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Eintracht-DNA -Zwischenfazit: Reicht es zum Klassenerhalt?

9 min read

Moin Löwen!

Der Trainer hat einiges richtig gemacht in den vergangenen Wochen. Nach sieben Punkten in drei Spielen sieht die sportliche Lage der Braunschweiger Eintracht etwas besser aus. Die Mannschaftssitzung, zusammen mit den Last-Minute-Transfers eines Sportdirektors, der es noch einmal wissen will, und taktische Umstellungen lassen die Hoffnung zu, dass Eintracht eine Serie starten kann. Im Optimalfall nutzt man den Schwung bis zur Winterpause sportlich aus. Das 7:0 Testspielergebnis gegen Holstein Kiel macht Mut, dass die gute Form auch nach der Länderspielpause Bestand hat. Ein heißer Oktober steht bevor.

Ein Team.

Es ist Zeit für eine zweite Eintracht-DNA-Analyse. Nochmal als Erinnerung: Es handelt sich dabei um ein Werkzeug, um die Spielweise und Ausrichtung unserer Eintracht einzuordnen. Im Kern besteht die DNA aus den vier leistungsbezogen Elementen Teamarbeit, Kampf, Raubtierverhalten und Zauber. Daneben gibt es mit den Löwen-Eigenschaften noch ein fünftes Element. Wer mehr über die Eintracht-DNA erfahren möchte, kann HIER nochmal nachschauen.

In unserer heutigen Analyse konzentrieren wir uns auf das Raubtierverhalten der Löwen und schauen besonders auf die Schienenspieler Jan-Hendrik Marx und Anton Donkor.

Viel Spaß beim Lesen!

Diesmal im Fokus: Die Raubtier-DNA

Last-Minute-Transfers als Game Changer

Durch die Neuzugänge am Deadline-Day zeigt sich die Abwehr stabiler und vor allem gibt es mehr Qualität in der Startelf. Beide Neuzugänge, Nathan de Medina und Filip Benkovic, sind gute Verstärkungen. Beide bringen durch ihre Grundeigenschaften mehr Stabilität in die Abwehr. Besonders Benkovic hat den Daten zufolge sogar 1. Ligaqualität und spielt eigentlich aus seiner Sicht fast in einer zu leichten Liga. Wir können also erwarten, dass er gut performen wird. Das zeigt sich auch in seinen Leistungsdaten. Er ist Zweikampfstark – auch in der Luft – was zuletzt gefehlt hat. Er bringt durch seine gewonnenen Duelle eine gewisse defensive Stabilität mit sich, die unserem Team sehr guttut.

Leider spielt unser zweiter Neuzugang de Medina, der einen guten Zug nach vorne hat und eine starke offensiven Raumfindung, noch auf einer für ihn nicht optimalen Position: als Innenverteidiger in einer Dreierkette, statt als Rechtsverteidiger/Wing-Back. Außerdem schwächelt er mit seiner aktuellen Leistung ein wenig. Man sollte ihm aber Zeit lassen, denn von seinen Grundvoraussetzungen her bringt er die richtigen Eigenschaften mit.

Die Last-Minute-Transfers haben leider nichts daran geändert, dass wir von der Kaderqualität her nach wie vor das Schlusslicht der Liga sind. Immerhin, die Stammelf von Eintracht ist für die 2. Liga, mit ein bis zwei Ausnahmen, gut gerüstet. Noch mehr Qualität in der Breite ist dennoch notwendig, sollten sich einige Stammkräfte verletzen. Außerdem ist der Kader zu eintönig. Wir haben genügend, sogar zu viele, Ballerobernde Spielertypen oder klassische bzw. konservative Spielerrollen. Stattdessen fehlen uns zum Beispiel ein Ballspielender Innenverteidiger, ein Spielmacher auf der Sechs und ein Pressingstürmer um eine Doppelspitze zu ermöglichen.

Trotz Schwächen in der Kaderqualität hat Michael Schiele zuletzt eine Taktik gefunden, um das Optimum aus seinen Spielern herauszuholen. Dazu mehr jetzt in der Eintracht-DNA-Leistungsanalyse.

