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Überraschender Transfervorschlag: Linke Schiene

Warum ein linker Schienenspieler die Schlüsselverpflichtung des Sommers sein könnte und wer dafür in Frage kommt

Wie bereits mehrfach öffentlich betont, fokussieren sich Benjamin Kessel und sein Team aktuell auf die Verpflichtung eines Sechsers sowie eines Offensivspielers. Ohne die Wichtigkeit solcher Transfers in Frage stellen zu wollen, möchte ich die Aufmerksamkeit auf eine andere Position richten, die bisher noch nicht im Rampenlicht stand: Die linke Schiene.

Im System mit Dreierkette müssen die Schienenspieler nicht nur Defensivaufgaben übernehmen, sondern sich auch in der Offensive einbringen. So können sie durch Offensivläufe und Flanken Umschaltsituationen und das Spiel mit Ball zentral prägen. Die vergangenen Saisons haben gezeigt, dass Außenverteidiger in der zweiten Bundesliga zu Unterschiedsspielern avancieren können: So hatten beispielsweise Aaron Zehnter, Leart Paçarada, Tom Rothe und Derrick Köhn großen Anteil am Erfolg ihrer Mannschaften.

Dass die linke Schiene kein wichtiges Transferziel für die Blau-Gelben darstellt, ist auf den ersten Blick wenig verwunderlich. Schließlich hat der BTSV mit Fabio di Michele Sanchez (mit dem wohl auch verlängert werden soll), Leon Bell Bell und Sanoussy Ba drei nominelle linke Außenbahnspieler im Kader. Im Ligavergleich können diese jedoch nicht ganz überzeugen. Leon Bell Bell erreicht zwar überdurchschnittliche Defensivzweikampfwerte (Abb. 1).

Abb. 1: Vergleich der Defensivzweikampfhäufigkeit und -erfolgsquote aller Zweitliga-Linksverteidiger mit mehr als 300 Spielminuten in der Saison 2024/2025, wobei die gestrichelten Linien den Ligadurchschnitt darstellen.

In Sachen Flanken konnte in der vergangenen Saison jedoch keiner der Löwen-LVs überzeugen (Abb. 2). Auch bei den xA p90 rangierten sie im unteren Teil der positionsinternen Tabelle (Bell Bell: 25; di Michele Sanchez: 28, Ba: 36 von 36).

Abb. 2: Vergleich der Flankenhäufigkeit und -präzision aller Zweitliga-Linksverteidiger mit mehr als 300 Spielminuten in der Saison 2024/2025, wobei die gestrichelten Linien den Ligadurchschnitt darstellen.

Wie bereits oben angesprochen, nehmen die Schienenspieler in Systemen mit Dreierkette regelmäßig großen Einfluss auf das Offensivspiel. Besonders bei Eintracht Braunschweigs Kader und Spielweise könnte ein solcher Spieler noch einmal für deutlich mehr Gefahr sorgen. Mit Erencan Yardımcı, Sebastian Polter und Levente Szabó haben die Löwen gleich 3 groß gewachsene bzw. mit viel Sprungkraft ausgestattete Mittelstürmer in den eigenen Reihen. Durch gute Flanken könnten diese noch besser in Szene gesetzt und so das blau-gelbe Spiel eine Facette reicher gemacht werden. Gerade wenn gegen tiefstehende Gegner spielerisch nicht viel funktioniert, sind Hereingaben von außen oder aus dem Halbfeld ein probates Mittel.

Nun kommen wir aber zum größten Problem der Eintracht: Das Budget. Gerade weil die Braunschweiger bereits drei nominelle linke Schienenspieler auf der Gehaltsliste stehen haben, darf ein potenzieller Neuzugang nicht viel kosten. Im Optimalfall könnte man den ohnehin nicht mit viel Spielzeit auffallenden Ba zusätzlich verleihen. Es war dementsprechend anspruchsvoll, 3 Spieler zu finden, die sowohl Defensiv- als auch Offensivqualitäten mitbringen und das Gehaltsbudget und/oder Transferbudget nicht allzu sehr belasten würden.

Jérôme Roussillon (32), vereinslos

Jérôme Roussillon ist ein prominenter Name. Der 32-jährige Franzose stand zuletzt bei Union Berlin unter Vertrag, kam in der letzten Saison jedoch nur noch auf knapp 100 Bundesligaminuten. Vor seiner Zeit in Berlin hatte er insbesondere bei unseren grün-weißen Nachbarn aus Wolfsburg dermaßen überzeugt, dass zwischenzeitlich Medienberichten zufolge sogar der FC Barcelona auf ihn aufmerksam geworden war. Wegen der geringen Spielzeit in der Spielzeit 2024/2025 habe ich seine Leistungen aus der vorherigen Saison bei Union Berlin zugrundegelegt.

Roussillon geht nicht oft in Defensivzweikämpfe. Wenn er sie annimmt, löst er sie mit einer für die Bundesliga durchschnittlichen Erfolgsquote von 60%. Bei Ballabfangaktionen liegt er leicht unter dem Bundesligadurchschnitt. Allerdings muss man bedenken, dass er in der zweiten Bundesliga nicht gegen Flügelspieler mit Champions League Niveau spielen wird, sodass man durchaus annehmen kann, dass sich seine Erfolgsquote in der zweiten Liga verbessern würde.

Der Nationalspieler von Guadeloupe schlug bei Union zwar nicht viele Flanken (generell schlug Union Berlin unterdurchschnittlich viele Flanken, Platz 14 der Bundesliga). Wenn er diese schlug, war er jedoch erfolgreich: 42,86 % angekommene Flanken von der linken Seite ranken ihn auf Platz 12 von 41 Linksverteidigern in der Bundesligasaison 2023/2024. Nicht nur die Daten sprechen für eine hohe Flankenqualität, sondern auch der Eye-Test. Schaut man sich Videomaterial an, sieht man, wie gefährlich Roussillon den Ball vor das Tor bringen kann. Zu beachten ist allerdings, dass er extrem von seinem linken Fuß abhängt.

Er hat eine gute Ballkontrolle und eine ordentliche Geschwindigkeit. Zusätzlich ist er durch seinen niedrigen Körperschwerpunkt sehr wendig. In der Bundesliga erzielte er durchschnittliche Dribbling- und Offensivduellwerte und leicht überdurchschnittliche Carry-Werte. In der zweiten Bundesliga dürfte sich allerdings ein Qualitätsunterschied bemerkbar machen, sodass er diese Qualitäten insbesondere auch in den für Backhaus typischen Umschaltsituationen wertbringend einsetzen könnte. Immer wieder geht er klug, schnell und mit dem richtigen Timing die Außenlinie entlang (wie beispielsweise in Abb. 3).

Abb. 3: Ein Beispiel, wie Roussillon bei der Eintracht funktionieren könnte: Er macht bei einem relativ unkontrollierten Ball Druck auf den Gegner und ermöglicht so die Balleroberung seines Mitspielers, der ihm den Ball direkt in den Lauf spielt. Mit einer Körpertäuschung lässt er erst einen, mit einer Flankentäuschung dann einen anderen Gegenspieler aussteigen, bevor er seinen völlig frei stehenden Mitspieler im Rückraum anspielt.

Auch wenn Roussillon zuletzt nicht mehr viel Spielzeit bekam und die betrachteten Werte nicht saisonaktuell sind, lässt sich sagen, dass Roussillon mit durchschnittlichen und vereinzelt überdurchschnittlichen Werten in der Bundesliga für die Braunschweiger Eintracht eine Top-Verstärkung wäre. 

Außerdem wirkt er auch neben dem Platz wie eine Bereicherung. In Interviews gibt er sich nett und lustig, zudem spricht er mittlerweile ein sehr ordentliches Deutsch.

Ähnlich wie für Anthony Ujah könnten ein bis zwei Saisons an der Hamburger Straße ein goldener Oktober für „Rouss“ werden. Allerdings wird sich die Eintracht den Schienenspieler nur leisten können, wenn er auf ein üppiges Handgeld verzichtet und sich auf einen leistungsbasierten Vertrag einlässt. Für ihn spräche auch einiges pro Eintracht: Er wäre nicht nur Stammspieler, sondern zudem wieder in der Region, in der er seine sportlich beste Zeit hatte. Außerdem gefällt ihm das Braunschweiger Land nach eigenen Aussagen sehr gut. Möglicherweise könnten sich die Blau-Gelben also viel Qualität und Erfahrung zu einem an seinen Qualitäten gemessen schmalen Preis sichern.

