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Analyse: Ist Scherning noch der richtige für Eintracht?

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Moin Löwen!

Eintracht Braunschweig wird oft mit langen Bällen, schnellem Aufbau und Konterfußball in Verbindung gebracht. Doch entspricht das der Realität? Hat die Mannschaft ihre Stärken möglicherweise vernachlässigt oder sogar falsche Annahmen über diese getroffen? Wie gestaltet sich die Entwicklung unter dem aktuellen Trainer Daniel Scherning?

Diese Analyse soll Aufschluss darüber geben.

Die sportliche Entwicklung stagniert

In den zweieinhalb Zweitligajahren hat sich Eintracht Braunschweig sportlich kaum weiterentwickelt. Erneut kämpft die Mannschaft gegen den Abstieg, und dieses Mal scheint der Klassenerhalt in weiter Ferne. Mit lediglich 18 Toren und 15 Punkten belegt die Eintracht derzeit den vorletzten Platz in der 2. Bundesliga.

Nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga im Jahr 2022 erreichte die Eintracht unter der Leitung von Michael Schiele 2023 den Klassenerhalt am vorletzten Spieltag. Trotzdem waren die Verantwortlichen mit der Entwicklung unzufrieden. Schiele wurde entlassen und durch Jens Härtel ersetzt. Härtel fand jedoch nie richtig in die Spur, was zu einem verpatzten Saisonstart und seiner anschließenden Entlassung führte. Nach zwei Spielen unter Interimstrainer Marc Pfitzner übernahm Daniel Scherning das Ruder, stabilisierte die Mannschaft und sicherte mit einem 1:0-Sieg gegen Wehen Wiesbaden am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt.

Die Saison 2024/25  sollte alles verändern

Eintracht Braunschweig startete die neue Saison mit dem Ziel, unter der Leitung von Geschäftsführer Sport Benjamin Kessel eine nachhaltige Kaderstruktur aufzubauen und die Mannschaft spielerisch weiterzuentwickeln. Das bereits gute Umschaltspiel sollte durch mehr Qualität in den Ballbesitzphasen ergänzt werden. 

Nach einem verpatzten Saisonstart und einer 0:5-Niederlage gegen den 1. FC Köln verwarf man diese Pläne jedoch wieder und konzentrierte sich fortan auf die Defensive Arbeit. Verletzungen, die immer wieder die Planungen Schernings durchkreuzten, taten ihr Übriges. In einigen Spielen saßen Jugendspieler auf der Bank, da nicht genügend gesunde Spieler zur Verfügung standen. Zudem gab es im Sommer einen großen Umbruch im Kader. Keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison.

Ein Jahr Scherning: Eine kritische Bilanz

Man muss dennoch auch anerkennen, dass Scherning die Eintracht bereits seit einem Jahr trainiert und die spielerische Entwicklung aktuell eher rückläufig ist. 

Die Arbeit gegen den Ball ist sein Markenzeichen. Jeder Spieler hat klare Aufgaben: 1. Raumverknappung, 2. Verschieben, 3. Pressing, 4. Lücken füllen. In Pressekonferenzen und Interviews betont er immer wieder, wie viel Wert er auf intensive Läufe und Zweikämpfe legt. Nach dem 2:0-Derbysieg gegen Hannover 95+1  sagte er: 

„Laufbereitschaft war heute ein entscheidender Punkt, wir sind vier Kilometer mehr gelaufen als der Gegner und hatten deutlich mehr Sprints und intensive Läufe. Wir haben einfach alles in dieses Spiel reingepackt. Die Leidenschaft und die Bereitschaft war in jedem Mannschaftsteil da.“

Ja, so tickt er, und so konnte er auch Erfolge feiern. Das Problem ist nur, dass zuletzt die stabile Abwehr immer wieder umgestellt werden musste und man sehr viele Gegentore kassiert hat. Im Vergleich zu den zwei vorherigen Saisons sieht es dennoch immer noch ordentlich aus. Der Gegner kann weniger in die Tiefe gelangen, und man gewinnt die meisten Zweikämpfe – ganz so, wie der Trainer es will. 

Offensive Probleme belasten die Defensive

Ein Kernproblem ist, man kann vorne für kaum Entlastung sorgen. Die schlechte Offensive setzt auch die Abwehr unter Druck. Zwar hat man zuletzt in zwei Spielen jeweils ein Tor geschossen, doch diese resultierten aus ruhenden Bällen. Das letzte Tor aus dem Spiel heraus erzielte die Mannschaft am 24.11. des vergangenen Jahres gegen den 1. FC Kaiserslautern. Nimmt man dieses Tor heraus, das direkt nach einem Einwurf fiel, war das letzte Tor aus dem Spiel heraus gegen den HSV am 8.11.2024. So ehrlich muss man sein: so spielt ein Absteiger.

