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Die Suche nach etwas, das man schon hat

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Moin Löwen!

Die ganze Eintracht ist auf der Suche. Nach Punkten, nach Spielern, nach Qualität. Aber man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Im DFB-Pokal gegen Schalke 04 zeigte die Eintracht von Beginn an ein anderes Gesicht als in der Liga. Jens Härtel stellte seine Formation auf ein 3-4-1-2 um und ließ Johan Gomez auf der Zehnerposition agieren. Die Löwen machten viele Wege nach hinten und vorne, liefen den Gegner engagiert an und Spieler wie Gomez arbeiteten sich auch nachdem sie „geschlagen“ waren zurück, um in der Defensive zu helfen. Nach vorne waren es die schnellen Umschaltmomente und teilweise aggressives Anlaufen, was der Eintracht zu einigen Chancen verhalf.

Doch diese Spielweise, Vollgas ohne langsame Ballbesitzphasen, kostete am Ende Kraft und so setzte sich die individuelle Klasse der Schalker durch. Die Eintracht ging immer weniger Wege, ließ die offensiven Flügel oft isoliert, anstatt Überzahl zu schaffen oder den Ballführenden mit Läufen zu unterstützen, besetzte die Räume für zweite Bälle nicht akribisch genug und konnte keine Gefahr hinter den Ketten kreieren. Bei langen Einwürfen oder anderen Standards fehlte oft ein Flick-on-Spieler, der den Ball weiterleiten könnte. Gegen Schalke gelang es wieder nicht, auch nur einen Schuss nach einem Standard aufs Tor zu bringen. Dabei wurden diese im Sommer extra trainiert.

53. Minute: Kaufmann ist mit dem Ball Isoliert. Der Raum für 2. Bälle ist nicht besetzt und es gibt auch niemanden, der ihn auf dem Flügel unterstützt oder Räume kreiert. Screenshot: Youtube.

Härtels Spielidee bevorzugt Spieler, die dynamisch kontern können. Er lässt sein Team sehr vertikal, also direkt, spielen. Die Eintracht arbeitet aggressiver gegen den Ball, setzt den Gegner etwas früher unter Druck als in der vergangenen Saison. Das sind schlechte Nachrichten für Spielertypen, die nicht in die Spielidee des Trainers passen. Man hat zwar einen qualitativ ordentlichen Kader, aber die guten Spieler werden nicht eingesetzt. Allein im Pokalspiel gegen Schalke saßen Offensivspieler mit Bundesligaqualität, was durch zahlreiche Scoutingeinschätzungen und Performance-Daten belegt ist, nur auf der Bank (Endo, Philippe) oder waren gar nicht erst im Kader (Amyn). Es scheint, als hätte man gute Spieler im Kader, aber man findet keine Mittel, sie richtig einzusetzen. Die große Frage ist, warum?

In der Öffentlichkeit beklagen die Eintracht-Verantwortlichen Jens Härtel und Peter Vollmann, dass noch zu wenig Qualität im Kader vorhanden sei. Man suche noch „einen Verteidiger, einen Flügelstürmer und einen Verbindungsspieler, der zwischen Defensive und Offensive die Fäden ziehen kann“. Dabei umfasst der Kader bereits 28 Spieler. Mit drei weiteren Neuzugängen wären es 31.

Wann hat man genug Qualität und Breite im Kader? Sportdirektor Nr. 2 Benjamin Kessel stellt in seiner Bachelorarbeit fest, „dass kein Zusammenhang besteht zwischen der Größe eines Kaders und des sportlichen Erfolgs“ und fährt fort: „Eine idealtypische Kadergröße beinhaltet in der Theorie nach meiner Studie 16 Spieler mit hohem Marktwert sowie vier Nachwuchsspieler aus dem eigenen Club.“ Unter normalen Umständen sollte die Kadergröße laut seiner Studie 22 Spieler eher nicht überschreiten.

Der Eintracht-Kader ist aufgrund von Verletzungen und Ergänzungsspielern bereits zu groß. Mit 31 Spielern wäre es ein richtiger XXL-Kader. Als Fan bekommt man hier eine Ahnung, wo das ganze Geld versickert. Während ich dem Trainer in der Defensive sogar ein wenig Recht geben kann, dass man hier noch etwas mehr Qualität gebrauchen könnte, wundert mich die Aussage, dass man noch mehr Offensivspieler braucht, umso mehr. Klar, ein Immanuel Pherai fehlt an allen Ecken und Enden, aber man hat doch genug gute Offensivspieler mit Potenzial im Kader.

