Website-Icon

Neuer Trainer, alte Probleme?

(Die Daten von Benkovic wurden am 12.6.23 aktualisiert)

Moin Löwen!

Es ist viel passiert in den vergangenen drei Tagen. Ein neuer Trainer, Jens Härtel, ist da und wir müssen uns wieder daran gewöhnen, mit ihm eine etwas andere Eintracht auf dem Platz zu sehen. Doch zunächst ein Wort an Michael Schiele:

Lieber Micha!

Ich möchte dir von ganzem Herzen danken. Ich war nicht immer mit deinen personellen oder taktischen Entscheidungen zufrieden, aber dennoch bleibe ich bei meiner Einschätzung, dass du als Trainer Bundesliga-Qualitäten hast. Ich hoffe eines Tages wird es soweit sein und du wirst auch deine Kritiker in Braunschweig davon überzeugen, dass sie mit deiner Freistellung einen Fehler gemacht haben.

Danke Micha. (Bild: K.Kunert)

Alles gute für deine Zukunft!

Gründe sind eindeutig

Gleichwohl gibt es klare Gründe für den Trainerwechsel bei Eintracht Braunschweig. Aus dem Umfeld hört man immer wieder einen Hauptgrund: Man traue Schiele nicht zu, die Mannschaft weiterzuentwickeln. Man will sich als Zweitligist etablieren. Am Ende schienen den Eintracht-Verantwortlichen die letzten Auftritte in der vergangenen Saison dann doch zu sehr im Magen gelegen zu haben. Von Entmutigung und spielerischem Rückschritt war die Rede.

Fakt ist, die begeisternde Spielweise aus der 3. Liga konnte in der 2. Bundesliga nicht kopiert werden, vielmehr passte Schiele seine Taktik und Spielweise stark an die neue Liga an. So waren zum Beispiel die hohen Ballgewinne im gegnerischen Drittel noch ein bewährtes Mittel in der Unterklasse, doch in der 2. Liga hatte man im Schnitt nur 7 Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte (18. Rang im Ligavergleich). Am Ende wurde es auch mit dem Klassenerhalt sehr knapp.

Mehr Schwächen als Stärken

So wie Eintracht in der letzten Saison spielte, waren es die Konter und Angriffe durch die Mitte, die sie im Angriff stark machte. Auch mit Einwürfen kam die Eintracht gut zurecht. Nach Ballverlust zeigten die Löwen immer noch Gegenpressingqualitäten und hatten 0.47 Balleroberungen nach eigenem Ballverlust innerhalb von 5 Sekunden (4.) Die Flanken der Eintracht landeten gut am ersten Pfosten, ebenso die Pässe von der Grundlinie in den Rückraum.

Gegen den Ball klärte Eintracht viele Bälle aus der Gefahrenzone und hatte viele Ballgewinne im eigenen Sechzehner. Im Pressing setzten vor allem die Einzelspieler den Gegner in Bedrängnis. Die Abwehr stand häufig unter Druck, doch die Eintracht hielt mit Defensivaktionen, zum Beispiel durch viele Tacklings, dagegen.

Leider hatte die Eintracht sehr viele Schwächen. Mit dem Ball fehlte es vor allem an Toren und Torchancen. Die Schüsse kamen oft aus schlechter Position und hatten nur eine durchschnittliche Torwahrscheinlichkeit von 11,17% pro Schuss (16.). Die Eintracht hatte wenig Spielanteile und kaum gelungene Aktionen. Das Flügelspiel der Löwen war schwächer als das Spiel durch die Mitte. Unser Passspiel war teilweise von sehr viel Risiko geprägt und so kamen nur wenige Pässe an. Zum Beispiel hatte man pro Spiel nur 85.24 ankommende Pässe in der gegnerischen Hälfte (17.). Der Spielwitz fehlte und im 1 gegen 1 konnte die Eintracht nicht überzeugen. Insgesamt hatte der BTSV nur 20:31 Minuten Ballbesitz pro Partie (18.).

Gegen den Ball war Eintracht oft gezwungen, den Gegner zu foulen. Als Team presste man nicht effektiv oder effizient genug und der Gegner kam oft zu guten Torchancen und auch Toren. In den Zweikämpfen fehlte die Intensität und der Kontrahent kam oft über die Flügel zu seinen besten Chancen. Auch bei den gegnerischen Standards sah die Eintracht häufig alt aus.

