Spieleranalyse: Die zwei Gesichter des Jannis

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Moin Löwen!

Und damit ein frohes neues Jahr 2022! Für uns Fußballfans bedeutet der Jahreswechsel meistens sehr wenig, denn wir sind noch genau in der Mitte der Saison 2021/22. Eine Saison ist bekanntlich mit Hin- und Rückrunde in zwei Hälften aufgeteilt. Was sehr gut zum heutigen Thema passt! Wir nehmen nämlich unseren defensiven Mittelfeldspieler Jannis Nikolaou genauer unter die Lupe – und auch er zeigt zwei Gesichter.

Bild: Wyscout

In der Hinrunde gab es oft ein Gesprächsthema, das sich nach jedem Spiel der Braunschweiger Eintracht wiederholt hat: Wie hat Nikolaou gespielt? War er nun einer der besten Löwen auf dem Platz oder war es eine durchwachsene Leistung von ihm? Die einen sehen ihn als einen der besten Spieler, die anderen finden ihn eher blass – z.B. im Vergleich zu seinen Nebenmann Robin Krauße.

Ich selbst bin mir bei Nikolaou immer wieder unsicher. Deswegen habe ich mich sehr auf diese tiefergehende Analyse gefreut. Bevor wir gelich in die Datenwelt hineintauchen, ein kurzes Wort über die Methode der Analyse. Ich habe Jannis mit seinen Liga-Mitkonkurrenten auf der Position verglichen. Da die Spieler jedoch oft auch andere Positionen besetzen, handelt es sich hier um direkte Vergleiche mit den Spieler, die hauptsächlich im zentralen Mittelfeld agieren (Sechser, Achter), gelegentlich aber auch andere Position bestreiten können. Die statistische Übereinstimmung liegt hier bestimmt nicht bei 100 %, wie es im Fall eines Torhüters sein würde. Ich habe versucht, dies bei meiner Bewertung zu berücksichtigen.

Nikolaou gegen den Ball

Eines muss man im Fall Jannis klar sagen: Er ist einer der besten Mittelfeldspieler in der 3. Liga, wenn es um die Arbeit gegen den Ball geht. Zweikampfstark und exzellent im Gegenpressing, ist er ein ganz wichtiger Bestandteil des Schiele-Fußballs, bei dem die Balleroberungen in für den Gegner kritischen Zonen und Situationen stattfinden soll.

0,4 xG nach seinen Balleroberungen im letzten Drittel ist nicht besonders gefährlich, dennoch eine gute Leistung. (Wyscout)

Und genau diese Balleroberungen kann der Deutsch-Grieche besonders gut: 13,32 Balleroberungen pro 90 Minuten entsprechen dem drittbesten Wert aller Mittelfeldspieler der 3. Liga 2021/22. Nur Julian Rieckmann und Andreas Müller vom 1. FC Magdeburg sind hier besser. Von den ca. 13 Balleroberungen pro Spiel finden im Schnitt sogar ganze 8 Stück im direkten Gegenpressing statt. Auch hier liegt Nikolaou auf dem 3. Platz der Drittliga-Mittelfeldspieler, jedoch könnte er hier an Gefährlichkeit noch zu legen.

Überhaupt ist Nikolaou sehr aktiv in direkten Duellen und Zweikämpfen. Er gewinnt die 10.-meisten Duelle von den Mittelfeldspielern: ganze 13 pro Spiel. Das entspricht 56 % gewonnene Duelle. Dabei ist er in der Luft ebenfalls sehr aktiv und effizient, insbesondere in der Defensive. Probleme hat er in Angriffsduellen mit dem Ball, aber dazu kommen wir später im Beitrag.

Es gibt dazu noch andere Qualitäten, die Jannis gegen den Ball mit sich bringt. Er hat rund 12 erfolgreiche defensive Aktionen pro Spiel, während seine Mitspieler in der 3. Liga im Schnitt nur 9,5 dieser Aktionen erfolgreich für sich entscheiden. Er kann Bälle gut abfangen und packt schon mal die Grätsche aus, foult damit aber im Schnitt auch etwas mehr als seine Ligakollegen. Beim Schüsse blocken ist er hingegen nicht sonderlich aktiv. Insgesamt ist er mit seiner defensiven Arbeit für das Team von Michael Schiele essentiell. Doch wie steht es um seine Leistung mit dem Ball?

Starke Leistung im Gegenpressing (Wyscout)

Nikolaou mit dem Ball

Als Sechser muss Jannis Nikolaou nicht nur gegen den Ball arbeiten können. Nein, auch das Spiel mit dem Ball sollte ein Spieler auf dieser Position beherrschen. Hier sticht Jannis allerdings nicht besonders positiv heraus. Bei dem erwarteten Assists-Wert liegt er ligaweit unter dem Durchschnitt. Bei den erwarteten Toren liegt er zwar knapp darüber, doch er schießt im Schnitt weniger häufig als seine Mitkonkurrenten. Seine Abschlüsse aus dem Spiel heraus sind, so muss ich es leider formulieren, meist unnütz. Aus meiner Sicht sollte er sich daher lieber darauf konzentrieren, seine Mitspieler zu finden und ausschließlich bei ruhenden Bällen aktiv zu werden, denn hier liegen eher seine Stärken.

