Über den Tellerrand geschaut bei der Nachwuchsarbeit: INTERVIEW mit dem Schweizer Jugendtrainer und Youtuber Maxim (1)
5 min readBevor es mit den letzten drei Teilen der Serie „Perspektiven für die Nachwuchsarbeit“ weitergeht, gibt es zwischendurch ein Interview mit dem Schweizer Jugendtrainer und Youtuber Maxime.
Er ist zwar noch ein aufstrebender Stern am Fußballhimmel bei Youtube. Dass er seine Beiträge auf vier Sprachen veröffentlicht, ist aber ein Alleinstellungsmerkmal und wird ihn schnell weit nach oben bringen.

TEIL 1: FootEco, Futsal, Funiño und andere Entwicklungen
Guten Tag, Maxime, schön, dass Du Zeit hast für ein Interview für unsere Seite 2hundert10.de.
Stelle Dich doch bitte erst einmal vor, gerade was Deine Tätigkeiten als Jugendtrainer und als Youtuber bzw. Autor für Bolzplazz.com betrifft.
Gerne: ich heiße Maxime, bin ein 23-jähriger Student aus dem schweizerischen Fribourg, wo ich bei der kantonalen Akademie (Team AFF-FFV), die Ausbildungspartner vom BSC Young Boys ist, als Nachwuchstrainer und Scout tätig bin. Zu dieser Akademie bin ich gewechselt, nachdem ich dem Technischen Leiter meine Taktikanalysen, die auf meinem YouTube-Kanal (FUTBOL THERAPIST) zu sehen sind, geschickt habe, mit dem Ziel, dort mal Trainer zu werden. Dem Leiter bin ich extrem dankbar, da es geklappt hat: Zuerst hat er sich um meine Ausbildung als Trainer gekümmert, bevor ich die oben erwähnten Tätigkeiten übernehmen durfte. In der Zwischenzeit habe ich mich auch dem Team der Webseite Bolzplazz.com angeschlossen, wo Artikel zum Schweizer Fußball zu finden sind.
Wo siehst Du Dich in fünf und in zehn Jahren? Welcher dieser Bereiche ist Dir insgesamt wichtiger?
Die nächsten 3 Jahre werde ich meinem Physiotherapie-Studiengang widmen, dann hoffe ich, einen Job im Fußball zu finden. Am liebsten in einer Organisation, mit der ich mich möglichst gut identifizieren kann wie beim BSC Young Boys oder beim Schweizerischen Fußball-Verband, und am liebsten als Jugendtrainer und Individualanalyst, weil es das ist, was mir am meisten Spaß macht.
Du veröffentlichst Deine Videos auf Youtube tatsächlich in vier verschiedenen Sprachen. Welche von den vier stellt die größte Herausforderung dar?
Mit meinen drei Nichtmuttersprachen (Deutsch, Englisch, Spanisch) ist es immer eine Herausforderung, da ich den fußballspezifischen Wortschatz nur in meiner Muttersprache (Französisch) völlig beherrsche.