Teamarbeit-Analyse

Wenn man nach einem eindeutigen Beispiel einer Kontermannschaft sucht, dann könnte die Eintracht als ein solches dienen. Sie verzeichnet die meisten Konterangriffe in der Liga (17,56) und auch die meisten Abschlüsse nach einem Konterangriff (3,33). Kann kein Konter gestartet werden, wird im geordneten Spielaufbau sehr oft der direkte Ball gesucht. Dann geht es darum, im Angriff den Ball schnell zu gewinnen. Das geschieht entweder beim ersten Ballkontakt oder beim Kampf um den zweiten Ball bzw. im Gegenpressing. Vorne wird immer dann geschossen, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Deswegen generiert die Eintracht einen gute erwartete Tore-Gesamtwert (10), auch wenn große Chancen eher Mangelware sind. Serienfeuer statt Präzision heißt die Devise!

Anders als noch vor dem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg hat Eintracht versucht die Spielerpositionen und die Grundformation möglichst stabil zu halten. Keine großen Wechsel mehr, taktisch direkt und stabil, mit wenig Risiko nach hinten und viel Risiko nach vorne. Hinten sollen die Duelle gewonnen und dann der Ball geklärt bzw. eine Umschaltsituation erzwungen werden. Als Kontermannschaft kommt Eintracht nur selten über einen geordneten Spielaufbau (17) vor den gegnerischen Strafraum.

Das Team von Michael Schiele arbeitet aktiv. Bei den intensiven Läufen und Sprints ist man ganz oben dabei, bei den gelaufenen Kilometern im unteren Mittelfeld. Die Eintracht bewegt den Ball eher im Lauf und kämpfend, als mit einem Pass. Im Teampressing schlagen sich unsere Mannen im Ligavergleich relativ gut, was man in 43 % der Fälle erfolgreich gestalten kann (11). Trotzdem muss der BTSV beim Spiel gegen den Ball vor allem noch versuchen, die Chancen des Gegners zu minimieren. Bisher sind wir bei den erwarteten Gegentoren 17. in der Tabelle und haben noch kein einziges Spiel zu Null gespielt.

Kampf-Analyse

Eintracht gewinnt, wie gesagt, wieder mehr Zweikämpfe und das ist auch wichtig so. Man lässt den Gegner oft kommen, bevor man ihn in einen Zweikampf verwickelt (Zweikampfintensität 17. Platz). Wenn es dann zu einem Zweikampf kommt, foult die Eintracht relativ oft (6). Das kann zum Teil eine Stil-Frage sein, andererseits geht es hier bestimmt auch ein wenig um die Qualität bzw. mangelnde Technik der Spieler. Hier sollten Schiele und sein Team jedenfalls nochmal ansetzen, ob man nicht eventuell doch mehr saubere Zweikämpfe ausführen könnte. Taktische Fouls sind wiederrum eine andere Sache.

Raubtier-Analyse

Eintracht spielt in dem 3-4-1-2-System mit zwei Spitzen und zwei Schienenspielern. Anthony Ujah soll die Bälle festmachen, Fabio Kaufmann soll die schnellen Konter voranbringen und Immanuel Pherai soll das tun, was er am besten kann: mit dem Ball für etwas Kreativität sorgen.

Vieles wurde in den vergangenen Wochen über Anton Donkor und Jan-Hendrik Marx diskutiert. Einigen von euch wird es auch aufgefallen sein, dass ich sie in meinem Interview in der Braunschweiger Zeitung nicht in die Startelf berufen hätte. Das hatte vor allem den Grund, dass sie von ihren Eigenschaften her nicht die beste Wahl für die Liga sind und, dass sie nicht so gut in das 4-2-3-1-System passen, was nach den GSN-Daten zu bevorzugen wäre.

Aktuell muss man aber anhand der Performance-Daten sagen, dass sie als Schienenspieler in der 3/5er -Kette sehr ordentliche Leistungen abrufen. Besser, als man von ihren Eigenschaften zunächst hätte erwarten können. Und auch besser, als ihre durchschnittliche Performance zuvor. Sie machen es offensiv gut und müssen in der Defensive weniger in Erscheinung treten. In einer Viererkette würden sie vermutlich nicht so gut funktionieren.

Nach den GSN-Daten (wo man ab 50 von unterem Zweitliga-Niveau sprechen kann und ab 60 Bundesliga-Niveau erreicht) hat Marx eine Karriereperformance-Score von 48.88. Betrachtet man nur die Spiele als rechter Schienenspieler, liegt sein Durchschnittsscore bei 50.75. Aktuell liegt dieser Wert bei 52,87, womit er den 19. Platz in der Liga unter den Rechtsverteidigern belegt (den Bestwert hat HSVs Moritz Heyer mit 61,60). Donkors Karriereperformance-Score liegt bei 47.88. Betrachtet man nur die Spiele als linker Schienenspieler, liegt sein Durchschnittsscore bei 50.37. Der aktuelle Wert ist 50,91 – was den 16. Platz unter den Linksverteidigern der Liga bedeutet (den Bestwert hat St. Paulis Leart Paqarada mit 63,59).

