyp „Allrounder“ so: „Ein Allrounder ist einer, der viele Dinge überdurchschnittlich gut kann, ohne irgendwo herausragend zu sein. Im Umkehrschluss ist er aber auch in keinem Bereich besonders schwach oder schlecht.“

GSN sehen Tauer von seinen Fähigkeiten als einen Balleroberer (also nochmal: kein Allrounder). Das heißt, er hält zum Beispiel seine Spielweise einfach und bringt wenig Kreativität mit sich, ist dafür aber aggressiv und hat eine hohe Arbeitsmoral. Wäre Tauer auch von seiner Spielerrolle her ein Allrounder, hätte er, sowohl ein ordentliches Passspiel als auch ein ordentliches Zweikampfverhalten und Antizipieren bei Balleroberungen ohne in einem Bereich überragend zu sein“. Vielseitig einsetzbar ja, aber nicht ausgeglichene Stärken und Schwächen. Ein Spieler, der von seinen Fähigkeiten ausgeglichener ist, findet man auf der rechten Schiene. Marvin Rittmüller ist „rechter Schienenspieler“ und nicht vielseitig einsetzbar, dafür aber für seine Position in seinen Stärken und Schwächen in einer gewissen Balance.

Vielseitig auch auf dem Transfermarkt?

Die Verpflichtung von Tauer als Balleroberer spricht dafür, dass Eintracht Braunschweig das alte Vollmann-Scouting-Modell nicht komplett abschütteln konnte. Zwar denke ich, dass die Eintracht weniger Popcornspieler braucht, doch vom Spielstil her betont der Verein vielleicht zu viel den Kampf und den Willen. Eintrachts Chef-Scout Philipp Schmidt sagte im BZ-Interview: „Mögliche Neuzugänge sollen zur Spielphilosophie passen. Die ist aber nicht starr festgelegt. Der Fußball ist so dynamisch wie noch nie. Für uns ist wichtig, dass wir aktiv, leidenschaftlich und mutig spielen. Daraus leiten wir unsere Profile ab.“

Aktiv, leidenschaftlich, mutig: Wichtige Eigenschaften in der Eintracht-DNA. Doch mir fehlen hier konkrete Ansätze. Unsere Idee von einer ausgeglichenen Eintracht-DNA war immer neben Kampf und Arbeit auch Offensiv-Fußball und ein Stück Zauber. Gerade beim Spielertyp Balleroberer sehe ich eine Schwäche bei den Scoutingprofilen. Paradoxerweise sorgt das für weniger Polyvalenz im Kader. Denn wer vorrangig Kampf und Arbeit sehen möchte, vernachlässigt Eigenschaften wie Kreativität oder Ballkontrolle. Balleroberer Tauer passt von seinen Eigenschaften her wunderbar in die schon jetzt sehr große Gruppe von anderen Balleroberern: Decarli, Kurucay, Ivanov, Eisen-Ermin, Behrendt, Wiebe und Krausse. Aktuell besteht etwa 25 % des jetzigen Kaders aus Spielern, die ihre Schwächen gerade eher im Spiel mit dem Ball haben. Zum Beispiel hat Eisen-Ermin seine Schwächen im Ersten Kontakt, in der Technik und im Passspiel.

Hier ist der Kader auch sinnbildlich für das Endergebnis. Eine Datenanalyse von GSN auf NDR belegt, dass der „Hauptbedarf“ bei der Eintracht „Ball- und Passsicherheit im Zentrum“ ist. Dieser Bedarf sollte unbedingt in diesem Transferfenster beseitigt werden. Der Transfer von Tauer beweist aber leider genau das Gegenteil, auch wenn er wegen seiner einfachen Spielweise als passsicher gilt (auf Kosten von Kreativität bzw. in der DNA: „Zauber“).

Zauber ist das 4. Element in unserer Eintracht-DNA.

Als Fan wünscht man sich zwar eine klare Handschrift bei den Transfers, doch in Zukunft muss man unbedingt auch auf mehr Polyvalenz bei den Spielerfähigkeiten achten, um klare Schwächen wie Ball- und Passunsicherheit zu beseitigen. Genau hier ist Eintrachts Chef-Scout Philipp Schmidt gefragt. Ich hoffe, dass die nächsten Transfers beweisen, dass man darauf geachtet hat. Man muss ihm und dem Scoutingteam hier die Arbeitsruhe geben, die sie brauchen.

Vielseitigkeit nur auf Deutsch?

Die Eintracht sucht also auf dem Scoutingmarkt nach möglichst vielseitigen Löwen-Spielern für den Kader. Doch zu meiner Überraschung will man auf dem Scoutingmarkt eher auf dem deutschsprachigen Markt (bzw. auch in Nachbarländern) unterwegs sein. Sprachliche und kulturelle Unterschiede sollen möglichst gering sein, damit ein Neuzugang auch schnell zündet. „Der Fußball ist so schnelllebig. Es geht um Integration und Kommunikation“, sagte Schmidt im BZ-Interview.