Klassenerhalt. (Bild: K. Kunert)

Insgesamt lieferten die Löwen eine Leistung ab, die zwar für den 15. Tabellenplatz reichte, in der Performance-Rangliste aber nur für Platz 17. So war es am Ende mehr Glück als Verstand, die Klasse gehalten zu haben. Vor diesem Hintergrund wird auch die Entlassung von Schiele etwas verständlicher. Eintracht konnte spielerisch über weite Strecken nicht überzeugen.

Doch ist das schon die ganze Wahrheit?

Kaderprobleme

Schon vor der Saison wussten unsere geneigten LeserInnen, dass es mit dem Klassenerhalt sehr schwer werden würde. Die Kaderqualität-Rangliste zeigte nämlich, dass der BTSV den schlechtesten Kader in der Liga hatte. Durch die Last-Minute-Transfers und Winterneuzugänge konnten wir zwar den SV Sandhausen noch überholen, aber die Leistung und Qualität des Kaders bewegten sich auf dem Niveau von Platz 17. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass es Schiele gelungen ist, mehr aus dem Kader herauszuholen, als es aufgrund der Datenlage erwartbar gewesen wäre.

Kein Vorwurf an Schiele also? Nun ja, er war nach meinen Informationen stark an der Kaderzusammenstellung beteiligt. Auch hat er immer wieder einige gute Spieler nicht eingesetzt (Hoffmann) oder auf falschen Positionen (de Medina). Manche Spieler haben trotz erheblicher Schwächen immer wieder gespielt (Donkor). Dennoch hat er (mit etwas Glück) seine sportlichen Ziele erreicht. Dass Glück zum Spiel gehört, zeigte unlängst auch das Champions-League-Finale.

Letztendlich hatten die Spieler aber nicht die richtigen Eigenschaften, um langfristig gute Leistungen zu bringen. Die Top-Performer in der Mannschaft waren Immanuel Pherai, Filip Benkovic, Ron-Thorben Hoffmann, Jannis Nikolaou und Maurice Multhaup. Wobei diese Spieler im Ligavergleich nicht immer zu den Besten auf ihrer Position gehörten. So war z.B. Pherai der sechstbeste Zehner, Benkovic aber nur der 39. beste*) Innenverteidiger aller 95 Innenverteidiger der 2. Liga – wenn auch der zweitbeste Braunschweiger.

Die Spieler, die am meisten mit ihrer Leistung zu kämpfen hatten, waren Luc Ihorst, Pena Zauner, Lion Lauberbach, Fabio Kaufmann und vor allem Tarsis Bonga. Gerade Bonga schien mir immer ein Schiele-Transfer zu sein, was man ihm definitiv als eine Fehleinschätzung anrechnen kann. Auch Kaufmann war für mich einer der krassesten Schiele-Fehler. Dass Lauberbach seine Leistung in der 2. Liga nicht wiederholen wird, habe ich bereits im Januar 2022 angemerkt. Ihorst dagegen hat vermutlich wegen seiner Verletzung nicht richtig performt. Man kann nur hoffen, dass er schnell wieder fit wird, denn er bringt definitiv die richtigen Eigenschaften mit.

Scoutingprobleme

Dass wir mit einem schwachen Kader in die letzte Saison gegangen sind, hat aus meiner Sicht vor allem mit unserem Scoutingmodell zu tun. Dass ein Trainer ein Wörtchen bei den Verpflichtungen mitredet, ist ja noch in Ordnung, aber Schiele hat mehr als nur mitgeredet.

Im Scouting stellt sich die Eintracht für die kommende Saison nun mit Neuzugang Benny Kessel, Dennis Kruppke und dem Hauptverantwortlichen Peter Vollmann auf. Hinzu kommt im trainerzentrierten Modell (was ich persönlich nicht bevorzuge) nun der neue Trainer Jens Härtel. Gemeinsam haben sie die Aufgabe, Spieler zu finden, die mit ihren Eigenschaften und ihrer Qualität die Eintracht voranbringen können.

Dass man dabei Spieler weiterentwickeln möchte, wurde auch beim Trainerwechsel kommuniziert. Dazu braucht man aber Spieler, die man entwickeln kann. Schiele hatte das Problem, dass er einen Kader vorfand, der im Schnitt zu 95 Prozent bereits auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung war. Wenn uns die letzte Saison etwas gelehrt hat, dann, dass dass man bei den Spielern vor allem auf ihre Eigenschaften und ihren Entwicklungsstand achten sollte.

