Vier Formate für Eintracht – eine Adresse für Fans.

Auswärtssieg beim Spitzenreiter

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Mehr als ein bisschen fehlen mir die Worte, um das zu beschreiben, was gestern passiert ist. Nicht nur, dass die Eintracht erstmals seit den 1980ern vor mehr als 40.000 Zuschauern dreifach punktete, die Scherning-Elf holte im Abstiegskampf vor 57.000 Zuschauern einen unfassbar wichtigen Sieg beim im Volksparkstadion noch ungeschlagenen Spitzenreiter, wo die Blau-Gelben seit 1976 nicht mehr gewonnen hatten. Und das nicht nur absolut verdient, sondern auch noch mit 2:4! Die eigentlich seit Jahren auswärts blassen Löwen überstrahlten die Hamburger Rothosen in Blau-Gelb nicht nur durch überragenden Kampf und Leidenschaft, sondern auch durch die genau richtigen fußballerischen Mittel. Der Matchplan von Daniel Scherning und seinem Trainerteam ging voll und ganz auf. Ein Abend, denn die knapp 5.000 mitgereisten Löwen-Anhänger auf lange Zeit nicht vergessen werden.

Eintracht-Coach Daniel Scherning entschied sich für folgende Aufstellung: Thorben Hoffmann (TW) – Paul Jaeckel (66. Kevin Ehlers), Sven Köhler, Jannis Nikolaou (C) – Marvin Rittmüller, Robin Krauße (66. Julian Baas), Leon Bell Bell – Lino Tempelmann, Max Marie (81. Ermin Bičakčić) – Richmond Tachie (81. Christian Conteh), Rayan Philippe (87. Sebastian Polter)

4.200 Eintracht-Fans befanden sich im rappelvollen Gästeblock, in den umliegenden Blöcken erkannte man zusätzlich viele weitere Löwen, vor allem bei den später noch fallenden Toren. Die Stimmung war von Beginn an große Klasse und wurde immer besser. Doch den ersten Abschluss hatten erstmal die Gastgeber, der Fernschuss von Dompé war aber leichte Beute für Thorben Hoffmann. Auf der anderen Seite war es, natürlich, Rayan Philippe, der in nach innen zog und von der Strafraumkante den Abschluss suchte, doch da fehlte ein gutes Stück zum Torerfolg. Eine Viertelstunde später kam Marie am Strafraumrand zum Abschluss, sein Versuch wurde vor die Füße von Tachie abgefälscht, der sofort abzog, aber ein Abwehrbein war dazwischen und klärte zur Ecke. Davon gab es gleich drei in Folge, aber allesamt ungefährlich.

Die Blau-Gelben waren hier das aktivere Team, so richtig gefährlich wurde es bis dahin aber noch nicht. Auch der HSV strahlte wenig Gefahr aus. Wieder war es Dompé mit einem mäßig gefährlichen Fernschuss, den Jaeckel souverän am Tor vorbei köpfen konnte. Etwa eine halbe Stunde war gespielt, als der in seiner Geburtsstadt stark aufspielende Max Marie auf Rayan Philippe durchsteckte. Der Eintracht-Topscorer lieferte sich ein intensives Laufduell mit Elfadli, drang in den Strafraum ein und zog aus leicht spitzem Winkel ab: rechts am Tor vorbei. Im Gegenzug klärte Köhler eine Kopfballablage von Sahiti vor dem lauernden Selke.

Fünf Minuten vor der Pause eroberte der stark ackernde Rittmüller an der Mittellinie den Ball vom überrumpelten Richter und schickte das Leder auf der rechten Seite sofort in den Lauf von Rayan Philippe. Der hatte ganz viel Platz, marschierte zum rechten Strafraumrand und streichelte das Leder mit unheimlich viel Gefühl links in den Strafraum. Dort war Leon Bell Bell mitgelaufen, stieß das Spielgerät mit dem ersten Kontakt gegen die Laufrichtung seines Gegenspielers und zog aus 14 Metern mit rechts ab. Daniel Heuer Fernandes im Tor der Hamburger war zwar noch dran, konnte aber nicht verhindern, dass die Kugel rechts im Kasten einschlug! Riesenjubel auf dem Platz, riesiger Jubel im Gästeblock. Der BTSV führte auswärts, beim Spitzenreiter, beim HSV und brach die Gegentorlos-Serie von fast 400 Minuten der Hausherren. Das 0:1 für die Braunschweiger Eintracht und das war nicht unverdient!

