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Die fehlende Eintracht-Chemie

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Moin Löwen!

Meine Baby-Pause ist vorbei und es geht wieder mit Analysen weiter.

Eintracht Braunschweig ist mit dem Vorhaben um Geschäftsführer Sport Benny Kessel in die Saison gestartet, eine nachhaltige Kaderstruktur zu schaffen und den Kader spielerisch weiterzuentwickeln. Das bereits gute Umschaltspiel sollte durch mehr Qualität in den Ballbesitzphasen ergänzt werden. Vor Saisonbeginn herrschte eine gewisse Euphorie an der Hamburger Straße. Nun findet die Eintracht nur schwer in die Spur Richtung Klassenerhalt. Was also lief schief?

Elf Löwen müsst ihr sein. Bild: Kivi

Fehlende Qualität im Kader

Den Verantwortlichen ist es nicht gelungen, den Kader ausreichend zu verstärken. Zwar durfte Trainer Daniel Scherning etliche Talente in seinen Reihen begrüßen – Sidney Raebiger zum Beispiel – aber es gibt eben auch Neuzugänge, denen laut Datenanalyse das Entwicklungs- oder Startelfpotenzial fehlt. Zum Beispiel Levente Szabó ist vom Niveau her ein Schwellenspieler zwischen dem 3. und 2. Liga, dessen Defensivverhalten nicht zweitligatauglich ist. Oder Max Marie und Fabio di Michele Sanchez, die nicht mehr als mittleres bis gutes Zweitliganiveau erreichen können und somit eher nur langfristig eine Hilfe sind. 

Außerdem steht Scherning nur wenig Personal zur Verfügung, mit dem eine spielerische, “inhaltliche Weiterentwicklung” möglich wäre. So erfordert mehr Ballbesitz im Fussball auch Innenverteidiger, die kreative Spielzüge gestalten können. Im Kader fehlen hier aber die Personalien dafür. Im Spiel spielt die Eintracht nur zwei Schlüsselpässe pro Spiel, also keine Pässe, die Linienbrechend sind. Diese wären besonders im Spielaufbau wichtig. 

In der Summe kommt man mit dem GSN-Indexwert, was die Qualität der Spieler im Bereichen fußballerische Eigenschaften, Potenzial, Spielfeld-Performance und Spielniveau anhand von Daten und Scoutinginfos bemisst, auf einen Wert 56,79, was in der 2. Bundesliga den drittschlechtesten Kader ausmacht.

Die fehlende Qualität macht sich aktuell vor allem in der defensiven Ordnung bemerkbar.Das Resultat bisher ist, dass die Mannschaft im Schnitt 3,75 Gegentore pro Spiel kassiert. Die Eintracht hat große Probleme, kontrollierte und strukturierte Vorstöße des Gegners abzuwehren. Gleichzeitig schaffte sie es selbst bisher nicht, mit geordneten Spielzügen zum Torerfolg zu kommen. Mit 17,25 Schüssen pro Spiel und einer Trefferquote von 18 % erspielt man sich Chancen, aber keine Torausbeute. 

Einseitige Löwen

Ein Grund dafür kommt etwas überraschend. Laut der Team-DNA von GSN, die die Eigenschaften der Spieler mit der Spielidee von Scherning vergleicht, passen die Spieler nicht gut zusammen. Mit dem Team-DNA-Wert von 84,49 ist man in der Liga vorletzter und noch schlechter als in der Vorsaison, wo dieser Wert bei 86,30 lag, was Platz 15 damals bedeutete. Die Eintracht hat im Scouting viel Wert auf polyvalente, also vielseitig einsetzbare Fußballer gelegt. Hier scheint man das Ziel verfehlt zu haben. Stattdessen sind sehr recht eindimensionale Spieler verpflichtet worden. Ein Christian Conteh zum Beispiel soll im Sturm mit seinem Tempo 36,23 km/h aushelfen, hat aber seine Schwächen im eigenen Abschluss und  hat in der letzten Saison nur 7 % im Sturm gespielt, womit er auf der Position sehr unerfahren ist.

Ideal wäre es, wenn die Akteure auf dem Platz ihre Schwächen gegenseitig ausgleichen könnten. Im Sturm wird besonders ein offensiver, körperlich robuster Allrounder mit Durchschlagskraft vermisst. So ist der zuletzt verpflichtete Sebastian Polter ein Zielspieler mit einem GSN-Index 61,11 unteres Bundesliganiveau, aber einer, der unter Druck des Öfteren überhastet und mit wenig Übersicht spielt. Auch der Innenverteidigung fehlt nach wie vor ein spielstarker Linksfuß für den Spielaufbau.

