Löwen im Anlauf – Warum Scherning jetzt auf eine Mannorientierung setzt
9 min readMoin Löwen!
Zu Saisonbeginn agierte der BTSV meist (bis auf das Spiel gegen Magdeburg) in einem 5-3-2 (oder 3-3-2-2 bzw. 3-1-4-2, je nach Bezeichnung), mit einem Sechser und zwei Achtern im Mittelfeld. Im weiteren Verlauf der Saison wechselte Trainer Daniel Scherning auf eine Doppelsechs. Die Formation variiert nun zwischen einem 3-4-3 und einem 3-4-1-2. Die größte taktische Veränderung liegt jedoch nicht im System selbst, sondern in der Philosophie hinter der taktischen Umstellung.
Heute möchte ich euch eine wichtige Veränderung im Spiel der Eintracht vorstellen und analysieren, wie Trainer Scherning auf die vielen Gegentore reagiert hat.
Knackpunkt Köln
Scherning ist, wie viele deutsche Trainer, ein Verfechter von Zweikämpfen und Laufleistung als Grundlage seines Fußballs. Zu seinen Methoden bei der Eintracht gehört die intensive Vorbereitung auf den Gegner. Er selbst sagt über die Eintracht: „Ich glaube mittlerweile zu wissen, wie Traditionsvereine mit einer starken und großen Fanbasis wie bei der Eintracht ticken.“ Soll heißen: Kampf und Laufbereitschaft stehen besonders bei einem Verein wie dem BTSV im Vordergrund.
Doch schnell sah sich der Trainer gezwungen, von seinem Originalplan abzuweichen. Noch in der Vorbereitung lag der Fokus mehr auf der eigenen Spielentwicklung. Der Knackpunkt war die hohe Niederlage gegen Köln. Nach der 5:0-Pleite kritisierte Scherning die Laufleistung seiner Spieler. „Wenn man sieht, dass wir acht Kilometer weniger gelaufen sind, wenn wir 50 Sprints und 60 weniger intensive Läufe als der Gegner verzeichnen konnten, dann macht mich das unheimlich sauer“, sagte Scherning über die Einstellung seiner Mannschaft.
Philosophie -Wechsel
Nach der hohen Niederlage gegen Köln stellte Scherning sein Team um. Die grösste Veränderung war das Verhalten der Mannschaft gegen den Ball. In den Spielen vor Köln agierte man im Mittelfeld raumorientiert. Die Bilder unten zeigen, dass die Eintracht-Spieler keine direkten Gegenspieler haben. Stattdessen versucht die Eintracht ballorientiert zu verschieben und die Räume eng zu machen. Erst in Ballnähe wurden die Gegenspieler direkt angelaufen.



Um die Arbeit gegen den Ball und um die Lauf- und Zweikampfwerte seiner Mannschaft zu verbessern, stellte der Eintracht-Trainer auf eine mannorientierte Verteidigung um. Die Eintracht-Spieler laufen ihre Gegenspieler nun direkter an, setzen sie früh unter Druck und versuchen so, das gegnerische Aufbauspiel zu stören. Die Folge sind mehr Kilometer, intensivere Läufe, aber, vor allem, auch weniger Gegentore.
Jeder soll einen direkten Gegenspieler haben
In dieser mannorientierten Verteidigung liegt auch der Grund für die taktischen Veränderungen im Grundsystem. Oft zeigt sich dies schon in der Anfangsformation, da Scherning gerne die gegnerische Formation spiegelt.
Taktik-Experte Tobias Escher definiert Systemspiegelung (2017) so: „Ein Team spiegelt die Formation des Gegners. Läuft der Gegner mit einem Sechser und zwei Zehnern auf, wird das verteidigende Team dem Sechser einen Zehner und den Zehnern zwei Sechser entgegenstellen.“ Der Vorteil dieser Spiegelung liegt auf der Hand. Escher formuliert es so: „Auf dem gesamten Feld sollen Manndeckungen hergestellt werden. Spiegelt man die Formation des Gegners, hat jeder Verteidiger automatisch einen Gegenspieler.“
Die Eintracht spiegelt den Gegner vor allem in dessen Aufbauspiel und achtet dabei genau auf dieses Prinzip: Jeder (ballnahe) Spieler muss beim Verteidigen einen direkten Gegenspieler vor sich haben.
So spielte man zuletzt gegen Hertha BSC, Ulm oder Fürth im 3-4-3 und spiegelte die gegnerische Dreierkette und die zwei zentralen Mittelfeldspieler. Die gegnerische Abwehr wird direkt mannorientiert angelaufen, um sie schon im Aufbau zu stören. Als Pressingsignal gilt zum Beispiel ein Pass vom Torwart auf den gegnerischen Innenverteidiger oder ein Rückpass vom Verteidiger zum Torhüter, der dann angelaufen wird.
Im Spiel gegen Hertha (siehe Bilder unten) baut der Gegner mit drei Innenverteidigern und zwei Sechsern auf. Der Ball wird ins Zentrum gespielt, und die Eintracht kann direkt den ballführenden Spieler, Michał Karbownik (33), der nun mit dem Rücken zum Tor steht, angreifen und ballnah eine 5-gegen-2-Überzahl herstellen.


