Vier Formate für Eintracht – eine Adresse für Fans.

Der „Backhaus“-Stürmer

7 min read

Zwar war bereits der letzte Beitrag der Stürmerposition gewidmet, doch die Gerüchte um Heiner Backhaus kamen damals erst kurz vor Veröffentlichung richtig ins Rollen. Entsprechend konnte seine Spielphilosophie bei der Suche nach einem neuen Stürmer noch nicht berücksichtigt werden. Seitdem sind wir deutlich schlauer. Nicht nur hat Jussi einen lesenswerten Beitrag über den „Backhaus-Fußball“ geschrieben, sondern auch die ersten Testspiele haben einige Eindrücke geliefert. Vor allem ist auch eines ist klar geworden: In der Offensive muss unbedingt nachgelegt werden.

Dementsprechend ist es sinnvoll sich erneut nach Stürmern umzusehen. Dieses Mal nach solchen, die ein passendes Profil für die intensive Spielidee von Heiner Backhaus mitbringen. Sein Pressing erfordert auch von Stürmern eine hohe Defensivbereitschaft. Das dürfte neben Torgefahr die wichtigste Eigenschaft des neuen blau-gelben Angreifers sein. Außerdem ist eine gewisse Variabilität zwischen Zentrum und Außen gefragt, da Backhaus zwischen Doppelspitze und Einzelspitze mit offensiven Außen alterniert.

Neben einem Zielspieler wie Sebastian Polter oder Levente Szabó wird es vor allem darauf ankommen, sich auf zweite Bälle zu stürzen, die Kopfballverlängerungen zu erlaufen und nach Ballgewinnen schnell hinter die Linien zu stoßen. Allerdings steht über allem die Pressingbereitschaft.

Remco Balk (24), SC Cambuur

Der erste Name auf der Liste: Remco Balk. Der 24-jährige Niederländer verpasste den Aufstieg in die Eredivisie in der vergangenen Saison nur knapp. Dabei steuerte Balk 16 Tore und 3 Vorlagen in 37 Spielen bei.

Ein PPDA-Wert[1] von 8,6 unterstreicht dabei, dass Cambuur eine pressingintensive Herangehensweise zu dieser erfolgreichen Saison verhalf. Das Team agierte insbesondere in 4-2-3-1 und 4-3-3-Systemen, in denen der Rechtsfuß wurde als Einzelspitze, Rechtsaußen im 4-3-3 oder ROM im 4-2-3-1 eingesetzt wurde.

Auf diesen Positionen überzeugte er durch defensiven Eifer. Nicht nur ging er oft in Defensivzweikämpfe, er gewann auch sehr ordentliche 62 % dieser. Der 1,73m-Mann wirkt aggressiv und spritzig, ob mit oder ohne Ball.

Auch die für einen Stürmer erforderliche Torgefahr bringt er mit: Trotz einiger Einsatzzeiten auf den Flügeln kommt er auf einen xG p90 Wert von 0,41 (mehr als beispielsweise Rayan Philippe in der vergangenen Saison). Dabei ist sein Spiel nicht unbedingt auffällig. Vielmehr hat er ein gutes Stellungsspiel, steht daher oft richtig zum Einschuss bereit und lauert klug auf Abstauber sowie gegnerische Fehler. Zudem kreiert er 0,13 xA p90.

Für Backhaus insbesondere interessant ist auch, dass er zweite Bälle gut antizipiert und sich diese sichert. Zudem dürfte seine Spritzigkeit und Antrittsstärke dem neuen Eintracht-Coach gefallen. Er ist der typische Spieler, den man gerne in seiner Mannschaft hat, aber nicht als Gegner. Neben einem Turm wie Sebastian Polter könnte er genau der Richtige für die blau-gelbe Offensive sein.

Ob sich Benjamin Kessel nach dem Ould-Chikh Transfer erneut in der zweiten niederländischen Liga bedienen möchte, ist fraglich. Vor allem, da Balk nicht zum Schnäppchenpreis kommen dürfte. Zwar läuft sein Vertrag nur noch bis 2026, transfermarkt.de schätzt seinen Marktwert allerdings auf 700.000 €. Dennoch dürfte Cambuur bereit sein, die letzte Chance für einen Verkauf zu nutzen und dem BTSV preislich entgegenkommen.

