Das Fazit zur Länderspielpause
6 min readVon Luc und Jussi (Standards)
Die Eintracht steckt (mal wieder) in einer kleineren Krise. Dabei hatten sich die Fans nach den ersten Pflichtspielen Hoffnungen gemacht, als man am 4. Spieltag mit 7 Punkten auf Platz 8 rangierte. Heute, nach dem 8. Spieltag, hat der BTSV noch immer 7 Punkte und befindet sich auf Platz 15 der Tabelle. Damit haben sich die Braunschweiger progressiv ihren erwarteten Werten angepasst: In der xP-Tabelle liegen die Löwen mit 7,7 xP auf Platz 17. Es ist also höchste Zeit, einen Blick auf die Problemstellen der Eintracht zu werfen.

Abb. 1: Dieses xG / xGA Scatter-Plot zeigt die erzielten xG der Vereine auf der x-Achse und die kassierten xGA auf der y-Achse.
1. Das Offensivkonzept von Backhaus
Wie in Abb. 1 unschwer zu erkennen, haben die Löwen ihre Schwächen insbesondere in der Offensive. Mit nur 0,94 xG pro 90 Minuten sind die Blau-Gelben viel zu harmlos.
Es mag zwar paradox erscheinen, doch das Offensivkonzept von Trainer Backhaus basiert maßgeblich auf der Defensive. Durch hohe Ballgewinne und schnelles Umschaltspiel will der Ex-Aachen-Coach ohne viel spielerischen Aufwand zu gefährlichen Torchancen kommen. Im Hinblick auf die xG lässt sich allerdings feststellen, dass dieses situative Angriffspressing noch nicht zu der gewünschten Gefahr führt.
Vergleicht man seine Daten bei Aachen in der Saison 2024/25 mit den Daten der Eintracht in den ersten 8 Spieltage der aktuellen Saison, fällt ein höherer PPDA[1] auf: Statt der 9,68 bei Aachen haben die Löwen nur einen Wert von 11,93, kommen also nicht so intensiv in die Defensivduelle wie die Aachener Spieler der letzten Saison.
Das intensive Aachener Pressing resultierte in hohen Ballgewinnen. Die Nordrhein-Westfalen führten die 3. Liga in Sachen Defensive Packing[2] an. Eintracht schneidet in dieser Kategorie auf Platz 14 der 2. Bundesliga ab. Bei Balleroberungen der Eintracht befinden sich also überdurchschnittlich viele Gegenspieler zwischen Ball und gegnerischem Tor, sodass tendenziell schlechtere Umschaltmöglichkeiten entstehen.
Auch die tatsächliche Höhe der Ballgewinne, unabhängig von der Positionierung der Gegenspieler, lässt beim BTSV zu wünschen übrig. Die Eintracht gewinnt lediglich 15,7 % ihrer Bälle im Angriffsdrittel.
Zudem fällt immer wieder auf, dass der Raum zwischen der Abwehrkette und dem Mittelfeld deutlich zu groß ist. Nach grundsätzlich aussichtsreichem Pressing der blau-gelben Vorderleute kann der Gegner regelmäßig Bälle in diese Zone spielen bzw. wegschlagen, sich aus dem Pressing lösen und zu eigenen Kontersituationen kommen. Selbst, wenn der erste Ball durch die Braunschweiger Defensive vermeintlich geklärt werden kann, führt die Unterbesetzung in diesem Bereich dazu, dass der BTSV die zweiten Bälle nicht gewinnt.

Abb. 2: Ein Beispiel für den zu großen Abstand zwischen Abwehrkette und Mittelfeld aus dem Spiel gegen Paderborn: Brackelmann kann Bilbija anspielen, der mit der viel Platz das Spiel verlagern kann.
Der Eintracht fehlt es also an Zugriff in den Defensivzweikämpfen, Konsequenz in der Umsetzung der Spielidee und entsprechender Raumbesetzung. Das sprach Backhaus in der BZ[3] zuletzt auch klar an: „Ich habe geglaubt, dass alle schon verstanden hätten, was ich möchte“. Möglicherweise ist es dem Fußballlehrer in der Länderspielpause gelungen, an den richtigen Stellschrauben zu drehen und dadurch das Braunschweiger Defensivspiel (und damit auch das Offensivspiel) zu verbessern.
2. Der fehlende Plan B
Ohne das schnelle Umschaltspiel aus hohen Ballgewinnen kommt die Eintracht leider nur äußerst selten gefährlich vor das gegnerische Tor. Das Spiel mit Ball beschränkt sich oftmals auf einige Querpässe in der Defensivreihe. Wenn der Gegner dann ins Angriffspressing schaltet, wird der Ball zur Thorben Hoffmann gespielt, der den Ball lang schlägt. Dabei fehlt es häufig an Präzision.
Auch dies könnte mit dem Konzept von Backhaus zusammenhängen: Den Gegner in Ballbesitz bringen, um ihm dann deutlich näher an dessen Tor zu Fehlern und Ballverlusten zu zwingen. Wie oben beschrieben, klappt Letzteres jedoch aktuell nicht.
Auch das einfache, aber probate Mittel Flanken scheinen die Blau-Gelben nicht nutzen zu wollen. Obwohl im Sturm der 1,88m großen und durchaus sprungstarke Erencan Yardimci aufläuft, flanken sie sehr selten. So stehen sie auf Platz 17 der 2. Bundesliga was die Anzahl an geschlagenen Flanken angeht.
3. Standards
Leider kann die Eintracht auch Standardsituationen bis jetzt nicht in Torchancen ummünzen.
Erstaunlicherweise setzen die Blau-Gelben auffällig häufig auf kurze Ecken. In den letzten vier Pflichtspielen wurden ganze 10 von 22 Eckbällen flach oder in die zweite Reihe ausgeführt. Zwar fanden einige dieser Varianten ihren Weg in den Strafraum. Es bleibt allerdings fraglich, ob man durch die kurzen Varianten die Stärken des Kaders ausnutzt. Immerhin verfügt die Mannschaft über mehrere kopfballstarke Zielspieler und gerade zweite Bälle im Sechzehner könnten regelmäßig für Unordnung sorgen.
Auch die Umsetzung der kurzen Ecken ist wenig überzeugend: Im Ligaspiel gegen Darmstadt beispielsweise spielte die Eintracht 4 von 5 Ecken kurz, meist in statischen 2-gegen-2- oder gar 2-gegen-3-Situationen. Weder entstanden Überzahlsituationen noch dynamische Laufwege, die Räume öffneten oder den Gegner unter Druck setzten. Stattdessen wirkten die Abläufe zäh, leicht auszurechnen und boten den Gegnern sogar Kontergelegenheiten.

Abb. 3: Eine kurze Braunschweiger Ecke, die zu einer 2-gegen-2-Siutation führt.
Im Testspiel gegen Magdeburg war zwar eine leichte Verbesserung zu erkennen: Die Blau-Gelben suchten häufiger die 3-gegen-2-Überzahl und brachten schnelle Flanken in den Strafraum. Dennoch bleibt der Eindruck, dass zwischen Idee und Ausführung eine deutliche Diskrepanz besteht. Wenn das Ziel darin liegt, über Variabilität Standards gefährlicher zu gestalten, muss die Eintracht ihre kurzen Ecken deutlich präziser und vor allem mit mehr Tempo ausspielen.
Bei direkten Ecken fehlt der Eintracht oft das Zusammenspiel zwischen Flankengeber und Läufern. Die Hereingaben kommen selten im richtigen Moment, landen seitlich oder hinter den Angreifern. Besseres Timing und präzisere Bälle wären nötig, um für mehr Torgefahr bei Ecken zu sorgen. Auch bei Freistößen zeigt sich ein ähnliches Bild: unkoordinierte Laufwege, die leicht zu verteidigen sind.
Zudem offenbarte sich zuletzt die Konteranfälligkeit nach eigenen Standards. Gerade bei wegdrehenden Bällen fehlt es an Absicherung und Staffelung.
Lange Einwürfe sorgen bei der Eintracht immer wieder für Unruhe, werden aber zu selten gezielt eingesetzt. Gegen Paderborn zeigte eine Trickvariante das mögliche Potenzial: Di Michele Sanchez täuscht den langen Einwurf an, spielt kurz auf Polter. Solche einstudierten Varianten könnten das Offensivspiel bereichern und sollten häufiger genutzt werden.

Abb. 4: Eine Einwurfvariante gegen Paderborn sorgt für Torgefahr.
Defensiv setzt die Eintracht auf Mischung aus Mann- und Raumdeckung, doch das System greift bislang nur bedingt. Immer wieder können sich Gegenspieler ungestört in gefährliche Räume bewegen oder Überzahlsituationen erzwingen. Wie in Abb. 5 zu sehen, bleibt die Eintracht großteils in der Raumdeckung, während nur wenige Gegner mannorientiert gedeckt werden.

Abb. 5: Ein gutes Beispiel der Braunschweiger Aufteilung bei Defensivstandards.
4. Fazit
Die Eintracht steckt spielerisch in einer schwierigen Phase. Das auf Umschaltmomente ausgelegte System von Trainer Backhaus greift zu selten, da Pressingintensität, Raumbesetzung und Abstimmung fehlen. Ein spielerischer Plan B ist noch nicht zu erkennen. Auch die Standards können noch nicht für genug Torgefahr sorgen. Die Eintracht Fans werden das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf am Freitagabend mit Spannung erwarten, um zu sehen, ob die Löwen über die Länderspielpause an diesen Defiziten arbeiten konnten.
[1] Passes per Defensive Action: Misst, wie viele Pässe der Gegner im Durchschnitt in einer bestimmten Spielfeldzone spielen kann, bevor das verteidigende Team aktiv eingreift. Ein niedriger Wert deutet auf intensives Pressing hin, ein hoher auf passiveres Verhalten. Zur Einordnung: Niedrigster Wert in den Top 5 Ligen: 7,49 / Höchster Wert in den Top 5 Ligen: 17,05.
[2] Defensive Packing: Anzahl der gegnerischen Spieler, die durch eine eigene Balleroberung bereits „überspielt“ sind.
[3] https://www.braunschweiger-zeitung.de/sport/eintracht-braunschweig/article410207324/backhaus-zur-eintracht-krise-entwicklung-und-zeit-sind-nicht-trennbar.html.
