Über den Tellerrand geschaut bei der Nachwuchsarbeit: INTERVIEW mit dem Schweizer Jugendtrainer und Youtuber Maxim (2)
5 min readTEIL 2: Technische Hilfsmittel, die Situation des Fußballs in der Schweiz und der Schweizer Blick auf Deutschland
Welche technischen Hilfsmittel findest Du besonders wirkungsvoll? Was hältst Du zum Beispiel von Teqball oder von sehr teuren Innovationen wie Soccerbot360 bzw. Skills.Lab?
Zusätzlich zu den nötigen Hilfsmitteln, um Fußball zu spielen (Bälle, Tore, Mini-Tore, Hütchen), finde ich Dummies am wichtigsten. Viele Spieler haben aufgrund der Größe von Hütchen Mühe, sie als Gegner zu betrachten, wenn man technische Fertigkeiten oder besondere Laufwege trainieren möchte. Mit Dummies ist es nicht nur der Fall, sondern man kann auch die Spieler fordern, ihre Arme zu benutzen, um ihren „Gegner“ zu blockieren.
Sonst find ich Teqball interessant, aber Fußballtennis ist schon ähnlich.
Soccerbot360 finde ich nur nützlich, wenn man auf dem Bildschirm eine realistische Spielsituation (am besten positionsspezifisch und wo ein Spieler Fehlentscheidungen gemacht hat) projiziert. Viele sehen solche teuren Innovationen als Video-Games für die Spieler, die dort auf farbige Formen zielen müssen. Da das Auge aber von solchen hellen Lichtfarben schon natürlicherweise angezogen wird, lohnt sich dafür die Investition meiner Meinung nach nicht.
Man spricht immer mehr von Kognition und deren Wichtigkeit im Fußball. Aber nur wenige haben verstanden, dass das, was dabei wichtig ist, das Schulterblicktiming ist. Man sollte nämlich den Ball immer im Sichtfeld haben, wenn er gespielt wird. Man sollte eigentlich nur zwischen kurzen Ballkontakten „scannen“, und dies wird sogar im Profi-Fußball nicht beherrscht… Sklave der Technologie muss man nicht werden.
Biobanding, Torwartausbildung – in vielen Bereichen wird in der Schweiz sehr innovativ gearbeitet. Wo würdest Du den Schweizer Fußball im internationalen Vergleich ansiedeln, was die Nachwuchsarbeit, die Nati und die Super League angeht?
In der Schweiz ist man fest überzeugt, dass viele Fortschritte betreffend der Ausbildung in den letzten Jahren gemacht wurden. Es ist also kein Wunder, dass man jetzt immer wieder gute Generationen für die Nationalmannschaft hat und dass die Super League auch öfter zu einem interessanten Sprungbrett für die besten Spieler wurde.
Nichtsdestotrotz glaube ich, dass es noch viel Luft nach oben gibt, und zwar bei der Nachwuchsförderung, da man auf der Profiebene kaum Zeit hat, um mit Spielern spezifisch an ihren Stärken und Schwächen zu arbeiten. Wie schon erwähnt finde ich, dass man in der Schweiz beim Positionsspiel und bei der technischen Arbeit von Dinamo Zagreb viel zu lernen hat, aber auch bei der defensiven Arbeit sind in der Super League noch große Fehler zu finden.
Welche Vereine machen Deiner Einschätzung nach in der Schweiz und in Europa eine besonders gute Jugendarbeit? Was sind die wichtigsten gemeinsamen Merkmale?
In der Schweiz steht der FC Luzern neu für das ideale Vorbild, vor allem aber, weil die Tür der ersten Mannschaft offener als bei anderen Vereinen ist. In Europa muss ich nochmals die Akademie vom Dinamo Zagreb erwähnen sowie die vom KRC Genk und von Real Sociedad San Sebastian.
Was dort jeweils den Unterschied macht, ist, die völlige Überzeugung, dass man durch clevere Investitionen Spieler besser machen kann. Obwohl all diese erfolgreichen Akademien nicht genauso viel Wert auf die gleichen spielerischen Elementen legen, gibt es jeweils eine klare und vertiefte Struktur darüber, was man in allen Alterskategorien erleben und lernen soll. Und natürlich sucht man für die erste Mannschaft auch nach einem Trainer, der diese letzte Tür offen lässt.
