Der Philippe-Ersatz
6 min readMit 50 % Anteil an allen Braunschweiger Toren in der vergangenen Saison war Rayan Philippe trotz zwischenzeitlichen Formtiefs eine der wichtigsten Säulen für den blau-gelben Klassenerhalt. Auch wenn sein geplanter Wechsel nach Mainz geplatzt zu sein scheint, dürfte es den Franzosen den Berichten nach dennoch in die Bundesliga ziehen.
Für den BTSV hat dies zwei Folgen: Zum einen darf man sich im Kubus über die ersten Transfereinnahmen in Millionenhöhe seit der Saison 2017/18 freuen. Damals waren Onel Hernandez und Saulo Decarli für 7-stellige Summen verkauft worden. Zum anderen muss nun ein Ersatz gefunden werden. Insbesondere der Stürmermarkt ist schwierig und teuer. Aus diesem Grund haben wir nach Spielern gesucht, die die Lücke, die Philippe hinterlässt, für eine vernünftige Summe schließen könnten.
Mohamed Ali Zoma (21), AlbinoLeffe
Mohamed Ali Zoma ist 21 Jahre alt, 1,74 Meter groß und aktuell für den italienischen Drittligisten AlbinoLeffe aktiv. Der Rechtsfuß ist vertraglich noch bis 2026 gebunden. Trotz seiner vergleichsweise geringen Körpergröße bringt er eine ungewöhnlich ausgeprägte Physis mit. Zoma wird bevorzugt im Zentrum an der Seite eines anderen Stürmers eingesetzt, weicht aber immer wieder aus, lässt sich fallen und sucht die Anbindung an das Spiel.
Er behauptet sich trotz seiner Größe gut gegen körperlich überlegene Gegenspieler. Dadurch kann er lange Bälle festmachen, ohne der typische Wandstürmer wie beispielsweise Polter zu sein. Dies gelingt ihm vor allem mit den Füßen und der Brust, nicht mit dem Kopf.
Seine größte Stärke liegt in der Dynamik. Mit 3,59 progressiven Läufen p90 sowie 0,85 Accelerations p90 führt er beide Kategorien in seiner Liga an. In engen Räumen agiert er beweglich, mit guter Balance und klarer Zielorientierung. Zoma erkennt Räume früh, startet kluge Tiefenläufe und kann durch eine ordentliche Ballführung an Gegenspielern vorbeiziehen. Durch diese Dynamik kann er aus dem Nichts für Gefahr sorgen.
Auch im Strafraum zeigt er ein gutes Gefühl für Laufwege. Dadurch wird er nicht nur immer wieder selbst torgefährlich (0,33 xG p90), sondern setzt auch seine Mitspieler in Szene (0,15 xA p90). Während er beim xG-Wert zu den Top 30 % seiner Ligakollegen gehört, gehört er bei den xA zu den Top 10 %. Zum Vergleich: Rayan Philippe kam in der vergangenen Saison auf 0,37 xG und 0,15 xA.
Deutlich weniger konstant zeigt sich Zoma im Spiel gegen den Ball. Er arbeitet nur punktuell im Pressing mit und zeigt wenig Bereitschaft zur Defensivarbeit. Außerdem reagiert er auf kleine Rückschläge sichtbar emotional, was sich negativ auf seine Körpersprache auswirkt. Des Öfteren misslingt zudem der erste Kontakt. Er spielt allerdings bereits seine ganze Karriere bei AlbinoLeffe, sodass anzunehmen ist, dass er durch Training auf einem höheren Niveau große Sprünge machen kann.
Zoma ist ein Spielertyp, der in engen Räumen Lösungen findet und durch sein Tempo Spiele öffnen kann. Für eine Mannschaft mit Fokus auf schnelles Umschalten und Direktspiel ist er ein potenzieller Unterschiedsspieler. Doch auch aus dem Ballbesitz kann er durch kluge Laufwege oder eine Einzelaktion für Gefahr sorgen. Im Spiel gegen den Ball ist er allerdings schwach.
Transfermarkt.de schätzt seinen Marktwert auf 300 Tsd. €. Dieser Transfersommer wird die letzte Möglichkeit für AlbinoLeffe sein, ihn in Bares umzumünzen, sodass die Eintracht hier Verhandlungsraum haben könnte. Aufgrund seines jungen Alters bringt Zoma einiges an Entwicklungspotenzial mit, welches er allerdings auch abrufen müsste: Die Serie C ist etwas schlechter einzuschätzen als die Deutsche 3. Liga.
Ben Bobzien (22), Austria Klagenfurt/FSV Mainz 05
Ben Bobzien ist 22 Jahre alt, 1,74 Meter groß und steht aktuell bei Austria Klagenfurt unter Vertrag. Dort ist er von Mainz 05 ausgeliehen. Sein Vertrag bei den Rheinhessen läuft noch bis 2026, sein Marktwert wird auf 1,2 Millionen Euro geschätzt. In Österreich kam Bobzien in der abgelaufenen Saison regelmäßig zum Einsatz. Die Bundesliga dort ist in etwa auf dem Niveau der 2. Bundesliga einzustufen. Bobzien ist ein beweglicher, technisch sauberer Offensivspieler, der bevorzugt im Zentrum agiert, sich aber häufig aus der vordersten Linie zurückfallen lässt, um das Spiel selbst mitzugestalten.