Baut der Gegner in einer Viererkette auf, wie zuletzt Hannover, agiert die Eintracht in einer anderen Grundformation, nämlich mit einem Zehner im 3-4-1-2. Hier baut der Gegner mit zwei Innenverteidigern und einem Sechser auf, und die Außenverteidiger schieben hoch.
Ein Beispiel aus dem Spiel gegen den Karlsruher SC zeigt, wie man den Gegner anlaufen will. Zunächst wird der Gegner im Aufbau mannorientiert gestellt. Spielt in diesem Fall KSCs Sechser Nicolai Rapp (17) den Ball zwischen die beiden Innenverteidiger (siehe Bilder unten), schiebt sich der Zehner Fabio Kaufmann zwischen Polter und Philippe, um Rapp unter Druck zu setzen.


Gegen Hannover kann man im Bild (unten) gut erkennen, wie die Eintracht ballnah die gegnerischen Spieler 1-gegen-1 anläuft bzw. sich im Pressing an ihren direkten Gegenspielern orientiert. Bei einem Rückpass von Fabian Kunze auf Torhüter Zieler wird dieser von Gomez angelaufen. Da die Eintracht wegen Zieler in Ballnähe in Unterzahl ist, versucht man mit Hilfe von Deckungsschaten die gefährlichen, tiefen Passwege zu schließen. Etwas ballnäher im Zentrum schließt man diese Passwege nicht automatisch, denn ein Pass in den freien Raum würde bedeuten, dass der Gegenspieler gleich drei Eintracht-Spieler neben sich hat, die ihn direkt attackieren können. So wie im Beispiel gegen Hertha, wo die Eintracht bei einem Pass ins Zentrum eine 5:2 -Überzahl herstellen konnte.

Doch wenn man genauer auf das Standbild (oben) gegen Hannover schaut, sieht man, dass ballfern nicht jeder Spieler gedeckt ist. Ballfern orientiert sich die Eintracht immer am Raum, um nicht komplett gewisse Räume offen zu lassen. Außer natürlich, der Ball wird auf die ballferne Seite verlagert, dann gilt wieder die Regel des mannorientierten Pressings.
Was will die Eintracht mit dieser Taktik erzielen?
Was gewinnt die Eintracht mit dieser Taktik? Erstens macht sie es dem Gegner schwerer, sein eigenes Spiel aufzuziehen. Das ist in einer Liga, in der die meisten Teams mit dem Ball besser sind, sinnvoll. Interessant ist, dass die Eintracht beim Anlaufen oft nicht in das direkte Duell geht.
Dies zeigen zwei Statistiken: Erstens die Intensität der direkten Duelle, wo die Eintracht mit 4,9 „Duels, tackles and interceptions per minute of opponent possession“ knapp unter dem Ligadurchschnitt (5,1) liegt. Zweitens die Balleroberungen, wo der BTSV mit 69,9 Balleroberungen pro 90 Minuten knapp über dem Ligadurchschnitt von 69,8 liegt. Hier zeigt sich die zweite Regel von Schernings Philosophie: Den Gegner in seiner Spielgestaltung aktiv stören, aber nicht direkt attackieren.
Direkte Ballgewinne oder Erfolge nach dem Anlaufen sind also nicht das primäre Ziel. Die Pressingkarte (unten) bzw. die Ballgewinne zeigen, dass die Eintracht das Mittelfeld zustellen und bei einem Ballgewinn genügend Räume für schnelle Läufe hinter die Kette haben will.