Was sind die drei größten oder überraschendsten Erkenntnisse, die Du bei der Produktion Deiner Videos bisher bekommen hast?
- Die genialen Ideen von Gianni Vio, der erfolgreichste Experte von offensiven Standardsituationen (war in Italien bei großen Vereinen wie Fiorentina und Milan (sowie beim EM 2020-Sieg mit der Nationalmannschaft) und diese Saison bei Tottenham tätig).
- Mit dem Video zum Differenziellen Lernansatz durfte ich realisieren, wie wenig das Training im Fußball untersucht wird, da es (glaube ich) das erste Mal war, dass ich von Studien über das Erlernen von Technik im Fußball gehört hatte.
- Die Analyse von den erfolgreichen Jahren Falcaos hat mir gezeigt, dass man schnell vergessen kann, dass viele Konzepte sich hinter dem Begriff „Torschützeninstinkt“ verstecken.
Was sind aktuell aus Deiner Sicht die wichtigsten Trends im Fußball, vor allem was Spielsysteme, Spielphilosophien und Taktik angeht? In welche Richtung wird sich der Fußball weiterentwickeln?
Diese Saison hat De Zerbis Brighton gezeigt, dass Trends sich sehr schnell verbreiten können. Aber obwohl dieses Heranziehen des gegnerischen Pressings, um einen Mitspieler zu befreien, in Zukunft sicher immer mehr (und zurecht) durchsetzen wird, ist für mich die Anpassungsfähigkeit ein größerer Game-Changer. Das ist sicher mehr als nur ein Trend. Durch die Gegneranalyse erstellen Trainer heute jeweils ein Spielplan (oder mehrere: „was wäre, wenn…“), ohne aber die Garantie zu haben, dass der Gegner genauso wie erwartet spielen wird.
Wer heute ein vorhersehbares Spiel hat, wird tendenziell mehr gezwungen, nach anderen Lösungen zu suchen. Im Endeffekt muss man also das Spiel verstehen, deswegen ist es so wichtig, dass man im Jugendfußball diese Anpassungsfähigkeit fördert und entwickeln lässt. Man fühlt sich als Spieler in gewissen Situationen aber besser als in anderen, deswegen sind die besten Spielsysteme und Spielphilosophien diejenigen, die für die Spieler am besten passt und den Gegner am meisten stört.
Du arbeitest wie gesagt unter anderem als Nachwuchstrainer. Beschreibe Deine Aufgaben bitte etwas näher.
Diese Saison war ich Trainer der U11-Mannschaft, die eigentlich aus U12-Spielern besteht, die von ihrem Alter her eben noch E-Junioren-Fußball spielen dürften, die aber schon von der Akademie aufgenommen wurden. In der Schweiz ist U12 nämlich die erste FootEco-Stufe, die für viele U11-Spieler trotzdem noch relativ schwierig ist. Deswegen haben sie ab und zu Training und Spiele mit mir, damit sie, wenn sie mehr Zeit und Raum zur Verfügung haben, kreativer sein können.

Was genau versteht man unter FootEco?
Die U12-, U13- und U14-Stufen vor dem sogenannten Nachwuchs-Spitzenfußball in der Schweiz. Bei meiner Akademie gilt ein pyramidales System: Fünf FE12-, vier FE13- und drei FE14-Mannschaften, aus denen man dann ab der U15 je eine Mannschaft bildet. Unsere besten Spieler wechseln schon mit ungefähr 15 zu den Young Boys. Als geografisch kleines Land hat man in der Schweiz den Vorteil, bei FootEco regelmäßig „Partnerschafts-Wochenende“ zu haben, wo eine Auswahl von unseren besten Spielern (aus den verschiedenen Mannschaften) gegen eine Auswahl einer anderen Region des Landes spielt. Mit solchen Spielen kann man das Potenzial unserer Spieler besser einschätzen.
Was hältst Du von Funiño?
Funiño wird in der Schweiz bei E-, F-, und G-Junioren ab diesen Sommer jeweils das Spielformat sein, wobei „normale“ Spiele doch weiterhin gespielt werden, aber als Teil von Funiño-Turnieren. Das freut mich sehr, da ich überzeugt bin, dass Kinder so mehr Spaß haben werden, indem sie den Ball öfter am Fuß haben werden (die Anzahl von Spielern ist halt kleiner und die 2 Mini-Tore machen das Spiel aktiver). Erfreut bin ich aber auch, weil normale Spiele nicht komplett abgeschafft werden. Ich finde es nämlich wichtig, dass Kinder weiterhin als Torwart spielen dürfen und merken können, dass das Zentrum der direkteste Weg zum Tor ist, wenn es nur eines gibt.
Wenn Du als Jugendtrainer in Deutschland arbeiten würdest, welche Erkenntnisse, welche Methoden würdest Du auf jeden Fall mitbringen und hier anwenden wollen?
Meine Trainings wären natürlich von der Alterskategorie und vom Spielniveau abhängig, aber was ich aus meiner sehr entfernten Sicht sagen kann, ist, dass man in Deutschland sowie in der Schweiz die Spielkonzepte des Positionsspiels nicht wirklich lehrt. Hoffentlich wird sich das mit dem Interesse für De Zerbis Fußball ändern, auch weil ich völlig überzeugt bin, dass man durch Spielaufbau aus der Abwehr und Geduld den Gegner manchmal stärker stören kann.
In jüngeren Kategorien (bis U14) wird das technische Element sicher auch wie in der Schweiz untertrainiert. Das ist mir durch meine Hospitation bei der Akademie von Dinamo Zagreb aufgefallen.
Darin geht es unter anderem um technische Hilfsmittel, um den FC Basel und um den Schweizer Blick auf den deutschen Fußball.

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