Backup und Zukunft: Wer folgt auf Yardimci?
8 min readDurch ein gutes Hinrundenfinish konnte der BTSV zum ersten Mal seit Längerem etwas beruhigter in die Winterpause gehen. Die Stimmung rund um das Eintracht-Stadion ist, dass Benny Kessel lediglich etwas nachjustieren muss. Dem kann man vor allem auf der Stürmerposition zustimmen. Mit Erencan Yardimci ist der Eintracht im Sommer ein Transfercoup gelungen. Der junge Türke passt wie angegossen in das defensiv orientierte System von Heiner Backhaus. Gerade diese intensive Herangehensweise sorgt allerdings dafür, dass die Luft bei Yardimci regelmäßig ab der 60. Minute erkennbar abnimmt.
Während sich die Defensive im Ligavergleich sehen lassen kann, ist die Offensive die Schwachstelle der Blau-Gelben (siehe Abb. 1 unten). Das liegt unter anderem daran, dass Heiner Backhaus von der Bank derweil nicht viel nachlegen kann: Szabó und Polter sind praktisch aussortiert, Robert Ramsak braucht noch etwas Zeit, um sich zu einem verlässlichen Rotationsspieler in der zweiten Bundesliga zu entwickeln.

Abb. 1: Dieses xG / xGA Scatter-Plot zeigt die erzielten xG der Vereine auf der x-Achse und die kassierten xGA auf der y-Achse.
Angesichts dessen wäre ein weiterer Goalgetter sinnvoll. Schwierig wird dabei, genau das richtige Profil zu finden. Der Neuzugang müsste nicht nur in die Backhaus-Philosophie passen, sondern auch Können und Potenzial so vereinen, dass er sich bis zum Sommer mit der Rolle des Jokers abfindet, dabei für ordentlich Torgefahr sorgt und ab Sommer in Yardimcis Fußstapfen als Stammspieler treten könnte. Außerdem darf er natürlich keine beträchtliche Summe kosten und verdienen wollen. An diesem schmalen Grat habe ich mich im heutigen Artikel versucht.
Anmerkung: An der Notwendigkeit eines Yardimci-Ersatzes ändert meiner Meinung nach auch der wohl bevorstehende Transfer von Chris Conteh zu Heidenheim nichts. Zu einem möglichen Conteh-Ersatz wird demnächst ebenfalls ein Artikel kommen.
Der erste Kandidat kommt aus Ungarn. Milan Tóth spielt zurzeit beim ungarischen Zweitligisten Vasas FC und hat dort noch einen langfristigen Vertrag bis 2028. Auf transfermarkt.de wird sein Marktwert auf 350 Tsd. € geschätzt, eine Ausstiegsklausel für ausländische oder höherklassige Vereine erscheint nicht unrealistisch.
Sicherlich fragt Ihr Euch, warum hier ein Spieler aus der zweiten ungarischen Liga vorgeschlagen wird. Nachdem Szabó aus der ersten Liga nicht geklappt hat, stellt sich die Frage, warum ein Ungar aus dem Unterhaus besser spielen sollte. Das möchte ich im Folgenden beantworten. Wichtig zu wissen ist, dass die NB II. ungefähr auf dem Niveau der deutschen Regionalliga liegt.
Zuerst das Wichtigste: Der 23-Jährige bringt eine immense Torgefahr mit. In den letzten 3 Saisons lag sein xG p90-Wert nie unter 0,59. In der aktuellen Saison kommt er sogar auf 0,87 (bei weniger Spielminuten, also einer kleineren Datenmenge). Zu beachten ist aber in dieser Hinsicht, dass er Elfmeterschütze ist. Auch auffällig: Tóth hat in den letzten 4 vollen Saisons (also seitdem er 19 Jahre alt ist) stets über 10 Tore pro Saison geschossen. Eine Gast-Saison bei Sturm Graz II in der zweiten österreichischen Liga war auch dabei (22/23, ähnliches Niveau wie deutsche Regionalliga). Die Torgefahr weiß er also in Tore umzumünzen, was auch seine gute Goal Conversion von knapp 27 % über die letzten 2,5 Jahre zeigt.
Torgefahr für andere schafft er mit 0,13 xA p90 über die letzten 2,5 Jahre etwas überdurchschnittlich. Zum Vergleich: Christian Conteh kommt in der Hinserie in der deutlich besseren 2. Bundesliga auf 0,19, Yardimci selbst nur auf 0,01 xA p90. Durch eine sehr hohe Anzahl an Dribblings mit einer ordentlichen Gewinnquote schafft Tóth allerdings auch Räume für Mitspieler, die sich nicht durch xA darstellen lassen.
Gegen den Ball zeigt Tóth gute Leistungen. Er geht überdurchschnittlich oft in Defensivduelle (etwas weniger als Yardimci), gewinnt dabei aber deutlich mehr als die Hälfte. Yardimci gewann in der Hinrunde knapp 35 % Defensivduelle, wobei seine Gegenspieler deutlich besser waren. Vor allem den Ball abfangen kann Tóth sehr gut: In den letzten 2,5 Jahren hat er stets überragende 4 Bälle p90 abgefangen.
Der Grund für seine ordentliche Defensivquote dürfte sicherlich auch in seiner Physis liegen. Der junge Ungar ist zwar nur 1,80m groß, aber breit gebaut. Zudem kann er seine Schnelligkeit gut einsetzen, insbesondere bei Steilpässen. Zumindest körperlich dürfte er in der zweiten Bundesliga mithalten können.
Bei all diesen wirklich guten Werten muss immer beachtet werden, dass er diese ungefähr auf Regionalligalevel „erspielt“ hat. Dennoch ist es überraschend (und auch durchaus suspekt), dass er noch keinen richtigen Schritt nach oben gehen konnte. Denn auch unter Berücksichtigung der Ligastärke zeigt Milan Tóth starke Leistungen. Sollte es keinen guten Grund (etwa abseits des Spielfelds) dafür geben, dass sich noch kein größerer Verein die Dienste des 23-Jährigen gesichert hat, wäre Tóth sicherlich eine Idealbesetzung als Yardimci-Ersatz. Er käme ohne Startelfanspruch, aber mit viel Torgefahr, guten Defensivwerten und ordentlich Potenzial aus Ungarn zu den Löwen.
Kevin Monzialo (25), Den Bosch
Für den nächsten Vorschlag geht es in die entgegengesetzte Himmelsrichtung. Kévin Monzialo ist aktuell beim FC Den Bosch in der Keuken Kampioen Divisie bis zum Sommer unter Vertrag, wobei die Niederländer eine Verlängerungsoption haben sollen. Sein Marktwert wird durch transfermarkt.de auf 600 Tsd. € beziffert.
Der Französisch-Kongolese spielt aktuell mit 21 Torbeteiligungen in 21 Spielen eine hervorragende Saison im niederländischen Unterhaus. Mit 13 Toren überperformt er jedoch seinen xG-Wert von knapp 10,5 (0,51 xG p90). Beachtet werden muss auch, dass er in der Saison 23/24 im österreichischen Unterhaus „nur“ 0,21 xG p90 erreichte.
Seine Vorbereiterqualitäten hat er hingegen über beide Saisons zeigen können: 0,21 xA p90 in der Saison 23/24 war bereits ein Top-Wert (auf Regionalliganiveau), den er in der Hinrunde der aktuellen Saison allerdings mit 0,51 xA p90 (!!!) pulverisiert. Auch die niederländische zweite Liga ist ungefähr mit der Regionalliga zu vergleichen.
Die Position des Mittelstürmers passt Monzialo jedenfalls deutlich besser als die des Linksaußen, wie ein Vergleich mit der Saison 24/25 zeigt.
Monzialo ist zudem sehr dribbelstark. Nicht nur geht er oft ins Dribbling, er gewinnt auch starke ~57 % davon.
In defensiver Hinsicht dürfte der 25-Jährige keine größeren Probleme haben, in das Backhaus-System zu passen. Überdurchschnittlich viele geführte Defensivduelle gewinnt der 1,85m-Mann mit einer guten Quote von knapp 60 %. Lediglich in Sachen Ballabfangaktionen müsste er zulegen: Seitdem er im Sturmzentrum spielt, kommt er nur auf knapp 1,5 p90.
Seitdem Monzialo ausschließlich auf der Mittelstürmerposition spielen darf, performt er sehr gut. Allerdings könnte es sich dabei auch um ein sog. „One-Season-Wonder“ handeln, denn über mehrere Saisons hat er diese Leistung bislang nicht zeigen können. Das hält allerdings andere Vereine wie etwa Heracles Almelo aus der Eredivisie oder den 1. FC Magdeburg, der mit Martijn Kaars anders als die Eintracht hervorragende Erfahrungen mit Transfers aus der zweiten niederländischen Liga hat, nicht davon ab, Interesse zu zeigen. Aus diesem Grund und auch, weil der FC Den Bosch wohl eine Verlängerungsoption besitzt, könnte Monzialo kostspielig werden. Doch auch im Alter von 25 könnte er sein Preisschild durch gute Leistungen in einer anderen Liga noch deutlich nach oben drücken, um seinem zukünftigen Klub einen Transfergewinn zu verschaffen. Lange in der Keuken Kampioen Divisie wird er jedenfalls nicht mehr spielen.
Hacène Benali (26), Red Star FC
Den letzten (neuen) Transfervorschlag darf man unter den heutzutage herrschenden Maßstäben aufgrund seines Alters fast nicht mehr als entwicklungsfähig bezeichnen. Doch auch mit 26 könnte sich Hacène Benali vom Red Star FC noch verbessern. Beim Pariser Zweitligisten ist Benali mittlerweile in eine Rotationsrolle gerutscht, was ihn in Verbindung mit einem auslaufenden Vertrag im Sommer finanziell interessant machen könnte. Transfermarkt.de schätzt seinen Wert auf 300 Tsd. €. Aus den oben genannten Gründen könnte Benali allerdings für weniger Geld zu haben sein. Insbesondere, weil viele französische Vereine seit den TV-Geld-Problemen mit DAZN finanzielle Schwierigkeiten haben sollen.