Er flankt selten, konzentriert sich fast ausschließlich auf das zentrale Spiel mit direkten Vorwärts- und progressiven Pässen. Diese spielt er häufig und präzise, was gut zum direkten Spiel unserer Löwen passt. Bei progressiven Pässen ist es sehr wichtig, dass man mit diesem Spielzug das Spielgerät wesentlich näher ans gegnerische Tor bringt. Genau diese Spielzüge sind fundamental für das Team von Schiele.

Hier wird vom Sechser Nikolaou keine besondere Kreativität erwartet – das Spiel muss schnell und direkt sein. Seine Mitspieler suchen ihn nicht besonders oft, aber auch nicht seltener als es bei seinen Ligakollegen der Fall ist. Bei Nikolaou kann man sicher sein, dass er den Ball eher nach vorne oder zur Seite spielen wird als nach hinten. Besonders kreativ ist seine Spielweise nicht und er kann nur selten Schlüsselpässe vorweisen. Bei den intelligenten Pässen ist er allerdings etwas aktiver und präziser als seine Mitstreiter. Auch seine Pässe ins letzte Drittel können sich in ihrer Menge sehen lassen, wobei er hier an Präzision zulegen könnte.

Gegen den Ball sucht Nikolaou den Kontakt mit seinen Gegenspielern – in der Offensive vermeidet er diesen. Nur knappe 4 Offensivduelle sind es pro Spiel bei einem Ligadurchschnitt von fast 6. Ihn findet man zudem selten im gegnerischen Strafraum. Hier lässt er lieber Krauße den Vortritt und dient eher der defensive Absicherung. Auch das Laufen mit dem Ball gehört nicht zu den Eigenschaften von Jannis. Er spielt die Kugel lieber ab (direkt und vorwärts) statt mit dem Ball zu laufen oder den Gegner anzudribbeln. Lange Bälle sind bei ihm keine Seltenheit. Er spielt die meisten Steckpässe in der ganzen Mannschaft, wobei diese leider nicht übermäßig erfolgreich sind. Kann er hier an seiner Präzision arbeiten, ist er als Sechser für das Team von Schiele bald von unschätzbarem Wert.

Kritik

Jannis Nikolaou ist mit seinen 187 cm einer der längsten Sechser in der Liga. Deswegen ist er für die defensive Arbeit und die noch kaum angesprochenen Standardsituationen (offensiv und defensiv) sehr gut zu gebrauchen. Immerhin hat er schon ein Kopfballtor in dieser Saison gegen Halle nach einer Ecke von Lasse Schlüter beigetragen. Und auch wenn sein Spiel mit dem Ball nicht das kreativste in der Liga ist, zeigt er mit Ball seine Qualitäten.

Nikolaou hat zu viele Ballverluste (Wyscout)

Was ich als besonders kritisch erachte, ist seine fehlende Pressingresistenz, die ihn besonders in der 2. Liga vor Probleme stellte. Da er direkte Offensivduelle (also Duelle, in die er als Ballführender geht) oft vermeidet, gehe ich davon aus, dass er in diesem Bereich noch an sich arbeiten muss. Besonders seine Ballverluste und unsauberen Pässe, nachdem er gepresst wurde, stechen hier heraus. In der eher pressingschwachen 3. Liga kann man diese fehlende Qualität noch gut ausbügeln. Doch bei einem möglichen Aufstieg wären Ballkontrolle und saubere Pässe unter Drucksituationen enorm wichtig. Dies gilt auch für das Gesamtkonzept von Schiele, das sich die Pressingschwäche in der 3. Liga zunutze macht. In der 2. Liga dürfte das nicht mehr so leicht umsetzbar sein.

Daten Wyscout. Bild: @vir_football_de

Fazit

Ich muss zugeben: Nach meiner Analyse sehe ich Jannis Nikolaou wesentlich positiver als zuvor. Er ist im defensiven Bereich, und besonders im Gegenpressing, einer der besten Sechser in der 3. Liga und passt auch mit seinem Offensivspiel sehr gut in das Konzept von Schiele. Sein starker linker Fuß ist ebenfalls nicht zu vernachlässigen. Kritisch sehe ich ihn besonders in Situationen, in denen er mit dem Ball agiert und unter Druck gerät. Ironischerweise gehört er selbst zu den Vorreitern im Pressing des gegnerischen Teams. Doch wird seine eigene Medizin gegen ihn gerichtet, schmeckt ihm das überhaupt nicht. Darauf sollte man bei seinem Training vielleicht einen tieferen Fokus legen. In Summe ist und bleibt Jannis aber ein absoluter Stammspieler auf seiner Position – auch im Falle eines Aufstiegs.

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