Wieso entwickelt sich die Eintracht rückwärts?

Unter Scherning geht es primär um die Arbeit gegen den Ball. Jeder muss viele Laufwege machen, gegen den Ball pressen und Zweikämpfe gewinnen. Wenn die Eintracht dann den Ball gewinnt, scheint sie oft nicht zu wissen, was damit anzufangen ist. Es wirkt sehr statisch, langsam und vor allem ideenlos. Und die Gegner wissen das. Sie lassen die Eintracht gerne kommen und stehen selbst tiefer.

Ehlers hat die Möglichkeit schnell nach vorne zu spielen..
..wählt aber einen Pass rückwärts.

Ein Vergleich zeigt: Die Eintracht spielt über 350 Pässe pro Spiel. Unter Michael Schiele waren es nur knapp 300. Die Eintracht spielt weniger direkt: es gibt viel mehr Pässe auf die Seiten oder rückwärts. Die Eintracht hat mehr Ballbesitz und baut kontrollierter auf. Über 45 % Ballbesitz sind zwar nicht mehr als der Gegner hat, aber deutlich mehr als noch unter Schiele, wo die Eintracht unter 40 % Ballbesitz hatte. Das direkte Spiel bleibt im Hintergrund. Die Eintracht spielt 3,5 Pässe pro Ballbesitzphase. Im letzten Spiel gegen Köln waren es sogar 4,5 Pässe.

Bezeichnend finde ich auch die Konter. Die eigentliche „Stärke“ ist eigentlich keine. Nur 0,8 Konter pro 90 Minuten spielt die Eintracht aktuell. Zum Vergleich: unter Michael Schiele hatte die Eintracht 2,5 Konter pro 90 Minuten. Man steht auch kaum im Abseits, was darauf hindeutet, dass man nicht versucht, schnell hinter die Abwehrkette zu kommen. Noch 1,5-mal unter Schiele sind es jetzt nur 0,9-mal pro Spiel.

Kaderplanung und Scoutingprobleme

Der Ball wird also mehr in den eigenen Reihen zirkuliert, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ich frage mich, ob man damit die eigentliche Stärke der Eintracht, das Umschaltspiel, beraubt? Schnell und geradlinig spielen, die Bälle festmachen, immer wieder die Tiefe belaufen und schnell hinter den Rücken der Abwehrkette zu kommen, wo man dann mehr Platz hat. Das war das Erfolgsrezept die letzten Jahren. Dazu kommt, dass man aktuell mit vielen „unnötigen“ Läufen nur Energie verschwendet, die die Eintracht beim Umschalten gebrauchen könnte. 

Es ist ja nicht generell schlimm, dass Scherning das direkte Spiel vernachlässigt. Viele Teams setzen auf einen eher kontrollierten Spielaufbau oder zumindest auf eine Balance zwischen diesen beiden Elementen: Kontrolle und Direktheit. Das Problem bei der Eintracht ist nur: Spieler, die Lösungen mit dem Ball finden können, fehlen. Die Folge: man kommt nicht oft genug in die Tiefe.

Für mich ist das ein Kaderplanungs- und Scoutingproblem. Alleine in der Abwehr oder im Mittelfeld gibt es keinen Spieler, der wirklich seine Stärken im Spielaufbau oder in Lösungen mit dem Ball hat. Sven Köhler oder Jannis Nikolaou werden hier immer wieder ins Spiel gebracht, können diese Rolle aber nur zum Teil erfüllen. Dazu fehlt auch ein Verbindungsspieler im Kader, einer, der Mittelfeld und Sturm verbinden kann. Die zuletzt getätigten Transfers erfüllen diese Aufgaben auch nur zum Teil. Lino Tempelmann macht es zum Beispiel ganz gut, ist aber auch kein Heilsbringer und eher ein Typ Balleroberer.

Es geht auch ohne Kreativität

Ich habe die Eintracht-Tore aus dieser Saison und die Saison unter Schiele analysiert und festgestellt, dass man einen deutlichen Unterschied erkennt, und das nicht nur in der Menge der Tore. In dieser Saison hat man nur 18 Tore erzielen können, und davon kamen nur 7 aus Umschaltsituationen. Von diesen 7 Toren kamen alleine 3 gegen den HSV. Dort konnte die Eintracht die Räume des Gegners gut ausnutzen und sich auch gut aus aggressivem Gegenpressing des Gegners lösen.