Benali hat in der Saison 23/24 sehr viel zum Aufstieg des Red Star FC aus der dritten französischen Liga beigetragen, welche etwas schlechter einzuordnen ist als die deutsche Regionalliga. In der zweiten französischen Liga sind seine Werte „nur“ noch überdurchschnittlich. Die Ligue 2 ist nur etwas unter dem Niveau der 2. Bundesliga.
Während er in der dritten Liga sehr starke 0,75 xG p90 aufweisen konnte, wirken seine 0,32 xG p90 in der Zweitligasaison 24/25 fast enttäuschend. Doch auch dieser Wert ist ordentlich, Yardimci kommt in der 2. Bundesliga auf 0,26. In der aktuellen Saison wurden beim Algerier 0,52 xG p90 registriert, wobei dieser Wert aufgrund seiner Jokerrolle und nur 363 gespielten Minuten Spielzeit vorsichtig zu behandeln ist. Seine xG-Werte erreicht er zum einen durch die Ausführung von Elfmetern, zum anderen aber auch durch eine sehr kluge Positionierung im Strafraum und gute Laufwege.
Eine ähnliche Entwicklung haben Benalis erwartete Vorlagen genommen: Von sehr starken 0,2 in der dritten Liga über überdurchschnittliche 0,11 in der ersten Zweitligasaison ist er in der Jokerrolle bei 0,18 xA p90 angelangt. Besonders herausragend sind bei dem 1,82m großen Mittelstürmer außerdem die Key Passes und Deep Completions. Schaut man sich Videomaterial von ihm an, kann man eine Spielintelligenz erkennen. Der Algerier beteiligt sich gut am Spiel seiner Mannschaft.
Benali ist kein Dribbler: Er geht nicht oft in Dribblings und gewinnt diese dann nur unterdurchschnittlich oft (~rund 35%).
In Defensivduelle geht die Nummer 29 von Red Star hingegen oft: Er kommt auf knapp 5 Duelle p90, die er mit einer Quote von knapp 55 % gewinnt. Zudem kommt er auf knapp deutlich überdurchschnittliche 3 Ballabfangaktionen p90.
Benali wäre vermutlich der günstigste der drei heutigen Vorschläge. Das soll allerdings nicht bedeuten, dass er der schlechteste ist. Als Einziger konnte er sich bereits in einer Liga mit einem ähnlichen Niveau wie der 2. Bundesliga zeigen. Auch, wenn er mittlerweile nur noch Rotationsspieler bei Red Star ist, waren seine Leistungen in der Ligue 2 mehr als nur durchschnittlich. Auf dem gleichen Niveau wie Monzialo und Tóth hat er ebenfalls herausragende Leistungen gezeigt. Mit dem Algerier könnte man einen ordentlichen Zweitligaspieler deutlich unter Marktwert verpflichten. Für Benali selbst wird die Perspektive, ab nächster Saison möglicherweise eine größere Rolle zu spielen, verlockend sein.
6 zum Preis von 3
Wer immer noch nicht genug hat, kann sich noch einmal die Transfervorschläge aus dem Sommer anschauen. Auch damals ging es darum, einen Stürmer zu finden, der in das Backhaus-Profil passt. Balk und Mmaee haben ihre Leistungen seitdem stabil gehalten und performen in der Keuken Kampioen Divisie weiterhin ordentlich. Bei beiden läuft der Vertrag im Sommer aus, ihre Vereine werden also die letzte Möglichkeit, sie für eine Ablöse zu verkaufen, möglicherweise nicht verpassen wollen. Auch bei Marc Giger sieht die Situation weitestgehend unverändert aus. Er kommt bei Union Saint-Gilloise weiterhin nur auf Joker-Minuten. Lediglich in vier Spielen stand er für die Belgier in der Startelf, die sich nun zusätzlich mit Biondic aus der Regionalliga verstärkt haben. Bei Giger wäre allerdings nur eine Leihe realistisch.
Fazit

Abb. 2: Dieses Spider-Diagramm zeigt einen Datenvergleich zwischen Yardimci und den vorgeschlagenen Spielern ohne Berücksichtigung der Ligastärke.
Auf den ersten Blick mag diese Grafik überraschend wirken. Es muss aber beachtet werden, dass Yardimci seine Werte in deutlich besseren Ligen erzielt hat. Eine kleine Ausnahme ist Benali, wobei auch bei ihm Leistungen aus der Drittligasaison in Frankreich mit eingeflossen sind. Jedenfalls ist nicht zu erwarten, dass die Vorschläge derart besser sind als Yardimci – auch wenn die Grafik anderes vermuten lassen könnte. Die BTSV-Scouts rund um Chefscout Philipp Schmidt sind jedenfalls laut der BZ bereits auf der Suche nach einem Backup-Stürmer. Wir können also gespannt sein, wer spätestens ab Februar auf der blau-gelben Bank Platz nimmt.