Camil Mmaee (21), Maastricht VV

Mit Camil Mmaee kommt der nächste Vorschlag aus der Keuken Kampioen Divisie. Bei Maastricht erzielte der in Belgien geborene Marokkaner 11 Tore selbst und legte 3 weitere auf. Nicht zuletzt dank ihm konnte MVV, ähnlich wie der BTSV, den Abstieg in die dritte Liga knapp verhindern.

Maßgeblich beteiligt an diesem Klassenerhalt war auch die Umstellung auf intensives Pressing: Vor Dezember 2024 spielte Maastricht passiv (Durchschnitts-PPDA: 15,13), während man danach intensiver störte (Durchschnitss-PPDA: 10,93). In diesem Pressingsystem spielte der Linksfuß systemabhängig entweder in der Doppelspitze oder auf Außen.

Auch er scheute sich in der vergangenen Saison nicht davor, gallig in defensive Duelle zu gehen. Er ging in ähnlich viele Duelle wie Balk, gewann allerdings weniger. Im Gegenzug fing er mehr Bälle ab. Mmaee bringt definitiv defensiven Willen und Eifer mit.

Mmaee sorgt zudem für ordentliche Torgefahr von 0,53 xG p90 durch eigene Abschlüsse sowie 0,09 xA p90 durch die Vorbereitung von Abschlüssen seiner Mitspieler. Seine Laufwege und Stellungsspiel sind verbesserungsfähig, sodass er dadurch möglicherweise noch besser werden könnte. Dennoch bringt er einen großen Mehrwert in Kontersituationen. Seine Körpergröße von 1,84m hingegen bekommt er in der Luft nicht gut eingesetzt.

Die Technik des jungen Angreifers ist ordentlich. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass MVV seine Heimspiele auf Kunstrasen austrägt, sodass möglicherweise eine Umgewöhnung notwendig ist. Ebenso wenig wie Defensivduelle scheut er Offensivduelle.

Genau diese Zweikampfbereitschaft, seine Torgefahr, seine offensive Variabilität und sein Potenzial könnten eine sehr interessante Kombination für Backhaus und die Eintracht sein. Allerdings muss ihm, genau wie im Fall Ould-Chikh (und Balk), erst einmal der Schritt aus dem niederländischen Unterhaus in das deutsche gelingen. Es kann jedoch auch ein junges Beispiel gebracht werden, in dem diese Umstellung hervorragend geklappt hat: Martijn Kaars erzielte in der vergangenen Saison 19 Tore für den FCM (zuvor 21 in Holland).

Auch Mmaee hat noch 1 Jahr Restvertrag, sein geschätzter Marktwert liegt bei 400.000 €. Dieser könnte sich allerdings schnell vervielfachen, sollte das junge Talent auch in der zweiten deutschen Liga gute Leistungen bringen können.

Marc Giger (21), Union Saint-Gilloise

Der Schweizer U21-Nationalspieler ist erst im Winter aus der zweiten Schweizer Liga zum belgischen Meister gewechselt. Zum Meistertitel konnte er aber herzlich wenig beitragen: Er kam lediglich auf 19 Spielminuten. Für den FC Schaffhausen durfte er in der Hinrunde knapp 1200 Minuten spielen, in denen er 4 Tore schoss und 4 vorbereitete.

Der PPDA-Durchschnitt von Schaffhausen lag in der vergangenen Saison bei 11,12, was aber vor allem an einigen Ausreißern lag (Median 9,9). Auch USG verfolgt einen aktiven Defensivansatz mit einem PPDA-Durchschnittswert von 10.

Dass sich die belgischen Scouts daher für Marc Giger entschieden haben, ist bei seinen Defensivwerten nicht verwunderlich. Er führt enorm viele Defensivzweikämpfe und hat dabei eine sehr ordentliche Erfolgsquote. Zudem fängt er auch oft Bälle ab. Bei seinen überaus guten Defensivzahlen muss beachtet werden, dass er meist auf dem offensiven rechten Flügel in einem 4-4-1-1 gespielt hat. In den Spielen als Mittelstürmer sind seine Defensivwerte etwas schlechter, aber immer noch deutlich überdurchschnittlich.