Die Löwen haben die meisten Ballgewinne im Mittelfeld. Außerdem hat der BTSV hinter Ulm die zweitmeisten abgefangenen Bälle und Befreiungsschläge in der Liga (40,1 pro 90 Minuten), was die „Stören-statt-Erobern“-These als Prinzip von Scherning bestätigt. Fotmob und Whoscored sehen die Eintracht bei abgefangenen Bällen sogar auf Platz eins. Auch der Wert der geblockten Pässe (7,1, Ligadurchschnitt laut Whoscored) bestätigt die These „eher stören statt aktiv den Ball gewinnen“.
Was sind die Erfolge?
Seit Scherning seine Mannschaft mannorientierter spielen lässt, läuft es für die Löwen besser. Es gibt auch statistische Belege dafür, dass die Eintracht nun mehr läuft als zuvor. Zum Beispiel bei den Sprints (Bundesliga.de): In jedem Spiel hatte die Eintracht mehr Sprints als der Gegner, und auch im Durchschnitt ist der Wert um ca. 18 Sprints pro Partie gestiegen. Bei den Kilometern insgesamt ist der Unterschied im Schnitt vor und nach Köln nicht so groß (nur ca. 1 km), aber auch hier zeigt sich, dass die Eintracht nun mehr läuft.In der Tabelle mit den intensiven Läufen liegt die Eintracht in der Liga auf Platz 6.
Viel wichtiger ist jedoch, dass man zwei Siege einfahren und einmal unentschieden spielen konnte. Die Negativserie wurde gestoppt. Auch gegen Hertha sah es in der ersten Halbzeit ordentlich aus. Die Zahl der erwarteten Gegentore ist in den Pflichtspielen von 2,4 auf 1,7 gesunken. Noch ist dieser Wert zu hoch, aber der Trend stimmt. Der Gegner kommt nicht mehr so leicht zum Torerfolg, und wie bereits erwähnt, ist es für ihn durch die Eintracht schwerer geworden, sein Spiel aufzuziehen.
Eine interessante Statistik betrifft die tief im Strafraum angekommenen Pässe des Gegners. Diese Zahl ist im Durchschnitt von 9 auf 7,1 pro 90 Minuten gesunken und zeigt, dass die Eintracht den Gegner mit ihrem Abwehrspiel jetzt besser kontrollieren kann.
Wo sind die Probleme?
Ein so gegnerorientiertes Spiel hat aber auch seine Schwächen. Da ist zunächst die Frage der Unterzahl. Wie im Beispiel von Hannover gezeigt, kann der Gegner mit einer einfachen Methode ballnah immer eine Überzahl im Aufbau herstellen: Er nimmt den Torhüter mit ins Spiel. Somit hat der Gegner immer einen Spieler mehr und kann die erste Pressinglinie der Eintracht leichter überspielen. Die Eintracht-Spieler werden zu Entscheidungen gezwungen, welchen Spieler sie decken oder anlaufen und welchen nicht.
Der nächste Gegner Preußen Münster spielt zum Beispiel so. Ihr Torhüter Johannes Schenk ist im Aufbau gerne beteiligt. Er schiebt sich zwischen die beiden Innenverteidiger und bietet so eine zusätzliche Anspielstation. Münster kann dann im Mittelfeld einen oder zwei Sechser im Aufbau einsetzen und so das direkte Pressing des Gegners erschweren bzw. die erste Pressinglinie überspielen. Auch taktisch ist Münster sehr variabel. Daniel Scherning wird es schwer haben, diese Art von Aufbau (mit einem zusätzlichen Mann) zu stören.