Damit ist gewissermaßen ein neues Zeitalter angebrochen, und der Abgang von Endo hat vielleicht eine höhere Bedeutung als wir aktuell noch denken können. Ich kenne die genauen Umstände von Endos Zeit in Braunschweig nicht, aber man hörte immer wieder, dass er Probleme hatte, sich zu integrieren. Auch hierauf deutet die Aussage von Schmidt hin. Für mich ist das aber nicht Endos Schuld, sondern weist alleine darauf hin, dass Eintracht es nicht geschafft hat, nicht-deutschsprachige Spieler in die Löwenfamilie so aufzunehmen, wie man es von einem professionellen Fußballverein eigentlich erwarten kann und sollte.

Eventuell lag dies, wie so oft, an fehlenden Ressourcen. Wenn man nicht die nötigen Integrationshilfen, wie Dolmetscher, Betreuer und so weiter, hat, dann ist dieser Schritt folgerichtig, aber doch auch sehr problematisch. Man macht sich dadurch den Scoutingteich unnötig sehr klein und er könnte in der Zukunft noch kleiner werden. Aktuell sprechen etwa 130 Millionen Menschen weltweit Deutsch als Muttersprache. Außerdem gehören etwa 7,5 Millionen Menschen in 42 Ländern weltweit einer deutschsprachigen Minderheit an. Etwa 15 Millionen Menschen lernen weltweit Deutsch als Fremdsprache, davon sind 90 Prozent Schüler und 10 Prozent Erwachsene.

Laut einer Studie wird Deutsch als Sprache an Bedeutung verlieren und weniger gesprochen werden. Für den Profi-Fußball in Deutschland bedeutet dies, dass Fremdsprachen zunehmend wichtiger werden. Außerdem ist Deutschlernen auch nicht frei von der aktuellen politischen Lage. Ich kann mir vorstellen, dass die 1 Million Russen, die Deutsch noch vor weniger Zeit gelernt haben, es in der Zukunft weniger tun werden. Ich bekomme auch durch meinen Beruf direkt mit, wie jedenfalls in Finnland das Interesse an der Deutschen Sprache von Jahr zu Jahr sinkt.

Eintracht würde gut daran tun, langfristig eine Strategie aufzubauen, mit der sie Spieler aus dem nicht-deutschsprachigen Raum für sich gewinnen kann. Sonst ist man trotz Datenscouting und klarer Scoutingprofile, auf Deutsch gesagt, am Ende der Fahnenstange angekommen.

Fazit

Der Abgang von Endo und der Zugang von Tauer beseitigen noch nicht die Probleme im Braunschweiger Kader, aber könnten eventuell eine größere Bedeutung haben, als wir uns aktuell noch vorstellen können. Wichtig wird sein, in zukünftigen Abgängen und Neuzugängen darauf zu achten, dass der Kader von seiner Spielermischung her vielseitig ist und dass gezielt in puncto Ball- und Passsicherheit verstärkt wird.

5 thoughts on “Die Leiden des jungen Endos – Neue Vielseitigkeit mit Tauer?

  1. Dieser sehr gute Artikel ist der Beweis! Nur weil die BZ jetzt die Daten entdeckt hat, bist du noch lange nicht „arbeitslos“!
    BGG Axel

  2. Danke für deine stets treffenden Analysen. Ich merke. Dass sich mein Fußballsachverstand stetig erweitern kann. Ich hoffe, dass auch Eintracht das irgendwann so sehen wird und sich in der Datenwelt zurecht findet und viel wichtiger diese dann auch richtig zu interpretieren. Wie du schon oft gesagt hast, ist Datenscouting nicht alles, aber ohne Datenscouting ist alles nichts!
    Datenscouting ist immer der erste Schritt in der Suche nach geeigneten Kandidaten/Spielern und reduziert mit wenigen Schritten eine große Menge an Spieler auf ein kleines Feld an geeigneten, dann kommt das persönliche Scouting, Videoanalyse, Spiel-und Spielerbeobachtung. Bis zur Entscheidung im Verein pro eines geeigneten Spielers und hier muss ebenfalls Kompetenz vorhanden sein. Passt der Spieler menschlich zu uns, etc. Und dann erst die Verhandlung mit Verein und Spieler.

  3. Kobylanski als speziell zu bezeichnen trifft es meiner Meinung nach nicht. Klar hat er Talent und glänzt bei Standardsituationen. Ansonsten ist er trainings- und lauffaul. Ein typischer Schönwetterspieler, der bei norddeutschen Bedingungen lustlos über den Platz schleicht.
    Jetzt ist er bei den Amateuren angekommen, wo er auch hin gehört.

    1. Brian Behrendt werde ich übrigens vermissen. Ein Top Innenverteidiger, der immer einen guten Job gemacht hat. Danke für alles und viel Glück in der dritten Liga bei Halle.

Antworten Sie auf den Kommentar von WorfAntwort abbrechen

Entdecken Sie mehr von

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen