Heiner Backhaus – Eine Analyse der taktischen Ausrichtung und Kaderplanung
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Moin Löwen!
Eintracht Braunschweig hat endlich einen neuen Trainer: Heiner Backhaus (43) kommt mit einer sechsstelligen Ablösesumme von Alemannia Aachen. Über seine menschliche Seite wird in den nächsten Tagen und Wochen sicherlich viel geschrieben werden. Konzentrieren wir uns stattdessen auf die taktische Ausrichtung und überlegen, wie die Kaderplanung nun gestaltet werden sollte und welche Veränderungen sich im Vergleich zum letzten Trainer, Daniel Scherning, ergeben.

Tempo und weniger Ballbesitz: Vertikal statt Horizontal
Unter Daniel Scherning setzte Eintracht auf einen langsamen Spielaufbau. Horizontalpässe wurden vertikalen und schnellen Pässen in die Tiefe vorgezogen. Die Übergänge im Spiel waren ausgewogen, weder übermäßig vorsichtig noch risikofreudig. Scherning verfolgte eine klare Spielweise, die jedoch einen gemischten Ansatz hinsichtlich der Geradlinigkeit verwendete, was eine Balance zwischen langen Bällen und kurzem Passspiel bedeutete.
Im Vergleich dazu wird dies unter Heiner Backhaus bei Eintracht anders sein. Backhaus verfolgt keinen dominanten Ballbesitzansatz. Sobald sich ein vertikaler Passweg öffnet, wird das Spiel schnell und direkt in die Tiefe verlagert. Sein Ansatz vermeidet überflüssige Ballkontakte, was ein höheres Spieltempo als unter Scherning bedeutet.
Kombinationsspiel ist zwar vorhanden, wird aber oft zugunsten schneller Raumüberbrückung aufgegeben. Das offensive Mittelfeld und die Flügelspieler erhalten klare Vorgaben für ihre Laufwege, während die Innenverteidiger eher risikoarm agieren. Kreative Ballzirkulation oder dominante Kontrolle über das Zentrum sind unter Backhaus selten zu sehen. Für Backhaus ist Ballbesitz ein Mittel zum Zweck. In frühen Spielphasen wird über Innenverteidiger und die Doppelsechs eine ruhige Zirkulation angestrebt, jedoch ohne große taktische Variabilität oder risikobehaftetes Einrücken.
Punktueller Druck statt Raumverteidigung
In der Defensive war Scherning eher auf Raumverteidigung ausgerichtet, statt direkt mannorientiert die Zweikämpfe zu suchen. Allerdings gab es auch in seiner Zeit in Braunschweig Phasen, in denen Eintracht mannorientierter verteidigte. Zuletzt wurde jedoch zunehmend in einer Raumverteidigung gespielt, was bei einigen Spielern, wie zum Beispiel Robert Ivanov, zu einem Rückgang seiner defensiven Präsenz in quantitativer Hinsicht führte. Besonders im Bereich der Passabfangaktionen, wo er in der Vorsaison ligaweit führend war, ließ seine Wirksamkeit deutlich nach. Scherning setzte immer mehr auf zurückhaltende Zweikampfführung.
Und wie wird es unter Heiner Backhaus sein? Das Pressing ist kompakt, mannorientiert und situativ abgestimmt. In der Regel presst seine Mannschaft aus einem mittleren Block heraus, wobei die erste Pressinglinie den Gegner auf eine Seite lenken soll, um dort Zugriff zu generieren. Hohe Pressingphasen gibt es nur in bestimmten Spielmomenten, gelegentlich auch gegen individuell stärkere Gegner, um deren Spielrhythmus zu stören. Backhaus will defensive Stabilität mit punktuellem Druck kombinieren. Das Gegenpressing erfolgt konsequent, aber nicht maximal intensiv – häufig mit einem absichernden Spieler im Rückraum. Die Pressingstrukturen sind gut erkennbar, wenn auch nicht übermäßig komplex oder risikoreich.
Andere Räume bespielen – doch einige Probleme bleiben
Mit Backhaus wird Eintracht andere Räume bespielen als noch unter Scherning. Zuletzt hatte Eintracht im „Zehner-Raum“, also dem Bereich direkt vor dem gegnerischen Strafraum, immer wieder Probleme, kreative Lösungen zu finden. Auch in Umschaltsituationen fehlte der kreative Impuls. Statt mit dem ersten Kontakt in offene Räume zu starten oder mit einem vertikalen Pass die Abwehr auseinanderzuziehen, wurde zumeist der sichere Rückpass gewählt. Die wenigen kreativen Momente entstanden eher zufällig – sie waren nicht das Resultat eines Systems oder eines Spielerprofils, das genau auf diese Zone ausgelegt ist.
Es ist davon auszugehen, dass, weil das Umschaltspiel stärker in den Fokus rückt, auch andere Räume bespielt werden. So wird nach einer erfolgreichen Balleroberung vertikal und mit klarer Zielrichtung umgeschaltet: Entweder auf den tief startenden Mittelstürmer oder über die Außen in den Rücken der Abwehr. Die Anzahl der Kontakte ist gering, die Entscheidungswege klar definiert. Der Angriff erfolgt mit Tempo, und der Ball soll möglichst schnell in torgefährliche Zonen gelangen.
Leider ist zu erwarten, dass auch unter Backhaus Eintracht weiterhin Probleme haben wird, in der „Zehner-Zone“ für kreative Lösungen zu sorgen. Da Backhaus auf proaktives Ballbesitzspiel, strukturelle Kreativität oder die Weiterentwicklung flexibler Positionsysteme verzichtet, wird er im zunehmend taktisch vielschichtigen Zweitligabetrieb, in dem Teams mit Ballbesitzphasen, pressingresistentem Aufbau und positionsbasiertem Angriffsspiel agieren, schnell an seine Grenzen als Trainer stoßen.

Veränderte Anforderungsprofile im Kader?
Die Grundformation wird sich bei Eintracht nicht groß ändern. Man wird vermutlich mit Backhaus weiterhin auf eine Dreierkette setzen und die Schienen einfach besetzen. Im Mittelfeld wird es vermutlich zu einer festen Doppelsechs kommen. Im Sturm und im offensiven Mittelfeld wird je nach Gegner und Kader ein wenig umgestellt. Infrage kommen Grundsysteme wie das 3-4-3, 3-4-2-1 oder 3-4-1-2.
Taktisch hält Backhaus stets an einer stabilen Grundorganisation fest, unabhängig von der gewählten Formation. Er bevorzugt klare Rollenverteilungen, was seinen Teams eine funktionale Ordnung verleiht. Die Formationswechsel dienen meist reaktiven Zwecken, etwa bei gegnerischem Druck oder in Umschaltphasen. Auch wenn er flexibel agiert, wird deutlich, dass Backhaus einen bestimmten Rahmen nicht überschreitet.
Was bedeutet dies für die Anforderungsprofile der jeweiligen Spieler? Ich denke, für die Innenverteidiger wird es eine Erleichterung sein, nicht mehr von hinten heraus das Spiel gestalten zu müssen. Einfache Kombinationen oder Ballzirkulationen reichen aus. Eintracht fehlt im Kader ein ballspielender Innenverteidiger. Dieser muss jetzt nicht unbedingt geholt werden, stattdessen kann man weiterhin auf primär zweikampfstarke IVs setzen.
Die Flügelspieler rücken wieder mehr in den Fokus. Hier muss man je nach taktischer Grundordnung (Flügel einfach oder doppelt besetzt?) den Kader noch verbessern. Ich gehe aktuell nicht davon aus, dass wir primär klassische Flügelstürmer oder inverse Außenstürmer im Kader sehen werden, sondern vielmehr wird Eintracht ihrer bisherigen Linie treu bleiben, die Schienen primär einfach besetzen und Spieler verpflichten, die im offensiven Mittelfeld und als zentrale Stürmer spielen können.
Was neu in den Fokus rückt, ist das zentrale offensive Mittelfeld. Wie festgestellt: In der „Zehner-Zone“ hatte Eintracht zuletzt unter Scherning immer wieder Probleme, mit Ballbesitz für Torgefahr zu sorgen. Es fehlte ein Spielertyp, der sich dort regelmäßig anbietet, den Ball unter Gegnerdruck verarbeiten kann, den Überblick behält und den nächsten Schritt einleitet – sei es durch einen Steckpass, ein sicheres Weiterleiten oder einen eigenen Abschluss. Auch in Umschaltsituationen fehlte der kreative Impuls.
Lino Tempelmann könnte diese Rolle teilweise übernehmen. Sollte er bleiben, wäre jedenfalls eine Schlüsselrolle im zentralen Mittelfeld besetzt – primär sehe ich ihn aber in einer Doppelsechs, die auch Backhaus bevorzugt. Tempelmann könnte somit als Verbindungsspieler im Mittelfeld agieren oder als zweiter Zehner im 3-4-2-1, sollte Backhaus dieses bevorzugen. Hier würde er aktiv die Tiefe suchen, sich zwischen den Linien anbieten und für spielerische Entlastung sorgen.
Ein klassischer Zehner oder Spielmacher ist er aber nicht, also bleibt diese Position im Kader von Eintracht aktuell noch unbesetzt. Die Frage ist, will man diese überhaupt verpflichten, da man ja gezielt auf Umschaltsituationen setzen will. Doch hier kommt wieder die Frage nach dem Plan B auf. Klar ist: Ohne zentrale Kreativität ist das Spiel leicht zu lesen. Gegner können kompakt stehen, weil sie wissen: Es gibt keinen Spieler, der zwischen den Linien Chaos stiften oder das Spiel auflösen kann. Die Folge: Braunschweig rennt sich regelmäßig in der letzten gegnerischen Kette fest.
Zielspieler und physische Stürmer könnten wieder mehr in den Fokus rücken als noch unter Scherning. Backhaus behandelt Standardsituationen als wichtig. So sind zum Beispiel offensiv gezielte Freistoßvarianten auf Zielspieler ein fester Bestandteil seiner Spielidee. Der Fokus liegt weniger auf Kreativität, sondern auf Wiederholbarkeit und robuster Präsenz im Strafraum. Zielspieler könnten auch wieder mehr im Fokus sein, weil Eintracht direkter spielt und vorne jemand die Bälle festmachen und „klatschen lassen“ soll oder auch zweite Bälle erobern und Bälle im Strafraum verarbeiten. Meine Hoffnung: ein zweiter Frühling von Sebastian Polter.
Fazit
Je mehr man darüber nachdenkt, ist Heiner Backhaus ein passender Trainer für die jetzige Eintracht. Er passt von seiner Spielidee her sogar besser als Daniel Scherning, was durchaus Hoffnungen bereitet. Kann man den Kader punktuell noch verstärken, sollte eine ruhige Saison machbar sein. Worauf man jedoch nicht hoffen sollte, ist eine spielerische Weiterentwicklung. Sollte alles erfolgreich verlaufen, sollte man sich nach maximal zwei Jahren als Trainer bis 2027 auch wieder von Backhaus trennen.

Backhaus ist ein Menschen-Verzauberer. Er macht die Fans mit seinen Sprüchen euphorisch und kann das auch aus fas Team übertragen.
Das Problem mit der Backhaus’schen Spielweise ist, dass der Erfolg von der Effektivität und Treffsicherheit der Stürmer abhängt. Zudem darf die Abwehr, die bei seinem auf Ballbesitz verzichtenden System sehr unter Druck steht, keinen Fehler machen. In der Regionalliga ging sein Konzept auf, in der Dritten Liga hatte er mit Aachen, das ihm einen unglaublich aufgeblähten Kader spendierte, mehr Probleme. Die zweite Liga ist da noch schwieriger, zumal sie über taktisch besser ausgebildete Spieler verfügt. Einmal „gelesen“ ist das System von Backhaus berechenbar. So gesehen, könnte die vorzeitige Trennung für Aachen eine Chance sein, eine erfolgreichere Saison in Liga 3 abzuliefern.
Auffällig war in der vergangenen Saison, dass eine Reihe von ansonsten erfolgreichen Stürmern in Aachen kollektiv und plötzlich nicht mehr treffen konnten. In dieser Häufung muss man von einer Mitverantwortung des Trainers in irgendeiner Weise (Auswahl der Spieler, Taktik, Training usw.) ausgehen.
Fazit: Die Eintracht braucht eine unerschütterliche, klassische 9 mit viel Zielwasser, um durch die taktisch besser bestückte 2. Bundesliga zu kommen. Es kann gutgehen, aber sich auch schnell ins Gegenteil drehen. Fussballerische Wunder sollte man nicht erwarten, aber mit einem Euphorieschub könnte eine erheblich bessere Saison als in den Vorjahren abgeliefert werden. Langfristig muss sich zeigen, wie sich Backhaus als Trainer weiter entwickelt.