Dabei ist es wichtig, dass auch auf die Finanzen geachtet wird. Mit Sicherheitseinkäufen tut man sich auf Dauer keinen Gefallen und bleibt von Beratern und dem brutalem Transfermarkt abhängig – und hilflos. Im Schnitt lag das Grundgehalt bei den Löwen bei 185.000 Euro pro Spieler. Dabei ist zu beachten, dass Punkteprämien oder ähnliche Klauseln nicht enthalten sind. Ein Pherai wird vermutlich mehr verdienen als nur sein Grundgehalt.

Jens Härtel, der neue Alte

Herzlich Willkommen in Braunschweig, Jens Härtel!

Für eine fundierte Analyse ist es noch zu früh. Ich möchte Härtel zunächst ein bisschen Zeit geben, um zu sehen, welche Spieler kommen, wie die Sommervorbereitung läuft und dann werde ich ihn und die Situation bei der Eintracht in der Saisonvorschau genauer unter die Lupe nehmen.

Jens Härtel. Bild: Wikicommons

Dennoch folgt natürlich eine erste Einschätzung. Die gute Nachricht für Eintracht-Fans: Der Trainerwechsel ist kein Qualitätsverlust! Härtel bringt direkt Bundesliga-Qualität mit sich. Bei seiner Performance ist allerdings zu beachten, dass er in der 2. Bundesliga mit 1,08 Punkten pro Spiel nicht mehr und nicht weniger mit der Eintracht als gegen den Abstieg kämpfen wird. Seine Siegquote von 25,81% ist ausbaufähig.

Härtel bevorzugt drei Systeme. Hauptsächlich lässt er seine Mannschaft in einem 4-2-3-1 auflaufen, je nach Bedarf wechselt er aber auch in ein 3-4-3 oder 4-3-3. Zu seinem taktischen Stil gehört das dynamische Kontern. Im Aufbauspiel spielen seine Jungs meist ausgeglichen. Zudem lässt Härtel seine Mannschaften sehr vertikal, also direkt, spielen. Gegen den Ball sind seine Mannen sehr aktiv. Im Gegensatz zu Schiele in der letzten Saison setzt er auf Raumdeckung.

Wie gut passt Härtel zu Braunschweig?

Härtel wird einen grundsätzlichen Unterschied zu Schiele mitbringen, denn er setzt gezielt auf offensive Standards, was in dieser engen Liga nur von Vorteil sein kann. Die Eintracht wird aggressiver gegen den Ball arbeiten und den Gegner schon früh unter Druck setzen. Positiv ist auch, dass Härtel eine Viererkette bevorzugt, mit der die Eintracht in der vergangenen Saison stärker auftrat. Auch das Spiel in die Tiefe kommt unserem Team entgegen. Sein In-Game Coaching ist ein weiterer Pluspunkt im Vergleich zu Schiele. Seine Teams können auch ohne starken Außenbahnspieler und mit oder ohne Spielmacher agieren. Somit wäre der Erfolg auch nicht so stark von einem möglichen Abgang von Pherai abhängig.

Letztlich wird der Erfolg oder Misserfolg von Härtel vor allem vom Kader und dessen Qualität abhängen. Wenn es den Verantwortlichen gelingt, gute und vor allem passende Spieler zu verpflichten, dürfte Härtel erfolgreich sein. Er kann Spieler weiterentwickeln. Ein verletzungsanfälliger 29-jähriger Sechser wird aber auch unter seiner Leitung keine großen Sprünge mehr machen.

Nun müssen wir Fans aber erstmal etwas abwarten, bis sich die ersten Antworten auf Transfermarkt und Platz abzeichnen…

Daten von Global Soccer Network.

P.S. Gratulation an die BTSV-Frauen!

*) GSN auf Twitter: „Zum Verständnis. Benkovic ist ein herausragender Innenverteidiger. Gehobenes Bundesliganiveau mit Potential in die internationale Klasse. Er hat das, wofür er geholt wurde, vollumfänglich geliefert! Defensiv ein Fels! Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass er & seine Spielweise eindimensional sind. Offensiv kommt sehr wenig. Muss es auch nicht, das war nicht der Plan der Eintracht.
Wenn wir Spieler miteinander vergleichen wollen, muss diese Eindimensionalität zwingend in die Bewertung rein.“














Die mobile Version verlassen