Vielleicht sollte man für den Rest der Saison direkter spielen. Ein Underdog wie die Eintracht, der keine guten Lösungen in langen Ballbesitzphasen hat, sollte meiner Meinung nach immer versuchen, die Angriffe schnell zu Ende zu führen, auch wenn dies nicht mit einer guten Chance von der Qualität endet. Selbst wenn der Ball bis nach Wolfenbüttel geschlagen wird, ist das gut, da man sich gegen den Ball wieder organisieren kann und wieder mehr Raum für die Läufe hinter die Kette hat und einen neuen Versuch starten kann. Außerdem kann ein Abpraller immer mal im Tor landen. Tempelmann hat es gegen Köln vorgemacht und einfach mal aus der zweiten Reihe draufgehalten. Überhaupt schoss die Eintracht hier aktiver. So sollte es weitergehen.

Unter Schiele waren es oft lange Bälle hinter die gegnerische Abwehrkette.

Gerade unter Michael Schiele war diese Methode die Trumpfkarte. Die Mannschaft spielte sehr bewusst geradlinig Richtung gegnerisches Tor. Auch bei Schiele standen Intensität und Mentalität im Vordergrund, aber die Kreativität blieb dagegen im Hintergrund. Das Spiel mit Tempo und Raum hatte Vorrang. Man versuchte, bewusst Ohne-Tempo-Konstellationen zu vermeiden und in Mit-Tempo-Situationen umzuwandeln. Mit Schiele erzielte die Eintracht 2022/23 ganze 42 Tore, und was da auffiel: nur 17 Tore erzielte die Eintracht aus langsamen Angriffen oder ruhenden Bällen.

Der Kern-Unterschied war, wie schnell man zum Abschluss kommen wollte: In seiner Bestzeit laut Global Soccer Network suchte die Eintracht damals sehr schnell den Abschluss: Im Schnitt waren es ca. 9 Sekunden nach einem Ballgewinn. So war es auch selbst unter Härtel und Pfitzner. Offensivaktionen, die mit einem Schuss enden, wurden unter Schiele bei der Eintracht immer, wenn möglich, mit Tempo und Direktheit gespielt. Bei der Eintracht aktuell dauert es laut Global Soccer Network fast 14 Sekunden von einem Ballgewinn bis zum Abschluss. Eine Steigerung von über 4 Sekunden! 

Auch lange Bälle sind eine gute Waffe, wenn man sie richtig einsetzt. Wenn man die Zielspieler mal vergleicht: Ujah hat unter Schiele 2,9 lange Bälle pro 90 Minuten empfangen und sagenhafte 12,6 Luftduelle gehabt. Mit Schiele wurden 17 % der Bälle lang gespielt, unter Scherning nur 14,7 %. Levente Szabo und Sebastian Polter werden nicht in gleichem Maße angespielt, wobei gerade Polter die Qualität, die Bälle festzumachen und klatschen lassen, auch mit sich bringt. Das hat er zum Beispiel im Spiel gegen Magdeburg gezeigt.

Ist Scherning noch der richtige?

Ich finde, ein Endspiel für Scherning ist fällig. Sieht man nach Darmstadt keine erkennbare Verbesserung, sollte man für den Rest der Saison auch auf der Trainerbank umstellen. Die Abwehr wirkte zuletzt stabilisiert, was sehr wichtig im Abstiegskampf werden kann, besonders wenn man noch über die Relegation muss. Fakt ist aber auch: die Eintracht muss auch Tore erzielen und Punkte gewinnen – und hier fehlt es an Lösungen.

Egal wie es ausgeht, spätestens nach der Saison sollte man nicht nur den Trainer hinterfragen, sondern auch das Eintracht-Scouting. Wenn man einen Stil auf eine Balance zwischen „langen Hafer“ und „Tiki-Taka“, um es mal banal auszudrücken, gewählt hat, sollte man auch die Spielertypen dafür rekrutieren können, und diese fehlen in meinen Augen. Die Wintertransfers werden dieses nur bedingt lösen können. Die meisten Hoffnungen habe ich da noch sogar bei Ron-Thorben Hoffmann, der die Null hinten halten kann, durch sein starkes 1-gegen-1 ein aggressives Pressing ermöglicht und schnelle Konter starten kann.

Als Fazit könnte man sagen, wir haben aktuell aus klaren Gründen ein Problem in der Offensive, und dies hat man weder mit den Wintertransfers noch mit taktischen Veränderungen bisher lösen können. 

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