Aus Braunschweiger Sicht interessiert uns besonders Deine Einschätzung zum FC Basel. (Die Dominanz von früher gibt es nicht mehr, dafür kam man ins Halbfinale der EuropaLeague.)
Bevor der FC Basel seine Dominanz auf dem Platz verlor, verlor er sie auf der finanziellen Ebene. Seitdem David Degen Besitzer des Vereins ist, setzt man nicht mehr auf dem eigenen Nachwuchs, sondern man sucht nach talentierten jungen Spielern aus der ganzen Welt, um dann durch Verkäufe Profit zu machen.
Obwohl es ihnen bald mit den Abgängen von Andy Diouf und Zeki Amdouni gelingen wird, haben viele Spieler bisher die Erwartungen nicht erfüllt, was immer wieder viele Ab- und Zugänge verursacht. Kontinuität gibt es im Verein in den letzten Jahren überhaupt nicht.
Wie nimmt man in der Schweiz den deutschen Fußball im Allgemeinen, die zweite Bundesliga und die Nachwuchsarbeit im Besonderen wahr?
In der Deutschschweiz wird die Bundesliga viel verfolgt, wobei man sie auch in den anderen Teilen des Landes als die perfekte nächste Stufe für unsere Spieler sieht. Gewisse Spieler spielen sogar lieber in der Zweiten Bundesliga als in einem guten Super League-Verein, und dies sicher nicht nur, um von BuLi-Vereinen besser gescoutet werden zu können.
Zur Zweiten Bundesliga gehören historisch erfolgreiche Vereine. Da der Spielstil in Deutschland ähnlich ist (viel Tempo, vertikales Spiel) und viele Schweizer sich in den besten Vereinen etabliert haben, wird vom Wechsel nach Deutschland geträumt.
Welche Bedeutung haben Deiner Auffassung nach datenbasierte Spielanalyse und datenbasiertes Scouting für den modernen Profi-Fußball?
Daten sind in beiden Fällen nur eine zusätzliche Hilfe: Die Realität wird immer viel reicher sein, deswegen werden bei für ihr Datenscouting berühmten Vereinen wie Toulouse, Brighton, Brentford und Midtjylland Zielspieler doch intensiv beobachtet. Daten ermöglichen ihnen, viel Zeit zu gewinnen, indem ein Pool von Spielern aus zahlreichen Ligen gebildet werden kann, die nachher eben traditionell gescoutet werden. In anderen Vereinen erfolgt diese Datenanalyse erst am Ende des Scoutingprozess, um ihren Eindruck zu validieren. Also eine große Hilfe ist es, aber nur wenn man weiß, welche Daten überhaupt relevant sind.
Gibt es aktuell in der Schweiz Spieler, die für Eintracht interessant sein könnten?
Da Braunschweig aktuell nicht so hoch in der Tabelle ist, ist es für mich schwierig, Namen zu geben, da eher Spieler aus der Challenge League (2. Schweizer Liga) wechseln würden. Und die kenne ich nicht wirklich. Deswegen würde ich den U16-Nati-Kaptain Eman Kospo erwähnen, da er sicher vor einen Wechsel in den Profifußball steht (Vertrag läuft bald ab, Barcelona und San Sebastian sind heiß auf ihn). Kospo ist ein Innenverteidiger, der gar kein Problem hat, aus der Abwehr mit dem Ball nach vorne zu laufen, um so mehrere gegnerischen Linien zu brechen. Physisch ist er also sehr beeindruckend, was auch defensiv und bei Standards mit seiner Größe auffällt. Seine Wahrnehmung und Entscheidungsfindung muss er aber noch verbessern, um einen Top-IV zu werden, da er manchmal statt „einfache Pässe“ linienbrechenden Pässe spielen sollte.
Für die Acht wären Christian Herc und für die Zehn Petar Pusic eigentlich sehr interessant. Aber solche Spieler sind für einen Zweitliga-Verein wie Eintracht wie gesagt wohl noch ein Regal zu hoch.
Vielen Dank für Deine hochinteressanten Auskünfte und Einblicke!