Die Performance-Score von Donkor und Marx im Vergleich. (Quelle: GSN)

Somit ist zum Beispiel Niko Kijewski derzeit aus dem Spiel, weil er im Schieles System als Schienenspieler eher nicht performen wird. Kijewski ist grundsätzlich der falsche Spieler für ein System mit Schienenspielern. Er ist eher der klassische Linksverteidiger in einer 4er-Kette. Sein Performancescore 49,13 (Platz 23) beweist es. So ist es auch bei de Medina (48,63), der wie schon angesprochen noch Zeit braucht. Als Innenverteidiger in der 3er-Kette spielt er eher wie ein Rechtsverteidiger, was auch seine Heatmaps belegen. Deswegen nehme ich ihn in die Wertung mit hinein.

Die Schienenspieler Donkor und Marx bringen Schiele taktisch in Bedrängnis, sollten sie sich verletzten oder nicht mehr performen. Marx wird wahrscheinlich im Laufe der Saison ein bisschen in der Leistung abbauen, um sich seinem Durchschnittsscore als Schienenspieler anzunähern. Donkor performt in etwa so, wie man das erwarten kann anhand des Durchschnittsscores als Schienenspieler. Das wird wahrscheinlich weiterhin so bleiben. Da de Medina und Kijewski besser in die Viererkette passen, kann es zu Problemen kommen, sollten sie als Schienenspieler in der 5er-Kette spielen müssen. Es ist zu erwarten, dass de Medina das besser meistern könnte als Kijewski. Man darf aber auch nicht vergessen, dass Donkor an fünf Gegentoren relevant beteiligt war und Marx an zwei (nur Spiele in der 2.Liga 22/23). Somit muss man weiterhin an der defensiven Stabilität arbeiten.

Ein ganz interessantes Merkmal gibt es bei der Chancenkreierung im Pressing der Löwen zu beachten. Die Eintracht presst nur selten ganz hoch: 7,33 mal pro Partie. Sehr viel häufiger wird im Mittelfeld oder im eigenen Drittel gepresst. Wie angesprochen, lässt die Eintracht den Gegner eher kommen. Interessant ist aber, dass von diesen 7,33 hohen Pressingversuchen unsere Jungs in 57,57 % der Fälle erfolgreich sind. Das bedeutet Platz eins in der Liga! Im Mittelfeldpressing lag die Erfolgsquote nur bei 38,46 % (12.) und beim Abwehrpressing bei 31,75 % (15.)

Mittelfeldpressing gg. KSC

Wenn der Gegner in seiner eigenen Hälfte geordnet den Ball spielt, kommt es vor, dass die Eintracht sich in eine 3-4-3-Formation im Mittelfeld staffelt (siehe oben). Das hat den Vorteil, dass man das Mittelfeld gut abdecken kann und nach vorne noch Gefährlichkeit ausstrahlt. Das gegnerische Team wiegt sich damit eventuell in Sicherheit, doch immer wieder war zu beobachten, dass der BTSV plötzlich ins Pressing wechselt und dabei die Mittellinie verlässt.

Das Problem bei dieser Art des Pressings liegt darin, dass die vorderste Reihe ziemlich weit weg ist von der nächsten Linie im tiefen Mittelfeld. Pressingsignale, wie zum Beispiel ein Pass auf den Außenverteidiger, könnten eine gute Beute für die Eintracht bedeuten, wenn der Schienenspieler (unten im Beispiel Marx) rechtzeitig den Gegner unter Druck setzen kann, während er sich von der zweiten Abwehrlinie löst, um ins Pressing zu gehen. Der Zwischenlinienraum und der Raum hinter dem Schienenspieler sind hier besonders anfällig für freie Räume des Gegners. Ein gefährlicher Pass oder wenn der gegnerische Spieler das 1:1 Duell für sich entscheidet kann Probleme für die Eintracht bedeuten.

Marx geht ins Pressing hinüber, hat aber einen weiten Weg vor sich.

Schiele sollte eventuell darüber nachdenken, ob man den Zwischenlinienraum etwas kleiner halten könnte oder überhaupt versuchen, etwas höher zu pressen. Hier ist man jedenfalls von der Effizienz her das beste Team in der Liga.