Mit Polter hat sich Eintrachts Spielstil auch ein wenig auf seine Stärken angepasst. Polter soll vorne die Bälle festmachen und verarbeiten. Schon in der ersten Partie gegen den Karlsruher SC konnte man den Einfluss aufs Braunschweiger Spiel beobachten. Vor Polter spielte die Eintracht laut Wyscout im Schnitt 12-15 % ihrer Pässe lang. In der Partie gegen KSC waren es im Schnitt schon über 19 %. Dies könnte anhalten. Damit dieser Plan klappt, muss Polter allerdings seine Leistung verbessern.

Taktische Puzzlespiele

Die nicht passenden Puzzleteile wegen fehlender fußballerischer Chemie bereiten Daniel Scherning auch im Mittelfeld taktisch Kopfzerbrechen, weswegen sich auch keine klare Startelf herauskristallisiert. Wäre beispielsweise der Neuzugang Sven Köhler etwas schneller, dynamischer und defensiv stärker, könnte er die Position auf der Sechs gut alleine besetzen. Da dies nicht der Fall ist, braucht Köhler einen starken defensiver Sechser neben sich, der aktuell im Kader nicht vorhanden ist, wobei Robin Krauße es noch am ehesten verkörpert, aber dessen Leistung aktuell zu schwach ist. 

Sidney Raebiger und Walid Ould-Chikh stünden für die beiden Achterpositionen bereit und könnten für mehr kreative Impulse sorgen, die die Löwen bitter nötig haben: eine intelligente Passquote von 0% unterstreichen das monotone Spiel der Löwen. Dies ist aber nicht möglich, solange die Sechserposition defensiv schwach besetzt ist. 

Der Trainer wäre gut beraten, kleine Brötchen zu backen und auf die durchaus vorhandenen Stärken der Mannschaft zu setzen: Umschalten, Zweikämpfe, Dribblings und offensive Standards. So haben die Löwen bei 188 geführten Duellen eine Erfolgsquote von 51% und liegen damit ligaweit auf Platz 2. Bei den Dribblings ist man dritter in Liga: 23 Dribblings in einem Spiel mit einer Erfolgsquote von 64 %. Auch das Konterspiel ließe sich weiterentwickeln, indem der Gegner noch mehr in die eigene Hälfte gelockt wird, um mehr Räume für Umschaltmomente zu schaffen. Schon jetzt schaffen sie mit jedem dritten Konter ein Tor. 

Individuelle schlechte Form als Hoffnung?

Die Eintracht hat momentan auch damit zu kämpfen, dass einige Spieler deutlich unter ihren Möglichkeiten spielen. Der GSN-Performancescore, was die aktuelle Leistung der Spieler anhand Datenaktionen wie Fouls, Pässe oder Tore bemisst, sagt, dass es in allem Mannschaftsbereichen Spieler gibt, die sich steigern können. In der Innenverteidigung hat Robert Ivanov einen Score von 55,12 und Kevin Ehlers von 52,59, womit sie den Plätze 41 und 52 im Innenverteidiger-Ligaranking bestreiten oder im Sturm Levente Szabo, der mit 49,80 zweitschlechtester Stürmer der Liga ist. Besonders bitter sieht es auf den Schienen aus: hier unterperformen aktuell alle Akteure. 

Die aktuelle Performance der Eintracht-Spieler nach dem Performance score von GSN.

Ein unterschätztes Juwel ist der schon erwähnte junge, hungrige Löwe Sidney Raebiger, der eigentlich immer im Kader stehen sollte. Vom Potential her ist er mit einem möglichen GSN Index bei 74,54 einer der talentiertesten Löwen, der Internationale Klasse erreichen kann. Zwar hat er in der Defensive durchaus seine Schwächen, doch als vorgeschobener Spielmacher könnte er mit seiner Kreativität und seiner Übersicht das Spiel beleben. Zumindest als Joker wäre er sehr gut zu gebrauchen, da auch die Form bei ihm stimmt: Wenn er zum Einsatz kam, denn mit 56,87 wäre er in der Liga unter den Top 15 auf seiner Position. 

Fazit

Abschließend könnte man sagen, dass sich die Eintracht die Misere selbst zuzuschreiben hat. Ein Umbruch im Kader ist sicherlich nicht einfach, dazu kommt das Verletzungspech, was sicherlich ein milderndes Argument für die Verantwortlichen ist. Dennoch deutet eine Datenanalyse darauf hin, dass es nicht gelungen ist, zumindest eine stabile Startelf aufzubauen, die die gegenseitigen Schwächen einigermaßen auffangen könnte. So bleibt nur die Hoffnung auf eine ansteigende Leistungskurve und eine schnelle Entwicklung einzelner Talente. 

Daten und Infos, soweit nicht extra erwähnt, von Global Soccer Network

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