Schernings Defensive entschlüsselt
7 min readMoin Löwen!
Seit Daniel Scherning Trainer in Braunschweig ist, macht die Eintracht wieder Spaß. Nach 6 Siegen aus 10 Spielen ist der Verein, der schon fast abgeschrieben war, mittlerweile auf einen Nichtabstiegsplatz. Zwar haben die Löwen noch 12 Spiele vor sich und der Klassenerhalt ist tatsächlich noch weit entfernt, dennoch lohnt es sich, den neuen Trainer unter die Lupe zu nehmen und zu analysieren, wie Eintracht unter ihm spielt und was die Stärken, aber auch die Schwächen im jetzigen Scherning-Fußball sind. Dabei konzentriere ich mich diesmal auf die defensive Arbeit in der organisierten Phase des Spieles.
Daniel Schernings Defensive entschlüsselt. Los geht´s!

Die Prinzipien
Eintracht hat seit Scherning da ist, eine klare Grundformation und Muster, wie man aus dieser Grundformation heraus gegen den Ball organisiert arbeitet. Die Grundformation, ein „3-1-4-2“, ist oft gegen den Ball ein „5-3-2“, wodurch die Räume besonders in der Mitte sehr eng werden. In der Regel steht die Mannschaft raumorientiert, woraus man dann in Ballnähe die Gegenspieler anläuft. Durch direktes Anlaufen des ballführenden Spielers und durch Verschieben der Ketten wird der direkte Aufbauspiel des Gegners sehr schwer gemacht. Alle Spieler haben klare Aufgaben: 1. Raumverknappung 2. Verschieben 3. Pressing 4. Lücken füllen. Scherning baut auf eine Stammelf aus und stellt, auch im Spiel wenig, um. Damit ist es für die Spieler leichter sich einzuspielen.


Eintracht ist am aktivsten im Mittelfeldpressing. Oft lässt BTSV den Gegner zunächst ziemlich ungehindert aufspielen. Mit den niedrigsten Pressingwerten und der zweitniedrigsten Zweikampfintensität in der Liga ist Eintracht in der Defensive vor allem darauf ausgerichtet, die gefährlichen Räume zu kontrollieren. Durch Raumverknappung im Zentrum nimmt man dem Gegner die Spieloptionen mit dem Ball. Durch einfache Anlaufmuster und Verschiebungen schafft man es, den Ball in ungünstige Räume zu lenken, um den Gegner zu Fehlern zu zwingen und selbst den Ball zu erobern. Ganz wichtig dabei ist, dass bei den herausrückenden Spielern ihre Lücken gefüllt werden. Für die restliche Absicherung sorgen die Deckungsschatten (z.B. die Positionierung der Spieler hinter dem Ballbesitzenden, um Anspielmöglichkeiten zu unterbinden) der Spieler.

Eintrachts Zwischenlinienraum, besonders zwischen den Abwehr- und Mittelfeldketten, ist kompakt. Die Mannschaft deckt den Innenraum gut ab und steht kompakt. Wird der Gegenspieler zum Beispiel auf dem Flügel oder im Zentrum angespielt, rücken die ballnahen Spieler aus ihren Ketten heraus, um ihre direkten Gegenspieler unter Druck zu setzen. Das taktische Ziel ist, das Zentrum dicht zu machen und auf die ballnahe Seite das Feld zu überlagern, um dort eine Überzahl zu haben. Der Gegner hat kein Durchkommen und kann auch nicht ohne Risiko das Spiel direkt verlagern und muss so das Spiel hintenrum auf die andere Seite verlagern. Das verschafft Zeit, was der Eintracht ermöglicht das Pressing auf die jetzt andere Seite zu verschieben.
Die Stärken
Wenn wir die Stärken der aktuellen Eintracht betrachten, ist definitiv die defensive Arbeit ein wichtiger Bestandteil. Zum Beispiel gab es in den letzten fünf Ligaspielen nur zwei Gegentore, dreimal konnte man zu Null spielen. Dass so wenige Gegentore kassiert wurden, liegt auch an der aktuellen starken defensiven Form. Ron-Thorben Hoffmann, wie die gesamte Abwehr, ist in bestechender Form. Dazu ist auch das Glück auf unserer Seite: Die Gegner erzielen keine Tore, während die Eintracht effizient ist. Aus wenigen Chancen wird in der Regel ein Tor erzielt, oft sind es auch kuriose Tore oder Konter- bzw. Umschaltsituationen, an denen sogar die Abwehrspieler beteiligt sind.
Neben der Formstärke und dem Spielglück verhelfen die klaren Aufgaben und die klar definierte Struktur den Spielern, sich leicht zu orientieren und konzentriert zu bleiben. Die Stammelf spielt schon mehrere Spiele zusammen und kennt ihre Abläufe immer besser. Der neue Abwehrchef Ermin Bicakcic gibt die Kommandos, wann zum Beispiel die Abwehrkette hochschieben soll.
Hier habe ich einige Beispiele für euch zusammengestellt:




Auffällig ist, wie diszipliniert und konzentriert die Spieler gegen den Ball arbeiten und den Gegner anlaufen. Manchmal folgen sie aus ihren Positionen heraus ihren Gegenspielern auch wirklich lange Strecken. Wird der Ball in den von Braunschweig kontrollierten Raum gespielt, wird der Gegenspieler sofort attackiert. Viel Zeit oder Handlungsspielraum bleibt ihm da nicht.
Die tiefe und kompakte Struktur in der Defensive ermöglicht auch besser das Umschalten. Scherning setzt stereotypisch auf Ballgewinne als Spielmacher. Besonders Teams, die ein hohes Angriffspressing spielen oder gerade hoch im Ballbesitz sind, sind hier anfällig. Gewinnt man den Ball, hat man Raum vor sich und kann den Gegner mit seinem Tempofußball abhängen. So zum Beispiel beim 1:1 gegen Kaiserslautern durch Rayan Philippe. Auch das Gegenpressing gehört zum Repertoire von Eintracht.
Schwächen
Das 3-1-4-2-System und die taktische Einstellung gegen den Ball hat die Folge, dass man sehr auf den Gegner reagiert. Im Fußball passieren Fehler, und wenn man 0:1 hinten liegt, findet die Eintracht sich oft in einer Situation wieder, in der man selbst mit dem Ball agieren muss. Die organisierte Defensive in der jetzigen Form hat ihre Stärken besonders dann, wenn die Eintracht lange die Null hinten halten kann und eventuell sogar selbst das 1:0 erzielt. Dann muss der Gegner kommen. Eintracht scheint allerdings in Rückstand einen Plan B zu fehlen, was besonders gegen stärkere Gegner auswärts sich bemerkbar macht.
Das Verschieben und ballnahe Anlaufen läuft auch noch nicht optimal. Manchmal haben die Spieler am Ball zu viel Zeit, oder die Abwehr ist schlecht positioniert, und der Ball wird in die Rückräume gespielt. Am zweiten Pfosten wirkt die Eintracht manchmal anfällig bei diagonalen Bällen und Flanken. Oft sind hier ballferne Spieler gefragt, um ihre Gegenspieler nicht aus dem Auge zu verlieren. Das 1:0 für St. Pauli kam nach einem dieser Bälle nach einer entfernten gegnerischen Ecke zustande. Philippe kam nicht mehr an den Ball heran, doch am Ende fehlte hier die Zuordnung, und es war eher kein individueller Fehler. Apropos gegnerische Standards: Hier passieren immer noch zu oft Fehler, die zu Gegentoren führen.
Das Festhalten an seiner Startelf und die geringe taktische Variabilität durch Scherning bergen auch Gefahren. Man macht sich in einem gewissen Grad von der Form dieser Spieler abhängig. Verlieren die Spieler ihre Form, mangelt es an eingespielten Alternativen. Die erwarteten Gegentore der letzten Spiele zeigen deutlich, dass die Eintracht aktuell noch vom Spielglück profitiert.
Auch die gegnerische taktische Umstellung im Spielverlauf stellt ein mögliches Problem dar. Verschiebt man nicht schnell genug oder kann sich nicht auf taktische Umstellungen einstellen, kann es zu Zuordnungsproblemen kommen. Zum Beispiel bereitete die taktische Umstellung von St. Pauli nach der ca. 15. Minute im Spielaufbau von einem 2-3-Aufbau zu einem 3-2-Aufbau mit zwei hochgeschobenen Flügelspielern der Eintracht Schwierigkeiten beim Pressing, und ermöglichte es St. Pauli, die Flügel besser zu belagern.
Alternativen
Da der Gegner sich immer besser auf die Eintracht einstellen kann, kommen eventuell einige kleine taktische Umstellungen von Scherning in Frage. Die erste Option wäre es, auf einigen Positionen zu rotieren. So ermöglicht man auch anderen Spielern, Spielpraxis zu sammeln. Außerdem kann man somit den Gegner individuell taktisch überraschen. Dazu sind auch frühere Wechsel und kleine taktische Umstellungen im Spielverlauf besonders nach Rückschlägen erforderlich. Kreative Spieler wie Hampus Finndell könnten früher eingewechselt werden.
Scherning könnte sich überlegen, wie man die Breite besser absichern kann, sollte der Gegner, wie zum Beispiel St. Pauli, die Flügel bespielen wollen.
Eine Möglichkeit wäre es, dass einer der Stürmer sich fallen lässt und die Eintracht noch gezielter im Mann-gegen-Mann-Pressing agiert, um dem Gegner auch das Bespielen der breiten Räume zu erschweren. Dadurch würde man situativ im 5-4-1 spielen und somit die Breite abdecken können.

Ein Nachteil dieser Variante wäre allerdings, dass man im Falle eines Ballgewinns nicht zwei Stürmer vorne hat, um die Bälle zu bearbeiten. Dies würde die Kontergefahr verringern. Deshalb sollte diese Variante nur situativ eingesetzt werden und nicht als permanente Umstellung dienen.
Alternativ könnte die Mittelfeld-Dreierkette aggressiver oder aktiver verschieben, um so die Breite abzudecken. Dazu könnte man auch die Abstände zwischen Mittelfeldkette und Sturmreihe verringern. Somit steht die Eintracht zwar niedriger im Pressing, aber die Stürmer und Mittelfeldspieler können besser als Gruppe agieren.
Fazit
Die gut organisierte Abwehr der Eintracht ist schwer zu knacken. Die Spieler kennen ihre Laufwege, positionieren sich gut und sind eingespielt und formstark. Allerdings mangelt es an Alternativen, sollte Plan A nicht funktionieren. Scherning könnte hier einige kleine taktische Veränderungen vornehmen, wie zum Beispiel noch vertikal kompakter stehen und aggressiver verschieben oder situativ die Formation leicht ändern. Das defensive Grundgerüst ist aber fest und stabil.

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