Die Zauber-DNA-Analyse

Im Angriff ist bei der Eintracht nicht viel Zauber zu erwarten. Die Durchschnittszeit im Angriff bis zum Abschluss in der gegnerischen Hälfte liegt bei 10,77 Sekunden (3.). Das direkte Abschließen ist noch immer der beste Spielmacher beim BTSV, wobei hier die Fokus wie gesagt nicht auf der Ballbewegung liegt, sondern eher auf vielen risikoreichen Pässen und Laufduellen. Auch Flanken sind ein beliebtes Mittel bei der Eintracht. Mut sollte machen, dass man nach Standards sehr oft mit einem Torschuss abschließen kann: 41,10 % (Platz 2).

Auf die Torhüter-Frage komme ich nochmal in einer separaten Analyse zurück. Der Performance-Score von Ron-Thorben Hoffmann liegt aber höher (50,61; Platz 18) als der von Jasmin Fejzic (47,13; Platz 23). Jasi scheint kräftig underzuperformen. Da er sich sehr auf seine unbestreitbaren Qualitäten auf der Linie verlässt, ist es wichtig, dass er seine gute Form von der Vorsaison schnell wiederfindet. Seine Zauberparaden können wir gut gebrauchen.

Sonst bewahrheitet sich eventuell die Saisonsimulation von GSN: Braunschweig belegt am Ende Platz 17. Die aktuelle Abstiegswahrscheinlichkeit liegt bei 40.13 %. Das liegt vor allem daran, dass man zu viele Gegentore zulässt.

Fazit

Die Eintracht hat sich zuletzt in allen Bereichen der Eintracht-DNA verbessert. Dennoch ist die Abstiegswahrscheinlichkeit der Löwen sehr hoch und die Kaderqualität immer noch dünn. In der Abwehr muss man sich weiterhin in der Performance verbessern. Dazu sollte man vorne auch ruhig mal höher pressen, denn das kann man anscheinend ziemlich gut. Marx und Donkor machen ihre Aufgaben als Schienenspieler ordentlich, doch es ist zu erwarten, dass mindestens die Form von Marx ein wenig nachlässt.

Alle Daten stammen von Global Soccer Network.

Was sind GSN-Daten?

„Die GSN-Datenbank greift in seinen Analysen mittlerweile auf ungefähr 35 Milliarden einzelne Datenpunkte zurück. Grob zusammengefasst gibt es dabei vier Bereiche:

*Persönliche Basisdaten: Daten wie Größe, Gewicht oder Alter der Spieler werden erfasst.

*Scoutingdaten: Ein weltweites Scoutingnetzwerk liefert Einschätzungen zu ca.130 fussballspezifischen Eigenschaften (technisch, taktisch, physisch, mental) von Spielern.

*Performance-Daten: Jede Aktion jedes Spielers während eines Spiels wird erfasst – u.a. Pässe, Torschüsse, Sprints oder auch Fouls.

*Advanced analytics: Damit sind Datenmodelle gemeint, die auch mit Hilfe von künstlicher Intelligenz berechnet werden. Diese Modelle sollen den „Performance-Daten“ Kontext verleihen. Ein Beispiel ist der sogenannte „Action score“, bei dem berechnet wird, wie positiv oder negativ jede Aktion eines einzelnen Spielers für das jeweilige Team ist.“

Quelle: NDR

2 thoughts on “Eintracht-DNA -Zwischenfazit: Reicht es zum Klassenerhalt?

  1. Super-Analyse. Danke Jussi!
    Nur bei manchen Zahlen, die Du in Klammern setzt verstehe ich nicht immer, was Du genau damit meinst. Mal ist es wohl der Platz in der Rangliste, ein anderes Mal eine GSN-Indexzahl, nicht wahr?
    Mal schauen, ob Schiele oder jemand aus seinem Team Deine Analyse liest und das als konstruktives Feedback genutzt wird.
    Wäre ja schön.

    1. Moin! Lieben Dank!

      Ja, genau. Mal ist es die Rangliste, mal der Index (Eigenschaften oder Performance) und dann waren da auch noch absolute Zahlen dabei, z.B. die Anzahl der Konter.

      Ich versuche es beim nächsten mal etwas klarer zu machen, dass da auch immer steht, was diese Zahl repräsentiert. Oft lass ich die Daten auch weg, aber diesmal wollte ich die Datenmenge und Arbeit von GSN respektieren und auch die Zahlen dazu posten.

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