Gegnergespräch FC Schalke 04
9 min readVier Siege in Serie und dann auch noch ein Gegnergespräch! Eintracht-Fans auf einem Höhenflug! Etwas anders sieht es bei dem kommenden Gegner aus. Der FC Schalke 04 ist in einer historischen Krise und punktgleich mit den Löwen. Was für uns ein großer Zwischenerfolg ist, bedeutet für die Knappen aus Gelsenkirchen Alarmstufe dunkelrot. Dennoch hat sich der tapfere Lukas die Zeit genommen, meine Fragen zu beantworten. Vielen Dank fürs Mitmachen, Lukas! Und euch ganz viel Spaß beim Lesen!
Hallo Lukas! Schön, dass du dir die Zeit für unser Gegnergespräch nehmen konntest! Stell dich doch mal kurz vor!
Hi Kivi. Danke dir auch für das Gespräch. Mein Name ist Lukas, ich bin 23 Jahre alt. Seit Jahren besuche ich jedes Heimspiel des S04 und fahre regelmäßig auswärts. Eine Dauerkarte habe ich nicht, aber irgendwie klappt es doch, sich jedes Spiel Karten zu organisieren. Darüber hinaus bin ich Vorsitzender eines kleinen Fanclubs, den wir mit Freunden, die seit Jahren als eingeschworene Gruppe zusammen die Spiele besuchen, gegründet haben. Da kümmere ich mich vor allem um Tickets und „Mitgliederpflege“ sowie um Designs für Schals, Sticker, Klamotten usw.

Wo wirst du am Samstag das Spiel verfolgen?
In der Nordkurve.
Seit wann bist du Fan deines Vereins und wie bist du Fan geworden?
Bei mir ist es tatsächlich nicht die klassische „Papa hat mich mit ins Stadion genommen, als ich 3 war“-Geschichte. Tatsächlich war es sogar umgekehrt, meine Eltern haben durch mich angefangen, Fußball zu schauen. Ein Teil meiner Familie, um meinen Onkel und meinen Cousin herum, war schon immer fußballbegeistert; aber damit hatte ich lange nichts am Hut. Bis ich dann bei der WM 2010 ein paar Spiele geschaut habe. Ohne es damals im zarten Alter von 9 Jahren schon so benennen zu können, fand ich da schon toll, zusammen mit Leuten ein Sportereignis zu verfolgen und für die gleiche Sache zu sein. Damals hatte die Nationalmannschaft noch einen anderen Ruf als heute – oder ich hab es in jungen Jahren zumindest so wahrgenommen. So wurde ich dann binnen kürzester Zeit glühender Fußballfan und habe von heute auf morgen mein ganzes Umfeld mit irgendwelchen angelesenen Nerd-Fakten genervt.
Die „Vereinssuche“ fand in dem Sinne dann nicht wirklich statt, da eben durch meinen Onkel und meinen Cousin nur Schalke in Frage kam. Da gab es nicht den Moment, in dem ich mir die Tabelle geschnappt und aussortiert hab. Da gab es nur Schalke in meinem Kopf.
Wo findet man dich bei Spielen deines Vereins meistens?
Heim immer in der Nordkurve. Auswärts kommt es drauf an. Wenn es geht, fahre ich hin und stehe dann im Block. Wenn es mal nicht geht, schaue ich in der Regel mit Freunden.
Beschreib doch einmal einen typischen Spieltag für dich!
Das ist schwierig. Auswärts läuft eh immer anders und Heim ist bei mir auch immer abwechslungsreich. Später im Stadion stehe ich immer mit meinem Fanclub und Freunden von uns, vorher ist es sehr individuell. Du kennst das sicher: Je länger man regelmäßig ins Stadion geht, desto mehr Leute lernt man kennen und desto mehr Möglichkeiten hat man, seinen Spieltag zu verbringen. Damit da nichts zu kurz kommt, schaue ich jeden Spieltag neu, wie es am besten passt.
Wohin ging deine letzte Auswärtsfahrt?
Nach Kaiserslautern auf den Betzenberg. War für mich das erste Mal Betze, da habe ich mich seit Wochen drauf gefreut. Das Stadion war dementsprechend auch durchaus ein Erlebnis. Das Spiel natürlich maximal ernüchternd. Leider.