Ein Rayan Philippe hat laut Global Soccer Network seine Stärken im Abschluss, bei Distanzschüssen, in der Entscheidungsfindung. Mutige Spielweise, hohes Laufpensum, Stabilität im Zweikampf, dazu beweglich. Am stärksten im Zentrum als Knipser. Vor allem, ich kann es nicht oft genug sagen: mit BUNDESLIGAQUALITÄT. Youssef Amyn kann als Außenstürmer, auf der 10 oder als Rechtsaußen spielen. Auch er hat BUNDESLIGAQUALITÄT. Seine Stärken liegen im Eins-gegen-Eins und in der Ballverarbeitung. Als Straßenfußballer bringt er eine aggressive Spielweise mit viel Kreativität und Übersicht mit.

Und dann sind da noch Spieler wie Keita Endo. Der Japaner spielt einmal mehr unter seinen Möglichkeiten. Er ist stark im offensiven Eins-gegen-Eins, hat eine saubere Ballverarbeitung, ist trickreich und wendig, verfügt über einen starken Antritt und ein ordentliches Tempo (33,80 km/h), hat eine gute Übersicht in Drucksituationen und ist kreativ. Er orientiert sich gut nach vorne und hat eine gute Raumfindung.

Kreativität, Trickreichtum und eine gute Übersicht. Das sind alles Elemente, die dem Spiel der Eintracht derzeit fehlen. Sie entsprechen aber nicht der Spielidee von Härtel. Wie Michael Schiele fordert er von seiner Mannschaft aktives Arbeiten gegen den Ball und schnelles Umschalten mit schnellem Abschluss nach Ballgewinn. Doch genau hier haben Spieler wie Endo (Schwächen im Pressing, Flanken, Abschluss), Amyn (defensives Stellungsspiel, defensives Eins-gegen-Eins und Kopfbälle) und Philippe (defensives Stellungsspiel, Tacklings, Pressing) ihre größten Schwächen. Es gibt also einen Grund, warum sie unter Härtel nicht ihre volle Leistung abrufen. Der Trainer fordert von seiner Mannschaft vor allem Mentalität, zu Lasten der Qualität. Das heißt: stabile Defensive, Arbeit gegen den Ball und Nadelstiche, die dem Gegner weh tun.

Diese Erkenntnis wirft viele Fragen auf, sowohl an die Scoutingabteilung als auch an das Trainerteam. Werden diese Schwächen nicht erkannt? Warum werden Spieler verpflichtet, obwohl sie offensichtlich nicht zur eigenen Spielidee passen? Oder warum wird die Spielidee nicht entsprechend modifiziert, um bundesligataugliche Spieler richtig einsetzen zu können? Holt man in der nächsten Woche noch weitere Spieler, gehen Härtel und Vollmann bald die Ausreden aus. Dass man die offensichtlichen Qualitäten im Kader nicht erkennt oder nicht richtig einsetzen kann, sollte einem wirklich zu denken geben.

Doch wo genau liegen die Stärken der „Bundesligaspieler“? Wie kann man Amyn, Philippe und Endo einsetzen, um eine spielstarke, aber auch defensiv stabile Mannschaft zu formen? Für mich ist klar: Wir müssen weg von der Dreierkette und den Spielaufbau auch mal langsamer angehen, um mehr Pausen zu schaffen und die richtigen Momente zu erkennen, um aufzudrehen. Ich würde die Flügel doppelt besetzen und mit Tempo anlaufen, statt mich nur auf die einzelnen Wingbacks (Außenverteidiger) zu verlassen, um sich auch mal durchkombinieren zu können. In der Defensive muss man sich auf das Wesentliche beschränken, um den Offensivspielern die Defensivaufgaben zu erleichtern.

Ich gehe aktuell jedoch nicht davon aus, dass Härtel von seiner Spielidee abweichen wird. Eventuell wäre es sogar ein Fehler, die Mannschaft jetzt weiter zu verunsichern. Es könnte ausreichen, 1-2 Spieler wie Philippe und Amyn in die Mannschaft zu integrieren. Philippe als zweiter Stürmer und Amyn als inverser Flügelstürmer könnten vorne schon helfen, ohne die Defensive zu sehr zu belasten. Allerdings muss man abwarten, ob die Eintracht tatsächlich noch auf dem Transfermarkt aktiv wird. Bis dahin sollte man die Spieler bestmöglich nutzen, die man schon hat.


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