Julio Díaz (20), Atletico Madrid B

Für Díaz ist die kommende Saison zwar erst seine zweite Herrensaison, doch konnte er für Atletico’s zweite Mannschaft in der dritten spanischen Liga schon gute Leistungen abrufen. Dies wurde von den Madrilenen im Sommer prompt mit einem Vertrag bis 2028 belohnt. Er spielte zunächst als Linksverteidiger in einer Viererkette, bis er zum Ende der Saison auf den offensiven linken Flügel beordert wurde.

Der spanische U19-Nationalspieler kam in der vergangenen Saison auf eine im Vergleich zu seinen Ligakollegen leicht unterdurchschnittliche Anzahl an Defensivduellen, von denen er durchschnittliche 63 % gewann. Insbesondere die Anzahl an Defensivduellen kann von der Taktik abhängen. Im Teamvergleich innerhalb der Liga führte Atletico B leicht unterdurchschnittlich viele Defensivduelle.

Man muss bei der Einschätzung von Julio Díaz berücksichtigen, dass der spanische Fußball grundsätzlich deutlich technischer, aber weniger physisch ist. Díaz müsste sich dementsprechend nicht nur an die höhere individuelle Klasse seiner Gegner in der zweiten Bundesliga, sondern auch insbesondere an deren bessere Physis gewöhnen.

Dass er bei Atletico eine hervorragende technische Ausbildung genossen hat, zeigt sich nicht zuletzt an seinen Flanken. Diese schlägt überdurchschnittlich oft, was auch daran liegt, dass er Ecken schlägt, und mit einer guten Präzision von knapp 36 %. Auch im Eye Test erkennt man die hohe Qualität seiner Flanken, auch wenn diese geklärt werden, weil sie im Regelfall in gefährlichen Zonen ankommen. Er kommt auf herausragende 1,44 shot assists p90 (wie etwa in Abb. 4) und kreiert 0,14 xA p90 (doppelt so viel wie der Ligadurchschnitt).

Abb. 4: Julio Díaz erobert in einer Gegenpressingsituation den Ball an der Seitenlinie, zieht direkt Richtung Grundlinie und bedient seinen Mitspieler im Rückraum.

Ähnlich wie Roussillon hat auch er einen niedrigen Körperschwerpunkt, wovon er in Offensivduellen bzw. Dribblingsituationen profitiert, wie seine deutlich überdurchschnittlichen Erfolgsquoten zeigen. Er wirkt, als hätte er eine gute Geschwindigkeit, und zeigt gute Läufe die Linie entlang.

Bei Julio Díaz überwiegen klar die offensiven Qualitäten. Hinsichtlich dieser bin ich sehr optimistisch, dass der Sprung in das deutsche Unterhaus gelingen kann. Aufgrund der höheren Spielklasse und der Physis könnte die Defensive jedoch ein Risiko birgen. Auch die Sprache würde bei der Eingewöhnung nicht helfen. Aus der spanischen dritten Liga gelangen in diesem Sommer einigen Spielern (vor allem aus der Reserve von Real Madrid) direkte Transfers in Topligen, wie zum Beispiel Alvaro Rodríguez (Elche CF) und Chema Andrés (VfB Stuttgart).

Eine Leihe von Julio Díaz könnte für alle Parteien Sinn machen. Insbesondere, da es realistisch erscheint, dass Atletico den jungen Spanier günstig per Leihe in die zweite Bundesliga abgibt, weil hier ein sehr körperbetonter Fußball gespielt wird und dieser dem Ansatz von Diego Simeone entspricht. Eintracht könnte Spielpraxis in einer höheren Liga anbieten und gleichzeitig von der Offensivgefahr von Díaz profitieren.