Wie viele Auf- und Abstiege hast du miterlebt?
Zwei Abstiege 2021 und 2023 und einen Aufstieg 2022.
Was war bisher dein emotionalster Moment?
Tatsächlich eben das. Der Abstieg 2021 im negativen und der Aufstieg 2022 im positiven Sinne. Der Abstieg während der Corona-Zeit war brutal. Kein Stadion, du machst jede Woche die scheiß Glotze an und guckst völlig machtlos zu, wie diese Mannschaft Woche für Woche anstandslos auf die Fresse kriegt. So kacke es jetzt gerade auch laufen mag; ich habe vorher und nachher nie so einen charakterlosen Haufen auf Schalke erlebt wie damals und hoffe, dass das auch nie wieder vorkommt. Dieses Abstiegsspiel in Bielefeld war für mich dann bezeichnend: Ich hab natürlich gewusst, dass es heute „fix“ gemacht werden kann. Ich saß alleine in meiner Wohnung, an dem Abend war es leider nicht möglich, das Spiel wenigstens mit Freunden und Familie zu schauen und ich dachte eigentlich den ganzen Tag, ich wäre gut gerüstet. Da man es ja auch wochenlang hat kommen sehen. Und dann brechen die letzten Minuten an und du denkst dir „Fuck, wir steigen jetzt echt in die zweite Liga ab“. Und dann saß ich alleine in meiner Wohnung und habe mit einem Mal angefangen zu weinen. Das hatte ich bis dahin nicht kommen sehen. Ich dachte von mir selbst, ich nehme es gefasster auf, aber das war wirklich hart.
Auf der anderen Seite dann der Aufstieg ein Jahr später. Die Saison hat total Bock gemacht, auch wenn es auch Tiefs gab. Am Ende mit Büskens dieser geilen Sau dann wider allen Erwartungen einfach alles gewonnen und gegen St. Pauli dann auf einmal die Chance gehabt, es klar zu machen. Das war ein unglaublicher Tag, an den ich mich für immer erinnern werde. Es hat den ganzen Tag geknistert. Wir sind auch morgens schon nach Gelsenkirchen gefahren, weil man es an so einem Tag Zuhause einfach nicht aushält. Dann kommst du abends ins Stadion, die Kurve restlos überfüllt und du kriegst die Choreo-Vorbereitungen mit. „Heute Abend brennt die Sehnsucht.“ Nie war ich entschlossener und motivierter bei einem Fußballspiel als an diesem Tag. Dann spielst du auch mit Vollpower und liegst trotzdem zur Pause 2:0 hinten. Trotzdem gab es für mich einfach nicht die Möglichkeit, dass wir dieses Spiel nicht gewinnen. In der Halbzeit bin ich pissen gegangen und hab da jemanden sagen hören „Na ja, dann wird’s heute wohl doch nichts“ und ich gucke ihn an und sage „Geht’s noch? Wir drehen das!“
Und genau das ist dann auch passiert. Zack, Spiel gedreht, die überfüllte Arena kocht und wir steigen auf. Und ich stand zufrieden da und habe es einfach nur genossen. Man hatte an diesem Abend das Gefühl, dass endlich alles wieder in die richtige Richtung geht. Bin total dehydriert und übermüdet, aber hochzufrieden irgendwann gegen 5 Uhr morgens Zuhause angekommen. Richtig geiler Tag.
Wie bewertest du eure bisherige Saison und die kürzlich abgelaufene Wintertransferphase?
Die bisherige Saison ist natürlich ein ganz massiver Dämpfer. Das hätte im Sommer so wahrscheinlich niemand erwartet, dass wir anstatt des Aufstiegs tatsächlich eher den Abstieg im Blick behalten müssen. Die Wintertransferphase ist zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht ganz vorbei (27. Januar), sodass ich hoffe, dass wir vielleicht irgendwo noch die Taler finden, einen Innenverteidiger zu holen. Das sind schon teilweise echt ganz schlimme Fehler, die da vor Gegentoren passieren. Im Winter hatte ich noch gesagt, das bringt jetzt in der finanziellen Lage nichts, jemanden für den Rest der Saison zu holen. Da können wir das Geld lieber sparen, da wir diese Saison wohl weder auf- noch absteigen. Nachdem ich die ersten beiden Spiele in dieser Rückrunde jetzt gesehen habe, muss ich ehrlich sagen, wäre es mir lieber, noch ein paar Mark zu investieren, damit wir uns tatsächlich stabilisieren können. Ich hoffe, die Verantwortlichen unterschätzen die Lage nicht.

