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Kommentar: Argumentum ad Trainer

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Es war die Pressekonferenz vor der Auswärtspartie gegen den SV Darmstadt 98 (2:1-Niederlage), als der damalige Trainer von Eintracht Braunschweig etwas loswerden wollte. Ein „vermeintlicher Datenexperte“ sei in der Braunschweiger Presse (bzw. der Braunschweiger Zeitung) „aufgetaucht“ und habe Dinge gesagt, durch die er sich offenbar angegriffen fühlte: „Daten sind sehr, sehr wichtig. Man erfasst sie, man kauft sie ein, aber sie müssen interpretiert werden. Und das können nur Leute tun, die schon mal selbst schweißüberströmt in der Kabine gesessen haben – Menschen, die das Spiel wirklich verstehen.“

Die Rede war vom Global Soccer Network und Dustin Böttger, der im Studio Blau-Gelb gefragt wurde, wie seine Datenfirma und er zu diesem Zeitpunkt den Kader und die Mannschaft einschätzen würden. Ein interessantes Thema zu diesem und zu späteren Zeitpunkten. Doch mit einem Schulterzucken wollte der Trainer dieses Interview nicht hinnehmen, sondern griff zum Argumentum ad hominem. Das ist lateinisch und bedeutet „Beweisführung gegen den Menschen“. Es ist ein Scheinargument, das die Person des Streitgegners angreift. „Dies geschieht in der Absicht, die Position und ihren Vertreter bei einem Publikum in Misskredit zu bringen“, so die gängige Definition. Die Logik dahinter: Böttger ist kein Trainer, was weiß er also schon?

Es ist zudem ein Argumentum ad stramineum, eine Strohmann-Argumentation. Das Ziel ist es, die Position von Böttger so zu verzerren, dass sie lächerlich, extrem oder einfach falsch erscheint. So meinte Backhaus auf der PK: „Das Spiel ist total subjektiv. Wenn wir anfangen, Menschen oder Spieler immer nur nach Daten zu bewerten, dann spielen wir keine Risikobälle mehr. Dann geht der Dribbler nicht mal mehr in den Zweikampf nach vorne, dann haben wir keinen Mut mehr. Ich sage ganz ehrlich: Ich hoffe, dass sich nicht ganz so viele Nachwuchstrainer so intensiv mit Daten befassen, denn wir haben ein riesiges Problem mit der Kreativität. Je mehr Roboter wir als Trainer ausbilden, desto mehr Roboter bekommen wir als Spieler.“

In seinem Interview sah Böttger die Verpflichtung von Heiner Backhaus kritisch, da seine Spielweise auf extrem hoher Intensität und Pressing beruht. Die Daten zeigten laut Böttger oft ein klares Muster: Solch ein System nutzt sich schnell ab. Wenn ein Trainer es nicht schafft, taktische Überraschungsmomente einzubauen oder die Spielweise situativ anzupassen (z. B. auch mal tiefer zu stehen), wird das System für Gegner nach acht bis zehn Spieltagen leicht ausrechenbar.

Für die aktuelle Saison der Eintracht war die Prognose des Datenexperten eher nüchtern: Basierend auf der Qualität und der Spielweise sah das Datenmodell den Kader kurz vor Saisonstart auf Platz 15. Auch wenn der Kader der beste der letzten Jahre ist, sei er nicht signifikant genug verbessert worden, um sich sicher vom Tabellenkeller abzuheben. Laut Dustin Böttger sollte es für Braunschweig entscheidend sein, eine zweite Spielidee zu entwickeln, um mehr Kontrolle über die Spiele zu gewinnen und nicht nur vom „Anrennen“ abhängig zu sein.

Und genau so kam es, wie Böttger es prophezeite. Die Punkte blieben aus, die Misserfolge gingen weiter und aktuell steht der Verein auf dem 15. Platz. Doch auf den Pressekonferenzen suchte Heiner Backhaus die Schuld meistens bei anderen. Mal waren Abgänge schuld, mal die Verletzten, mal der Kaderumbruch. Oft warf er auch seinem Arbeitgeber indirekt die Schuld vor. Als Zuschauer bekam man das Gefühl, man könne es ihm nicht recht machen.

Etwas mehr Demut hätte ihm als Person gutgetan. Gute Trainer haben eine Spielidee und können diese erfolgreich vermitteln. Die besten Trainer hinterfragen sich selbst immer am meisten und sind besonders daran interessiert, sich weiterzubilden. Am Ende redete sich der Coach in die Sackgasse und lieferte dabei selbst das beste Argument gegen sich: „Daten sind wichtig, aber die Interpretation sollte man bitte den Leuten überlassen, die das auch können.“

Wer Daten pauschal als ‚Roboter-Fußball‘ diskreditiert, verkennt, dass sie lediglich die Realität widerspiegeln. Heiner Backhaus scheiterte letztlich nicht an den Algorithmen von Dustin Böttger, sondern an der Weigerung, Daten als wertvolles Werkzeug zu begreifen oder mindestens, sich selbst des Öfteren mal zu hinterfragen.

„Bei der Eintracht bringt (Lars) Kornetka seine langjährige Erfahrung aus Analyse, Taktik und internationaler Trainerarbeit ein und gilt als moderner Fußballfachmann mit einem analytischen Blick auf das Spiel.“ So die Eintracht ihrer Homepage. Mit Lars Kornetka an der Seitenlinie beginnt bei der Eintracht nun hoffentlich die Ära der Erkenntnis – weg von rhetorischen Nebelkerzen, hin zu einer fundierten Spielidee.

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