Wenige Augenblicke nach dem Anstoß, der HSV war auf dem Platz und auf den Rängen in der Schockstarre, im Gästeblock herrschte purer Freudentaumel, rannte Paul Jaeckel im Vollsprint-Pressing auf Marco Richter zu. Der kam mit dem plötzlichen Druck überhaupt nicht zurecht, verarbeitete die Kugel schwach und verlor erneute den Ball. Jaeckel rannte einfach in den Ball und zog den Sprint bis zum rechten Strafraumeck weiter. Dort suchte die Union-Leihgabe mit einer flachen Hereingabe Rayan Philippe, doch Hefti hielt den Fuß rein. Was schlecht klingt, war am Ende perfekt, denn Heuer Fernandes hatte sich auf den Weg gemacht, die Hereingabe abzufangen und so trudelte die abgefälschte Kugel ins leere Tor. Pure Freude durchzuckte den Körper von Paul Jaeckel, der beide Fäuste hochriss und erstmal gar nicht wusste, wohin mit seinen Gefühlen, dann aber zum nächsten Sprint ansetzte, dieses Mal Richtung Gästeblock, der jetzt endgültig explodierte. Der Rest des Volksparkstadions schwieg, leise gespielt vom Braunschweiger Turn- und Sportverein. Das 0:2 für die Löwen!

Bis zur Pause passierte nichts mehr und dann wurden die Blau-Gelben mit laustarken Gesängen aus dem Auswärtsblock in die Kabine getragen. Dort saßen beide Teams mit vermutlich sehr unterschiedlichen Gefühlslagen. Es war perfekt gelaufen für den BTSV, der im richtigen Moment das Glück erzwungen hatte, als das so wichtige 0:2 durch ein Eigentor. Das erste Mal in dieser Saison, dass ein Gegner für die Löwen traf. Daniel Scherning sah natürlich überhaupt keine Gründe, etwas zu verändern. Dafür wechselte der HSV dreifach, unter anderem kam Ex-Löwe Pherai in die Partie.

Doch besser im Spiel waren weiterhin die Löwen aus Braunschweig. Ein herrlicher Diagonalball von Sven Köhler fand auf der rechten Seite Marvin Rittmüller, der das Leder klasse verarbeitete und nach ein paar Schritten auf den zweiten Pfosten flankte. Bell Bell legte im ersten Kontakt in den Rückraum ab, wo Rayan Philippe völlig frei stand und die Kugel aus 15 Metern direkt nahm. Sein wuchtiger Schuss rauchte Richtung rechter Winkel, klatschte aber nur an die Latte und von dort ins Aus. Zwei Zeigerumdrehungen später kam der Ball über Marie und Bell Bell zu Tempelmann, dessen Schuss zu Rittmüller geblockt wurde. Der rechte Schienenspieler hatte heute viel Selbstvertrauen getankt und zog aus 15 Metern volley ab, jagte das Leder aber drüber. Fünf Minuten danach konnte Robin Krauße eine lange Flanke am zweiten Pfosten nicht mehr aufs Tor drücken. Kurz darauf versuchte es Tempelmann aus großer Distanz, doch ein Abwehrbein entschärfte den Schuss, der somit ungefährlich aufs Tor hüpfte.

Dann kam mal wieder der HSV, Pherai zog aus spitzem Winkel ab, traf aber nur das Außennetz, zudem wäre Hoffmann da gewesen. Wenig später kam Marie nach einer Freistoßflanke zum Abschluss, sein Versuch wurde zu Rittmüller abgefälscht, der von der Strafraumkante aus volles Risiko ging, die Kugel aber auf die Tribüne knallte. Auf der anderen Seite kam es dann zum ersten wirklich gefährlichen Abschluss der Hausherren und der war dann auch drin. Dompé flankte von der rechten Seite auf den zweiten Pfosten, Selke setzte sich im Kopfballduell mit dem körperlich unterlegenen Nikolaou robust, aber gerade noch fair durch und köpfte unhaltbar ein. Anhand seines Jubels glaubte der Toptorjäger noch an seine Mannschaft, hier Punkte einzufahren, nur noch 1:2.