Mit dem Ball bringt Bobzien auffällig viele Aktionen ein. Er wird häufig angespielt, bewegt sich gut zwischen den Linien und zeigt sich sehr präsent im Kombinationsspiel. Mit 25,89 Pässen p90 liegt er auf Rang drei unter allen Stürmern der Österreichischen Bundesliga, bei der Passgenauigkeit von 78,14 Prozent ebenfalls. Auch seine 16,98 empfangenen Pässe pro Partie verdeutlichen seine Einbindung. Die Zahlen sprechen für einen Angreifer, der sich stark über Passspiel definiert. Dabei agiert er keineswegs nur quer oder auf Sicherheit. Mit 5,03 Vorwärtspässen pro Partie bei 64,78 Prozent Genauigkeit gehört er auch im Spiel nach vorne zu den aktivsten und zuverlässigsten Spielern auf seiner Position.
Seine 0,13 xA und 0,51 Key Passes p90 belegen, dass er seine Mitspieler gut in Szene setzt. Technisch bringt er dafür die nötige Präzision mit. Er bleibt am Ball ruhig, erkennt Passfenster früh und ist im Kombinationsspiel klar strukturiert.
Mit 3,35 progressiven Läufen und 0,89 Accelerations p90 gehört er zudem zu den dynamischsten Stürmern im österreichischen Oberhaus.
Sein Abschlusswert liegt bei 0,38 expected Goals p90, was auf den ersten Blick solide wirkt, aber relativiert werden muss. Ein erheblicher Teil dieses Wertes stammt aus Elfmetern, aus dem Spiel heraus zeigt er sich weniger als Vollstrecker. Man könnte sich also auf ihn nicht als Goalgetter verlassen.
Nominell ist Bobzien zwar Stürmer, agiert allerdings fast wie ein Spielmacher. An der Seite eines anderen Stürmers oder aufrückenden bzw. inversiven Spielern mit Torriecher könnte er allerdings eine ganz besondere Waffe für die Eintracht sein. Für eine Leihe müsste Mainz seinen Vertrag verlängern, weil sein Vertrag 2026 ausläuft. Sein für den BTSV vergleichsweise hoher Marktwert könnte einen festen Transfer schwierig machen, allerdings könnte auch hier die kurze Restlaufzeit ein gutes Argument in den Verhandlungen sein. Allerdings weiß man nach dem Philippe-Poker nicht, wie gut Benjamin Kessel und der Mainzer Sportdirektor Niko Bungert aufeinander zu sprechen sind.

Keano Vanrafelghem (21), KV Mechelen
Keano Vanrafelghem ist 21 Jahre alt, 1,71 Meter groß und Rechtsfuß. Der Belgier zeigte in der ersten Saisonhälfte gute Leistungen in der zweiten belgischen Liga, wo er uns bereits im Rahmen unseres Stürmerbeitrags im Winter auffiel. Er wechselte dann allerdings zum KV Mechelen in die erste belgischen Liga, wo er bisher nur zu Kurzeinsätzen kam. Vanrafelghem ist kein klassischer Strafraumstürmer, sondern ein spielender Angreifer, der sich gerne aus dem Zentrum löst, um Verbindungen ins Mittelfeld herzustellen.
Technisch gut ausgebildet, bringt er eine ruhige Ballverarbeitung mit. Er weicht häufig auf die linke Seite aus, zeigt ein gutes Gefühl für Räume und beteiligt sich aktiv am Kombinationsspiel. Seine Passwerte unterstreichen das: Mit 1,03 Key Passes p90 liegt er unter den Top 5 % aller Stürmer der belgischen Challenger Pro League, die ungefähr auf dem Niveau der Deutschen 3. Liga liegt. Auch seine 0,13 xA p90 (Top 30 %) zeigen, dass er Mitspieler in Abschlusspositionen bringen kann. Mit 0,48 xG p90 bringt er außerdem eine ordentliche Torgefahr mit.
Sein Körperbau macht ihn zwar zu einem schnellen, beweglichen Spieler, führt aber auch zu mangelnder Physis. Er muss an seiner Zweikampfstabilität und seiner Aggressivität arbeiten, um sich in höheren Ligen dauerhaft gegen Verteidiger durchsetzen zu können.
Vanrafelghem wäre eine ballbesitzorientiertere Lösung, die den Fokus eher auf Kombinationen legt. Er bringt gute technische Anlagen mit und lässt sich intelligent ins Spiel einbinden. Aufgrund der Ablösesumme in Höhe von 1 Mio. €, die Mechelen im Winter bezahlt hat, käme Vanrafelghem vermutlich nur als Leihe in Betracht. Diese erscheint mit Blick auf seine Einsatzzeiten in der Rückrunde jedoch realistisch.
Fazit
Zoma, Bobzien und Vanrafelghem bringen alle nicht nur ein etwas unterschiedliches Profil mit, sondern auch verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten. Ob ein tatsächlicher Philippe-Ersatz überhaupt benötigt wird oder andere Spielertypen, wird auch am neuen Trainer liegen. Der von der BZ kolportierte Heiner Backhaus lässt zumindest mit einer Doppelspitze spielen, sodass eine Verpflichtung eines solchen Stürmertyps in jedem Fall sinnvoll erscheint.

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