Hinzu kommt die Qualität des Gegners. Erinnert ihr euch an die ballnahe 5-gegen-2-Überzahl gegen Hertha? In diesem Fall konnte sich Hertha trotzdem befreien und aufdrehen. Überhaupt ist es bei spielstarken Gegnern, die gut kombinieren können, schwierig, über 90 Minuten erfolgreich zu sein.
Kommunikation ist hier sehr wichtig, um wirklich keinen Gegenspieler zu übersehen oder zu viele Räume zu öffnen. Immer wieder sieht man, dass die Eintracht-Spieler hier Probleme haben und sich nicht richtig entscheiden können.
So wie im Bild unten, wo Gomez merkt, dass hinter ihm ein Hannover-Spieler frei ist. Aber auch vorne kippt ein Sechser ab, und sogar TW-Zieler hilft im Aufbau mit. Soll Gomez nun den Ballführenden anlaufen oder lieber absichern? Diese Situation wird es immer wieder geben. Kommunikation auf dem Platz ist daher essenziell.

Der Gegner weiß natürlich, dass sich die Eintracht auf ihn einstellen wird. Besonders taktische Veränderungen im Spiel, also In-Game-Coaching, könnten der Eintracht zum Verhängnis werden. Angenommen, der Gegner wechselt mitten im Spiel sein Aufbauspiel oder seine Grundordnung. Wie reagiert die Eintracht dann? Ein taktisch variabler Gegner kann hier schnell für Verwirrung sorgen.
Einen weiteren Nachteil müssen wir noch erwähnen: Die intensive Vorbereitung auf den Gegner bedeutet auch, dass die eigene Spielentwicklung etwas vernachlässigt wird. In den Testspielen vor der Saison sah es so aus, als wolle Eintracht Braunschweig das Team spielerisch weiterentwickeln. Das bereits gute Umschaltspiel sollte durch mehr Qualität in den Ballbesitzphasen ergänzt werden. Die Veränderung der Grundausrichtung deutet jedoch darauf hin, dass die eigene Spielentwicklung erst einmal eine untergeordnete Rolle spielt.
Meine Verbesserungsvorschläge
Ich würde mir die Eintracht im Pressing und in den Zweikämpfen etwas mutiger und aggressiver wünschen. Ich verstehe die Idee hinter dem Stören, Lenken und im Griff halten, aber gerade in Überzahlsituationen, wie im Beispiel gegen Hertha, sollte man aggressiver versuchen, den Ball zu erobern. Auch sollte aus dem individuellen Anlaufen mehr kollektives Pressing werden. Die Pressinghöhe sollte man ebenfalls überdenken. Nur 10 % der Balleroberungen finden im gegnerischen letzten Drittel statt. Diese Zahl könnte man, zusammen mit der Anzahl der Zweikämpfe, steigern und den Fokus mehr aufs Kollektive legen, womit man den Gegner auch zu hohen Ballverluste zwingen kann.
Fazit
Daniel Scherning hat es geschafft, die Eintracht etwas zu stabilisieren. Im Pressing wird mehr mannorientiert gespielt, die Grundformation wird an den Gegner angepasst. Man richtet sich auf den kommenden Gegner aus, und solange nichts Unvorhergesehenes passiert, ist man gut vorbereitet. Mit aktivem Anlaufen stören die Löwen den Gegner, der seltener als zuvor zum Torerfolg kommt. Die kommenden Spieltage werden zeigen, ob diese Taktik weiterhin für Erfolg sorgen kann.
Daten und Screenshots (wenn nicht extra erwähnt) von Wyscout.