Fünf Minuten später zog Selke aus 20 Metern ab, Hoffmann hatte den harmlosen Versuch ohne Probleme sicher. Das war es dann auch mit der Gefährlichkeit der Hamburger, denn nun kam der BTSV: Max Marie setzte sich auf dem linken Flügel wieder einmal klasse durch und setzte Bell Bell in Szene, der halblinks im Strafraum aus 15 Metern ein echtes Geschoss abließ. Heuer Fernandes zeigte sein Können und brachte irgendwie noch eine Hand an den Ball, doch die Kugel fiel im hohen Bogen auf den Kopf von Rayan Philippe, der das Leder aus kurzer Distanz aber nicht aufs Tor drücken konnte. Poremba klärte vor dem heranstürmenden Bell Bell gerade noch zur Ecke.

Drei Minuten später war dann alles vorbei. Erneut war es Marvin Rittmüller, der mit einem tollen Ball auf die rechte Seite den Angriff einleitete. Lino Tempelmann gewann das Laufduell gegen Elfadli, streichelte sich die Kugel fein am Verteidiger vorbei und spielte die Kugel in den Rückraum. Dort ließ Rayan Philippe trotz guter Schussposition durch und das war genial, denn am Elfmeterpunkt lief Julian Baas ein, hatte noch mehr Platz und knallte das Spielgerät per Direktabnahme in die untere linke Ecke. Überragend gespielt! Die Vorentscheidung, das 1:3 für den BTSV!

Wieder wankten die Hamburger, während tausende ihrer Fans bereits das Stadion verließen. Dabei gab es noch etwas zu sehen! Erstmal allerdings für die frenetisch feiernden Braunschweig-Fans, die nun im 67. Himmel schwebten. Sekunden nach dem Anstoß bekam Tempelmann in der eigenen Hälfte den Ball von Baas, sah den startenden Conteh und überspielte mit einem herrlichen langen Ball gleich drei Hamburger. Mikelbrencis hatte gepennt und somit abseits vom Geschehen das Abseits aufgehoben, blieb aber dennoch stehen. Conteh zog in den Strafraum, schüttelte Baldé locker ab und spielte die Kugel von der Grundlinie auf die Kante vom Fünf-Meter-Raum. Dort hatte Rayan Philippe etwas Glück bei seiner Ballannahme, reagierte anschließend aber auch einfach am schnellsten und donnerte das runde Leder in die Maschen. Da konnte auch der sonst so coole Franzose sein Lächeln nicht verbergen. Der zweite Doppelschlag des Tages zwang den Hamburger SV endgültig in die Knie, das 1:4!

Ich weiß nicht, ob es sowas wie positive Fassungslosigkeit gibt, aber so ähnlich fühlten ich und die mitgereisten Eintracht-Fans am Freitag-Abend zu diesem Zeitpunkt vermutlich. Nun schrien sich hier alle die Kehle heiser. Jetzt war sich selbst der pessimistischste Fan sicher, heute würde der fast 50-jährige Bann gebrochen werden, die Eintracht holt endlich den Auswärtssieg beim HSV! Drei Minuten später brach Conteh über die rechte Seite in den Strafraum, verpasste mit seinem Flachschuss aus leicht spitzem Winkel das fünfte Tor aber knapp. In der Nachspielzeit schaffte der HSV dann noch etwas Ergebniskosmetik. Ein Fernschuss von Baldé klatschte an den Pfosten und prallte von dort zu Selke, der knapp nicht im Abseits stand und zum 2:4 vollendete.

Das war aber scheißegal, denn direkt danach war Schluss und nach einem kurzem Gespräch mit Trainer Scherning rannte die Mannschaft, von Kapitän Nikolaou angeführt, im Sprint Richtung Gästeblock und ließ sich verdientermaßen feiern. Den letzten Sieg beim HSV hatten wohl nur die wenigsten anwesenden Eintracht-Fans miterlebt. Ein echtes Zeichen an die Konkurrenz im Abstiegskampf, eine überragende Leistung, ein verdienter Sieg, ein perfekter Abend. Die Eintracht ist wohl zu Höherem bestimmt.

Tore: 0:1 (40. Spielminute, Leon Bell Bell), 0:2 (41. Spielminute, Eigentor Silvan Hefti), 1:2 (74. Spielminute, Davie Selke), 1:3 (84. Spielminute, Julian Baas), 1:4 (85. Spielminute, Rayan Philippe), 2:4. (90+5 Spielminute, Davie Selke)

Bis dahin

Euer Kivi

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