Was erwartest du von der restlichen Saison, was macht Mut und was bereitet Sorgen?
Mut macht die Stimmung innerhalb des Teams. Offenbar versteht die Mannschaft sich trotz allem in Summe ganz gut, was glaube ich die halbe Miete ist. Sorgen machen mir – wie bereits erwähnt – die Leistungen. So wie in Kaiserslautern darfst du nicht spielen. Punkt. Und es war ja leider nicht der erste sehr schlechte Auftritt in dieser Saison.
Wie oder vielmehr wo informierst du dich, was bei deinem Verein gerade so passiert?
Natürlich zum einen über die Presse und die offiziellen Vereinskanäle. Aber natürlich auch über Social Media oder indem ich mich mit anderen Fans austausche. Wie gesagt, man lernt ja mit der Zeit viele Leute kennen. Irgendwer weiß immer was und so kriegt man dann glaube ich in Summe ein gutes Bild von dem, was im Verein so passiert.
Hast du einen Lieblingsort in Gelsenkirchen?
Das Berger Feld natürlich. Da ich nicht aus Gelsenkirchen komme, kenne ich natürlich nicht jeden Centimeter der Stadt. Aber da würden mir wahrscheinlich einige Schalker, die aus Gelsenkirchen kommen, zustimmen, dass man am Berger Feld im Parkstadion und später der Arena AufSchalke die emotionalsten Stunden verbracht hat.
Du begleitest den Fußball nicht nur als Schalker, sondern auch noch als „kurvenkind“. Beschreibe doch mal, was du da genau machst und wie du auf diese Idee gekommen bist!
„kurvenkind“ ist ein Projekt, das ich neben meinem Fanalltag führe. Das ist zum einen ein Instagram-Account, bei dem ich fanrelevante Themen kommentiere oder immer mal interessante Facts beispielsweise zu Stadien oder so recherchiere und poste. Dabei geht es aber immer irgendwie um Fans, nur sekundär um das Fußballspiel selbst. Außerdem gehört dazu ein kleiner Online-Shop, auf dem ich Klamotten anbiete. Das hat angefangen während Corona, als ich ein Design mit dem „kurvenkind“-Schriftzug entworfen habe und dachte „Da kannste eigentlich mehr mit machen“. Beruflich bin ich Mediengestalter, daher die Leidenschaft für Design. Es macht total Spaß, all diese Themen zu recherchieren und dann für Posts aufzubereiten. Der Onlineshop läuft nebenher. Finanziell ist das – wenn überhaupt – eine kleine Aufwandsentschädigung. Aber darum geht es auch nicht, es ist ein Hobby.

Hast du ein Lieblingsmotiv/Projekt?
Das Motiv, bei dem der Typ mit der Pyrofackel steht und „verträumt“ Richtung Horizont guckt. Das war das erste Motiv und ist bis heute das, was ich persönlich am besten finde.
Hast du bereits Spiele gegen unsere Eintracht miterlebt? Wenn ja, was sind deine Erinnerungen?
Boah, da sagste was… Ich habe tatsächlich die Eintracht noch nie im Stadion gesehen. Leider. Schalke und Eintracht Braunschweig gehen sich ja irgendwie Ligen-technisch immer ein bisschen aus dem Weg. Damals, als ihr in der Bundesliga wart, war ich noch sehr jung und noch nicht so regelmäßig im Stadion wie heute. Und diese Saison die beiden Auswärtsspiele bei euch waren terminlich bei mir leider beide nicht machbar. Also Premiere für mich am Wochenende.
Was verbindest du mit Eintracht Braunschweig?
Eintracht Braunschweig fällt mir vor allem durch die Aktionen seiner Fans auf. Da sind regelmäßig durchaus beachtliche Aktionen dabei. Das Sportliche kriege ich vor allem darüber mit, dass ich dir seit 100 Jahren auf Twitter folge. Dieses Jahr natürlich deutlich mehr, da wir jetzt in einer Liga spielen und man da natürlich auch die Tabelle ein bisschen mehr verfolgt. Jedenfalls freue ich mich auf euren Auswärts-Auftritt bei uns diese Woche. Immer nett, wenn man im Block gegenüber eine Fanszene hat, die was auf der Pfanne hat. Das fordert die eigene Kurve heraus und trägt im besten Fall dazu bei, dass auch unsere Nordkurve ihr volles Potential ausschöpft.
Was erwartest du vom Spiel?
Ich erwarte, dass unsere Mannschaft es schafft, sich zusammenzureißen. Langsam wird es wichtig.

Was ist dein Tipp?
Ganz schwer zu sagen. Wir sind super inkonstant und ihr kommt gerade ein bisschen in Fahrt. Euer Spiel gegen Magdeburg steht ja jetzt zum Zeitpunkt dieses Interviews noch an. Ein Sieg wäre für beide Mannschaften wichtig. Ich bin aber bekennender Zweckoptimist und sage 2:1 für uns.
Möchtest du noch etwas loswerden?
VAR ersatzlos streichen! Gegen Investoren in der DFL!
Vielen Dank für deine Zeit, Lukas!
Bis dahin
Euer Kivi