Raul Marița (18), Greuther Fürth II

Der letzte Spieler im Bunde ist auch gleichzeitig der jüngste. Der rumänische U-19 Nationalspieler wurde erst letzten Winter aus der vereinseigenen Jugendmannschaft in die Regionalligareserve von Greuther Fürth gezogen. Dort konnte er so sehr überzeugen, dass er die Vorbereitung mit den Profis absolvieren durfte und am ersten Spieltag sogar im Kader der Kleeblätter stand.

Raul Marița bringt in einigen Parametern herausragende Werte mit. Bevor wir uns diese allerdings im Detail angucken ist es wichtig zu betonen, dass diese Werte aus lediglich 514 Regionalligaminuten des 18-Jährigen stammen. Insofern ist die sample size beschränkt.

Bereits die Defensivwerte des Deutsch-Rumänen überzeugen auf ganzer Linie. Nicht nur führt er extrem viele Defensivzweikämpfe, er gewinnt auch überragende 70% von diesen. Auch bei Ballabfangaktionen liegt er regionalligaübergreifend auf Platz 3 aller Linksverteidiger. Diese Werte erreichte er sowohl als Linksverteidiger in einer Viererkette, als auch als linker Schienenspieler vor einer Dreierkette.

Pro 90 Minuten schlug Marița mit 5,6 die zweitmeisten Flanken von der linken Seite. An der Flankenqualität muss er allerdings noch arbeiten. Zwar sind kanapp 34 % angekommene Flanken kein schlechter Wert, seine Flanken sehen teilweise allerdings noch unkontrolliert und unsauber aus. Mit 0,29 xA p90, die natürlich nicht nur aus Flanken entstanden sind, zeigt er trotzdem eine große Gefahr durch Vorbereitungsaktionen.

Bei erfolgreichen Offensivaktionen p90 belegt er den dritten Platz, bei den progressiven Läufen Platz 5 aller Linksverteidiger in den Regionalligen. Insbesondere letzterer Wert dürfte sehr interessant für das Braunschweiger Umschaltspiel sein. Er wirkt als hätte er eine gute Geschwindigkeit und seine Physis ist für sein Alter überraschend gut.

Abb. 5: Im Testspiel mit den Profis gegen Ingolstadt nimmt Marița seinem Gegenspieler den Ball ab, geht an diesem vorbei und flankt perfekt auf den einlaufenden Consbruch.

Auch wenn Marița bereits in der U19-Bundesliga sehr gute Werte zeigen konnte, muss man immer beachten, dass er erst 514 Minuten im Herrenfußball absolvieren konnte und die oben beschriebenen Werte in der Regionalliga Bayern erzielt hat. Eine 1:1 Übertragung dieser Leistung ist natürlich nicht möglich und seine Werte werden sich (auch wenn er weiterhin in der Regionalliga spielt) zumindest etwas normalisieren.

Dennoch sind seine Leistungen überragend. Auch Fürth scheint ihn nah an der ersten Mannschaft zu sehen. Für den Moment gibt ist allerdings an Luca Itter und Reno Münz kein Vorbeikommen. Dies dürfte nicht besser werden, wenn der nominelle Stammspieler Marco John aus seiner Verletzungspause zurückkommt. Genau das könnte sich die Eintracht zunutze machen. Da ich in Marița einen Spieler mit großem Potenzial und bereits jetzt vielversprechenden Ansätzen sehe, wäre mir eine Festverpflichtung am liebsten. Ob und zu welchen Konditionen Fürth das bis 2027 gebundene Talent fest abgeben würde, ist fraglich. Jedenfalls eine einfache Leihe erscheint vorstellbar, gerade weil das Gehalt des 18-Jährigen keine wirtschaftliche Rahmen sprengen dürfte.

Fazit

Im Bewusstsein, dass die Eintracht vermutlich nicht nach linken Schienenspieler fahndet, bin ich davon überzeugt, dass man auf dieser Position für einen großen Qualitätssprung sorgen kann und, dass es hierfür preisgünstige Optionen auf dem Markt gibt. Auf welchen Positionen sich die Löwen letztlich verstärken, werden wir spätestens am 1. September, dem Deadline Day, wissen.

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