Vier Formate für Eintracht – eine Adresse für Fans.

Schernings Dilemma

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Moin Löwen!

Eine Analyse mithilfe von Global Soccer Network.

Das 2:2 gegen Fortuna Düsseldorf war aus Eintrachts Sicht im Endeffekt eine Enttäuschung. Man muss nun weiter um den Klassenerhalt zittern – dabei war man den drei Punkten so nah. Für die restlichen zwei Spiele bedeutet dies, dass man weiterhin fleißig punkten muss.

Was weniger Aufmerksamkeit bekam, war, wie unterschiedlich das Aufbauspiel und das Spiel gegen den Ball im Vergleich zu den drei siegreichen Partien in den Wochen davor war. In den 9-Punkte-Partien spielte die Eintracht guten Fußball. Die „neue“ Grundformation des 5-3-2 war nicht länger nur ein taktisches Konstrukt, sondern diente als Plattform für eine stringente, funktional aufeinander abgestimmte Spielweise. Die Mannschaft agierte nicht mehr reaktiv, sondern mit einer klaren Vorstellung davon, wie sie Räume besetzen, Angriffe strukturieren und sich gegen den Ball organisieren will. Diese innere Ordnung war zuvor nicht erkennbar. Jetzt war sie Grundlage allen Handelns.

In den letzten zwei Partien schien diese Grundlage sich ein wenig zu bröckeln. In der GSN-Analyse über Lino Tempelmann haben wir festgestellt, dass sein Fehlen gegen Jahn Regensburg sich auf nahezu alle Spielphasen negativ auswirkte: Braunschweig verlor an Durchschlagskraft, an Variabilität in der Offensive und an Kontrolle im Mittelfeld. Die Mannschaft wurde berechenbarer, ungefährlicher und phasenweise anfälliger.

Daniel Scherning rückte dazu in den letzten zwei Spielen von seiner „neuen“ Grundformation ab und ließ auf ein 3-4-2-1 umstellen. Dies veränderte auch Lino Tempelmanns Rolle im Spiel gegen die Fortuna. Statt sich nun wieder im linken oder rechten Mittelfeld im 5-3-2 einzureihen, spielte er eine leicht vorgeschobene Rolle im linken offensiven Mittelfeld, während hinter ihm zwei defensive Mittelfeldspieler (die „Doppel-Sechs“) absicherten. Er spielte somit deutlich offensiver als die Partien davor.

Tempelmann im linken offensiven Mittelfeld – mit Doppel-Sechs im Rücken

Ein offensiverer Tempelmann bringt Vor- und Nachteile mit sich. Die Vorteile liegen in der Offensivbewegung. Tempelmann kann sich freier positionieren und sich zum Beispiel auf das Suchen und Bespielen von Räumen zwischen dem gegnerischen Mittelfeld und der Abwehr konzentrieren. Er agiert offensiver, initiiert Läufe in die Tiefe und kann früher in Angriffskombinationen eingebunden werden. Er hat kürzere Passwege in die Offensive, direkte Torgefahr durch Steckpässe oder Dribblings.

Im Aufbauspiel bedeutet es, Tempelmann wird nicht als Initiator aus tiefer Zone gebraucht, sondern als Beschleuniger im zweiten Drittel des Feldes. Im letzten Drittel sind Kombinationen im Halbraum möglich, um so Überzahlsituationen auf dem Flügel zu kreieren. Allgemein lässt sich sagen, er kann seine Stärken auf dieser Position voll ausspielen.

Die Nachteile im Aufbauspiel sind weniger Verantwortung im Spielaufbau, aber vor allem die fehlende Absicherung im Positionsspiel. So trägt er weniger Verantwortung für die defensiven Umschaltsituationen. Seine Rolle ist somit nicht primär auf die defensive Arbeit ausgerichtet und er sorgt so auch nicht für eine Balance zwischen Offensive und Defensive. Die „Doppel-Sechs“ Krauße und Baas stehen somit mehr in der Verantwortung, für defensive Stabilität zu sorgen.

Tempelmann im linken zentralen Mittelfeld – ohne klassische Absicherung

Wenn Tempelmann hingegen auf der linken (oder rechten) Halbposition einer Mittelfeld-Dreierreihe agiert, ohne explizite defensive Absicherung hinter sich, verschiebt sich seine Rolle spürbar. Er muss mehr Verantwortung im Spielaufbau übernehmen. Er muss sich regelmäßig tief fallen lassen und am ersten Aufbaudrittel teilnehmen. Die Absicherung ist da, denn er trägt auch die Verantwortung für defensive Umschaltsituationen.

Der Nachteil ist, er hat längere Wege, sich offensiv einzuschalten. Angriffe entstehen aus eigenen Ballvorträgen, weniger durch direkte Zuspiele. Dazu hat er auch mehr Last beim Umschalten: Sofortiges Gegenpressing oder Räume schließen wird von ihm erwartet. Im Aufbauspiel bedeutet seine Rolle, dass er stärker als Verbindungsspieler zwischen Abwehr und Angriff gebraucht wird.

Die letzten zwei Spiele

Was bedeutet das nun für die kommenden Partien? Sollte Scherning weiterhin Tempelmann sehr offensiv einsetzen wollen, wird der Eintracht die defensive Absicherung fehlen. Ich bin mir nicht sicher, ob dies bei Scherning eine bewusste Entscheidung ist. Es scheint mir eher primär um die Arbeit gegen den Ball zu gehen, je nachdem, wie der Gegner aufbauen will. Dennoch bringt Tempelmanns Position ein taktisches Dilemma für Scherning mit sich. Im Kern geht es darum, welche Balance man findet und was man priorisieren will.

Fazit

Wenn Tempelmann höher und mit einer Doppelsechs im Rücken spielt, kann er seine Stärken als dynamischer Raumspieler und Vertikalgeber voll ausspielen. Ohne Doppelsechs muss er sich stärker im Spielaufbau einbringen, agiert kontrollierter und ist taktisch stärker gefordert, Räume zu sichern. Seine Qualitäten im Spiel mit Tempo und Tiefe kommen besser zur Geltung, wenn er offensiver und entlastet agieren darf.

Andererseits hat die Doppelsechs bei der Eintracht bisher nicht immer gut funktioniert. Würde man in einem 5-3-2 agieren, würde Tempelmann im Aufbau als Verbindungsspieler agieren und als Achter in der defensiven Absicherung eine tragende Rolle spielen.

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