Der (schweizer-)deutschsprachige Offensivspieler ist beidfüßig und hat einen guten Abschluss. Dass er selbst wenig torgefährlich war (0,24 xG p90), liegt insbesondere daran, dass er viel auf dem Flügel spielte. In Spielen als Mittelstürmer erhöht sich dieser Wert auf 0,33 xG p90 in der vergangenen Saison. Über die gesamte Spielzeit kommt er zudem auf 0,12 xA.

Giger ist sehr dribbelstark und besitzt eine gute Technik. So kann er durch Einzelaktionen für Gefahr und Platz für Mitspieler sorgen. Allerdings gilt auch hier: Die guten Leistungen in der Schweiz müssen erst einmal in einer besseren Liga gezeigt werden. In Belgien hat dies noch nicht geklappt, möglicherweise aber in der zweiten Bundesliga.

Aufgrund seines kürzlichen Transfers und einem langfristigen Vertrag bis 2029 dürfte eine feste Verpflichtung eher unrealistisch sein. Die Umstände sprechen aber für eine Leihe in eine Liga, die schlechter als die Jupiler Pro League, aber besser als das Schweizer Unterhaus ist. Genau dort könnten Benjamin Kessel und der BTSV ins Spiel kommen.

Überraschung

Überraschend dürfte nicht nur der Umstand sein, dass ausnahmsweise 4 statt der üblichen 3 Spieler vorgestellt werden, sondern auch der Spieler an sich: Sargis Adamyan hat bei Fans nicht unbedingt einen guten Ruf. In der letzten Halbserie war er an Absteiger Regensburg ausgeliehen und erzielte 2 Tore für den Jahn.

Dennoch sollte trotzdem erwähnt sein, dass der Armenier über Jahre hinweg mehr als nur ordentliche Defensivwerte an den Tag legt. Zudem legte er in den Saisons in der Bundesliga, 2. Bundesliga und in der belgischen Pro League durchschnittlich 0,14 xA p90 für seine Mitspieler auf. Auf dem Papier bringt der 32-Jährige außerdem eine ordentliche Torgefahr von 0,43 xG mit. Doch genau hier liegt sein größtes Problem: Adamyan underperformt seine xG deutlich (38 Tore aus fast 53 xG in den oben genannten Ligen). Grundsätzlich könnte man aber unter anderem wegen des Prinzips regression to the mean darauf hoffen, dass seine Chancenverwertung sich bessert.

Im Unterschied zu den anderen 3 Vorschlägen hat der aktuelle Kölner sein Können bereits in der zweiten Bundesliga unter Beweis gestellt und wäre ziemlich wahrscheinlich sehr günstig zu haben. Die Geißböcke hatten bereits in der vergangenen Zweitligasaison keine Verwendung mehr für ihn und haben ihn vor dem Trainingslager ausgemustert, weswegen eine Vertragsauflösung realistisch erscheint.

Fazit

Alle vorgestellten Spieler bringen für Stürmer ein sehr defensives und zweikampfbereites Profil mit. Balk wäre vom Typ aus meiner Sicht ein perfektes Puzzlestück im Backhaus-System, dürfte aber eine ordentliche Summe kosten. Etwas weniger teuer wäre Mmaee, der zudem viel Potenzial mitbringt. Giger wäre eine sehr interessante Leihmöglichkeit, allerdings dementsprechend ohne die Möglichkeit finanziellen Gewinn zu erwirtschaften. Adamyan kennt als einziger die Liga und wäre vermutlich ablösefrei, allerdings sprechen sein Alter und seine bisherige Chancenverwertung gegen ihn. Welche Richtung die Eintracht letztlich einschlägt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Die Stürmersuche läuft, und Kessel wird den Markt genau im Blick behalten.


[1] Passes per Defensive Action: Misst, wie viele Pässe der Gegner im Durchschnitt in einer bestimmten Spielfeldzone spielen kann, bevor das verteidigende Team aktiv eingreift. Ein niedriger Wert deutet auf intensives Pressing hin, ein hoher auf passiveres Verhalten. Zur Einordnung: Niedrigster Wert in den Top 5 Ligen: 7,34 / Höchster Wert in den Top 5 Ligen: 17,24.

1 thought on “Der „Backhaus“-Stürmer

Kommentar verfassen

Entdecken Sie mehr von

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen